
Tokyo & Australien Special
Australien - Vom Great Barrier Reef bis zur Great Ocean Road
09.04.2005 |
Zugegeben, ich hätte nicht wirklich einen Paul Hogan- oder Steve Irwin-Verschnitt erwartet, der mit lässig geschultertem Alligator am Ausgang vom Brisbaner Flughafen wartet. Kommt man aber von den kleinen, zierlichen, immer lächelnden und lustig gekleideten Japanern angeflogen, dann ist das letzte, was ich verkraftet hätte, ein Mensch in kurzen Hosen und hochgezogenen Socken (wie sahen noch mal die typisch deutschen Urlauber aus? Kann mich gerade nicht erinnern), der mir den Weg versperrt und hohe Strafen androht, sollte ich Bananen oder Äpfel bei mir führen.
Vielleicht sollten die Australier sich nicht so gegen Importobst wehren, sind sie doch schließlich das statistisch zweitdickste Volk der Erde.
Wenn man aber bedenkt, dass beispielsweise in den Blue Mountains vor einigen Jahren längst ausgestorben geglaubte Bäume gefunden wurden, deren Entdeckung den Botanikern dem Fang eines munter durch den Wald stapfenden Dinosaurier gleich kommt, dann mag man nachvollziehen, dass die Aussies nicht gern fremde Keime in ihr jahrtausendelang so perfekt abgeschottetes Land importiert haben wollen, egal ob noch was Gesundes mit dran hängt oder nicht.
Außerhalb des Flughafens tauchen durchweg entspanntere Vertreter von kurzen Hosen und hochgezogenen Socken auf, aber eben immer noch in kurzen Hosen und hochgezogenen Socken. No worries. Solange man in einem golden glitzerndem 70er Jahre Mercedes (und barfuss!) in eines der besten Ferienparadiese, nämlich Byron Bay, kutschiert wird und dort in einer ortsüblichen WG mit Sofa auf der Veranda und Tipi und Dusche im Garten Unterschlupf findet, können meinetwegen auch alle splitternackt durch dieses seltsame Land springen, wenn sie wollen. Byron Bay hatte Suchtcharakter. Jeden Tag beschlossen wir aufs Neue, am nächsten zu fahren, drehten endlich eine kurze Runde weiter nördlich, und saßen zwei Wochen später wieder in Byron, fest entschlossen, am nächsten Tag weiter zu fahren, oder vielleicht auch an dem danach…
Zugegeben, es geht wahrlich zu vielen Leuten mit diesem Ort so, und schönere, einsame Strände könnte man nicht weit entfernt haben, aber beim Surfen in Delphinbegleitung oder beim Bad in einem von den Ufersäumenden Teebäumen fast schwarz gefärbten See kann man die Massen anderer Backpacker ganz gut ausblenden. In Byron gesellte sich bereits nach wenigen Tagen außerdem Kollege Bruno zu uns, unser portables Eigenheim, mit dem wir in den folgenden Wochen circa 6000 Kilometer zurücklegten.
Bruno on the Road – Nördlichster Punkt der Reise wurden die Whitsunday Islands, von deren spektakulären Stränden ich schon seit Jahren dank eines Kalenderblattes geträumt hatte, wenn ich eigentlich für Klausuren hätte lernen sollen. Leider kann ich aus Erfahrung sagen, dass es sich mit mir und den besten Stränden der Welt so verhält, dass es an solchen Tagen immer zu stürmen, hageln oder mindestens zu regnen beliebt. Ab und zu nutze ich diese Tage auch, um mich zu verletzen (s. Foto), weil ich in paradiesischer Umgebung nichts Besseres mit mir anzufangen weiß als auf glitschigen Felsen herumzuklettern und Muscheln des Nationalparks zu sammeln, was vor allem in Queensland ein unerwarteter Nervenkitzel sein kann, dank der Behausung durch giftige Kegelschnecken.
Die ungeteilte Aufmerksamkeit der durchweg männlichen Crew war mir somit sicher und fortan wurde mir jedes „Schnuckiputzi“ (a.k.a. Kaffeebecher) sobald leer sofort abgenommen. Was für großartige Pioniersarbeit für die Verbreitung der deutschen Sprache doch betrieben wird! Vom Schnorcheln im Great Barrier konnte mich jedoch nichts abhalten; dass Blut Haie anlocken kann hatte ich wohl irgendwie verdrängt, und das meine besitzt dieses Attribut scheinbar auch nicht.
Was gibt es nicht alles für gefährliche Tiere in Australien, allein man trifft sie zum Glück nirgends! Und frappierender als die Auswirkungen der australischen Sonne auf die Haut sind, glaube ich, die Schäden am bleichen Denkapparat. Aber no worries, nicht wahr. Unsere schlechten Kalauer jedenfalls (Sorte: "Have a Great Reef" oder "Beef Day") fanden wir Tage später immer noch witzig. Das Großartige am Dauercampen, möchte ich noch einmal in Gebieten der massiven Belagerung durch alle Art von Übersee-Touristen herausstellen, ist ja, dass man von der ganztägigen Frischluftzufuhr sehr früh ins Bett fällt und den in Orten wie Airlie Beach beliebten Wet–T-Shirt Compe-TIT-ions (Originalzitat) nicht mehr beiwohnen kann oder muss. Erst recht, wenn man um ein Haar sein Leben an einer Austerbank gelassen hätte.
