IndienUrlaub in "Ingien"

Betelnüsse und Ketchupblut

07.09.2003 |

Indien, Lektion eins: Geduld. Viel Geduld.

Das beginnt merkwürdigerweise schon Samstags in Paderborn(!), wo ich bei der Sicherheitskontrolle auf meine Schuhe warten muss, die eine Extrarunde drehen. Nachts angekommen in Indien, warte ich Ewigkeiten auf mein Gepäck. Naja, um ehrlich zu sein, haben Inga und ich auch lange aneinander vorbei kommuniziert, bis wir jetzt endlich am gleichen Tag, zur ungefähr gleichen Zeit, uns am gleichen Flughafen in der gleichen Stadt wiedersehen. Die heisst New Delhi. Inga ist für 6 Monate zum Praktikum in der deutschen Botschaft hier, und ich für vier Wochen auf kleiner Tour.

Die nächste Geduldsprobe bahnt sich in einer endlosen Diskussion zwischen 6 Taxifahrern und Parkplatzwächtern darüber an, ob unser Taxi ein Parkticket hatte oder nicht. Dass man als westlicher Mensch schnell Menschenaufläufe provoziert, erfährt man in Indien regelmässig. Hinzu kommt, dass die Inder grossartige Quasselstrippen sind und gern Kleinigkeiten zum Anlass für langatmiges Geschwätz nehmen.

Irgendwann geht es doch auf in Richtung Ingas umzäunter neuer Heimat im Süden Delhis. Nach der ersten Plünderung meines "Weihnachtspaketes" (Aldi-Nudeln-Fertiggericht) erst einmal ausschlafen.

Egal wohin man fährt, rotten sich irgendwo die Deutschen zusammen. Im abschliessbaren Journalistenviertel – mit für Delhi ungewöhnlich grünem Ausblick- gehört eine Etage unter Inga Anja dazu, Kommilitonin aus Bremen und hier in der ARD- Korrespondez tätig, und nebenan Christof, Jurist im Referendariat, ebenfalls in der Botschaft. Durch Zufall haben die drei noch einen echten Inder aufgegabelt, der mit auf Sightseeingtour loszieht.

Indien begrüsst mit Nieselregen, anstatt mit einem "bath in the nectar of love", wie es dem grossen Gandhiji bereitet wurde. Nachzulesen im typisch indischen, blumigen englisch im Gandhi Memorial Museum (Raj Ghat, Eintritt frei), in dem man u.a. dessen letzten 200 Schritte in Beton nachempfunden bis zum Ort seiner Ermordung abschreiten kann. Für mich ungewohnt, eher fotografieren zu dürfen, als seine Schuhe anzubehalten. Danach endlich Essen!

Erste Eindrücke vom "wahren" Gesicht Indiens ergeben sich aus zig Rickshawfahrten und kleinen Stadtbummeln. Vom Verkehrsystem mit mindestens 3-4 spuriger Benutzung von zweispurigen Fahrbahnen, die noch zur Hälfte von relaxten Kühen belegt sind, vom India Gate, von futternden Affen vor dem Wohnsitz Vajpayees, beladende Elefanten in den Seitengassen, an denen man vorbeibraust und natürlich gerade nicht die Kamera griffbereit hat, vom westlichen Konsumglück in verkommenen kolonialen Arkadenbauten, von Betelnuß rot gefärbter Spucke auf Gehsteigen, bettelnden Kinderhänden, gerissenen Markthändlern und von einer amüsanten Schlepptour in angebliche Einkaufsparadiese im Hinterhof.

Zum Abschluß des Tages dann gleich ein Bollywoodblockbuster. Bereits vor Filmbeginn geht´s heftig zur Sache: Auf eine Frau, die es gewagt hat, sich in den ausschliesslich männlichen Zuschauerraum zu setzen, wird nach einiger Rangelei mit einem Bambusstock losgegangen. Bemerkenswerterweise setzt sie sich durch.

Indische Kinoregel Nummer eins: Nur auf die Balkonsitze, es sei denn, man wollte schon immer zentraler Punkt einer Massengrabscherei sein. Stichwort unterdrückte Sexualität. Sobald auf der Leinwand ein Kuss angedeutet wird, beginnt das grosse Gekreische und Gelächter. Ansonsten klingeln unentwegt Handys, wird lauthals gelacht oder mitgesungen. Gaskocher dürfen, laut Sicherheitshinweis, übrigens nicht mitgeführt werden.

Kennt man die Handlung eines Bollywoodfilms, kennt man sie ja eigentlich fast alle: eine einfach gestrickte Romanze zwischen dem Helden mit Schnurrbart, der sogar verletzt noch 12 Schurken im Ketchupblutgemetzel erledigen kann, und einer oder zwei schönen Frauen, zwischendurch viel Tralala und Gesinge und Getanze im Stil von DJ Bobos Humpelschrittdanceacts, nur aus diesem Film wird man nicht so ganz schlau. Wir geben nach geschlagenen zwei Stunden auf.

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Heike Schwarzpelz
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Bremen
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Alle Reisen von Heike Schwarzpelz

Urlaub in "Ingien"

Urlaub in "Ingien" heisst zu Besuch bei Inga - in Indien. Meine alte WG-Kumpanin macht derzeit ein 6-monatiges Praktikum in der deutschen Botschaft in New Delhi. Von hier aus geht es mit Notebook und DigiCam im Rucksack in holperigen Bussen und Zügen in Richtung des Himalaya, der Thar-Wüste, an den Strand, durch allerlei Städte oder auch ganz woanders hin. Mal sehen.
Die nächsten vier Wochen ist morgen auch noch ein Tag.