Vom Great Barrier Reef ging es dann runter bis zur Great Ocean Road. Zu Recht im Ruf, eine der schönsten Strassen der Welt zu sein, wenn es auch befremdet, die 12 Apostles als eine zu oft gesehene Postkarte, nur mit ein wenig Wind und Touristen herum vor sich zu haben und der legendäre Bells Beach für Kelly Slater & Co. Eintritt verlangte, und wegen Regen (wie sollte es auch anders sein) von mir boykottiert werden musste.
In der Zwischenzeit verbrachten wir viele lange Stunden auf dem Highway, an Tankstellen mit und ohne Benzin it´s not our fault, but we do have cold drinks!, zum Glück mit Reservekanister, sahen eventuell Kängurus in freier Wildbahn, nur leider unkenntlich überfahren, beunruhigend viele zerfetzte Reifen, schmetterten ein großartig in Dauerschleife vorgetragenes Highway to Hell! oder hörten entsetzt Nena im Radio (davon abgesehen ist TripleJ bewiesenermaßen der weltbester Sender).
Wir haben an angehend perfekten Stränden in Mackay, Agnes Water, Rainbow Beach oder Torquay gelegen, nicht wirklich pulsierende Orte wie Rockhampton, Hervey Bay, Port Macquarie oder Albury mehr oder weniger schnell erkundet, oder andere Halbsehenswürdigkeiten (halb sehenswürdig und halb gesehen) entlang des Wegs abgehakt, leider viel Regen und wenig Sicht in den Blue Mountains ertragen (selbst in Australien muss man ab und an Schuhe tragen).
Haben Massenaufläufen von Backpackern vorm Fernseher zur Simpsons-Zeit beigewohnt, alle denkbaren Variationen und Changierungen von Rot bis Braun am Körper beobachtet und Vögeln gelauscht, die klangen, als wollten sie morsen, und natürlich dem weltlustigsten Englisch: Man schürze die Lippen zu einem Teelöffel (will sagen langer Strich und kleine Kugelform am Ende), ziehe i´s so weit in die Länge, bis man das Wort, was man sagen wollte, fast vergessen ist, verniedliche oder kürze jedes andere ab und blöke dabei leicht, dann passt es ungefähr.
Wir haben uns von Wellen mittragen lassen, in denen man sich vor Salzwasserkrokodilen, Haien, Würfelquallen, Steinfischen und Kegelschnecken vor allem Gedanken um sein Genick machen sollte. Wir haben Unmengen köstlicher aussie style Burger auf den landesüblichen barbie(cue)-Flächen produziert und verputzt, und ich für meinen Teil dürfte noch bis kurz vor der Überzuckerung Liter von Kaffee durch doppelt so viele Tim Tams geschlürft haben. Insgesamt, und kulinarisch erst recht, war aber das absolute Nonplusultra, die Stadt der Städte, Melbourne.
Zwei Wochen am gleichen Fleck können ohne weiteres schnell vorbei sein, ohne dass man alles Tolle hätte entdecken können. Fitzroy, Richmond, Prahran, St. Kilda – so viele tolle Cafes, Restaurants, Bars, Parks, Shops, die Museen am Federation Square: dagegen wirkt Sydney grau und öde (zugegeben, es hat einen recht imposant schönen Hafen).
Zum Abschied wurde überraschend und – man munkelt – extra für uns geheiratet: Andrew und Danielle, unsere freundlichen Gastgeber, zogen ihr Ja-Wort spontan vor, und uns als Trauzeugen ein (einer in Flipflops, einer unrasiert). Der ganz normale Wahnsinn also. Hätten wir genau so gut im Allgäu Urlaub machen können.
Das nächste Mal Australien würde ich gern mit Bill Bryson persönlich Orten mit so klangvollen Namen wie Ulladulla, Cullulleraine, Useless Loop oder Loch Sport aufspüren, mir noch einmal die schlecht angezogensten Kühlschrankmagneten der Welt kaufen, mich mit Strand und Regen aussöhnen, bis zum Platzen Zimtschnecken von Baker´s delight futtern und vor allem die 95% Australiens erkunden, die ich noch nicht kenne. Bis dahin: OZ in knappen Worten?! BLOODYYY BEEEEEEEAUTIFUL, MATE!
P.S.: Wenn es ein schlechtes Willkommen mit Deutschland geben kann, dann im ICE in Hessen.
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- 30
- Ort
- Bremen
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Alle Reisen von Heike Schwarzpelz
Tokyo & Australien Special
Die 8-wöchigen Asien-Tour von Heike und ihrem Mitbewohner Flo(rian) aus Bremen. Ihr mehrteiliger Reisebericht führt durch den Dschungel von Tokyo und die Wildnis Australiens und erzählt von Konsum-Rausch und Karaoke- Wahn. Von verschlafenen Erdbeben und grausamen Austernbänken.
Unsere Route: Frankfurt - Tokyo - Brisbane - Byron Bay - Hervey Bay - Mackay - Airlie Beach / Whitsunday Islands - Agnes Water / Town of 1770 - Rainbow Beach - Noosa - Byron Bay - Port Macquarie - Blue Mountains - Albury - Torquay - Port Campbell - Lorne - Melbourne (- Geelong -) Melbourne - Sydney - Tokyo - Frankfurt






















