
Tokyo & Australien Special
Tokyo Teil 2
12.03.2005 |
Für den Valentinstag der Männer (am 12.3. revanchiert man sich bei den Damen) steht viel auf dem Programm. Nach einer erneuten Runde durch das Konsumglück von Akihabara geht es zu großer alter Kultur und zum Kannon-Tempel in Asakusa.
Die Pagoden der Anlage, deren Wurzeln bis ins 7. Jahrhundert reichen sollen, lassen Betonkomplexe hinter sich verblassen. Man wedelt munter medikamentös mit Weihrauch um sich, oder zieht sich sein Horoskop aus riesigen Kommoden, das, wenn ich es richtig verstanden habe und es eine schlechte Nachricht voraussieht, auf eine Leine daneben gehängt wird, dann wird alles gut. Man kann sagen was man will, aber pragmatisch sind sie irgendwie, die Japaner!
Gerade in Japan mutet jedoch auch vieles komplizierter an, als man es logisch begreifen mag. Wenn man beispielsweise eine Verabredung ablehnen will, so schwindelt man sich, um Höflichkeit bedacht, in ein anderes Level der Unterhaltung, sagt zu, und erst kurz vorm besagten Tag wieder ab. Da der andere jedoch aufgrund der Reaktion und der Art der Ausrede schon weiß, dass es nur eine Ausrede ist und damit rechnet, dass man nicht kommt und vielleicht trotz der Mühe, die man sich gemacht hat, ihn das Gegenteil glauben zu machen, beleidigt sein könnte, er aber wiederum seine Antwort auch auf einer anderen Ebene als auf der auf der er denkt wählen würde, und auch falls irgendjemand diesem Satz noch folgen könnte, so könnte man sich doch trotzdem das ganze einfach sparen und sagen, nö, weder Zeit noch Lust. Ich male einen kunstvoll verschlungenen Strich in die Liste und freue mich, dass es Menschen gibt, die noch verworrener denken als ich.
Wir verabreden uns zu einer Bootsfahrt auf dem Sumida River ohne weitere Komplikationen. Die Fahrt beginnt an der Asahi Brauerei, deren eigenartige Physiognomie einer dynamisch verdrehten Kartoffel die Stadtbroschüre auch nicht besser zu beschreiben weiß als „goldenes Objekt“. Auf dem Weg passieren wir den Tokyo Tower (die rotweiße, höhere japanische Version des Eiffelturms), die ebenfalls berühmte Rainbow Bridge, unzählige Baustellen, die gerade zum Wolken kratzen in die Höhe gezogen werden, bis wir schließlich in Odaiba im wahrsten Sinne stranden. Ein bisschen grauer Sand zwischen futuristischen Gebäuden, dem Fuji TV Headquarter, Shoppingmalls, der Freiheitsstatue, einem Riesenrad… ich weiß, hier lauert noch irgendwo ein Disneyland, aber es geht schon sehr in dessen Richtung.
Befremdlich mutet auch Shinjuko an. Die Ausmaße des größten Bahnhofs der Welt kann man nur erahnen. Draußen vergisst man wegen unzähligen Angriffen auf jegliche Sinnesorgane, dass der Mund einen Schließmechanismus hat, und alles ringsherum ist so leuchtreklamisch durchwirkt, dass es genau das unfassbare Tokyo ist, wie man es immer vermutet hätte, zu sein – das wiederum versteht unsere kleine Japanerin nicht recht.
Die Strassen Tokyos, die Kreuzungen, jeder Spielzeugladen ist schon eine Reizüberflutung, aber nichts geht über die Pachuka-Spielhöllen, in denen viel zu viele Japaner ihren Lohn verzocken. Da Glücksspiel gesetzlich nicht wirklich erlaubt ist, hat sich ein raffinierte Liaison mit einem „Kugeltauschgewerbe“ etabliert, man spielt also gar nicht um Geld, sondern ist nur auf erbsengroße Silberkugeln aus, die man zufällig gegen Bares eintauschen kann.
Falls nicht, dann steht man verschreckt da, in der Lärmflut dröhnenden Technos, des Aufheulen der einarmigen Banditen und dem Klacken Millionen kleiner Kügelchen, die durch die Gegend schießen; atmen kann man kaum, außer Tabak, und allein von den von allen Seiten blinkenden Lichtern ist man nach spätestens 5 Minuten an die Grenze zum Wahnsinn getrieben, sofern man nicht vorher schon hinaus gebeten wurde, da man ein Foto vom Irrsinn hat machen wollen.
In den PrintClub-Fotoautomaten kann man sich eh viel besser überall selbst ablichten. Ich wünschte, man reformierte die förmlichen Anforderungen an ein Passbild; ich wäre der Fürsprecher der weltweiten Standardisierung japanischer Automaten. Und würde mich fortan perfekt ausgeleuchtet, mit rosa Bären, Blümchen und lila Ponys vorm Panorama des Fuji-san gruppiert, um eine Stelle als Steuerberatungsassistenz bewerben.
Selbst mein lange und hartnäckig gepflegtes Vorurteil muss ich revidieren: Karaoke kann Spaß machen. Wirklich. In Japan wird man auch nicht von einem groben Animateur auf irgendeine dahin gezimmerte Bühne gezerrt, um vor einem peinlich berührten, sich in dunklen Ecken in Sicherheit wiegenden Publikum (es kann jeden treffen!), schüchtern „born to be wild“ zu singstottern, nein, hier setzt man sich im kleinen Kreis in eine wohnzimmerliche Zelle und wird von einem unglaublichen Sound in die Polster gedrückt. Nachdem es einige Stunden der Überredung bedurft hatte, uns hinein zu locken, brauchte es noch mehr Künste, uns nach der gebuchten Stunde wieder hinaus zu befördern. Soviel stand noch aus zu singen.
Locken konnte uns nur die Aussicht auf ein Bad in einem traditionellen Sento, das man sich als zwei große Badezimmer vorstellen darf, in denen die Hauptbeschäftigung der jeweiligen Geschlechter darin besteht, sich nach ausgeklügelter Systematik wieder und wieder zu waschen, und ab und zu in verschiedene heiße Becken zu steigen, um sich dann wieder zu waschen. Ich habe wohl ein bisschen lange im heißen Becken gesessen. Aber dank der vielen neuen Freundinnen, die ich hätte finden können, habe auch ich nach einer Weile verstanden, wie ein Wasserhahn funktioniert.
Vom Tag außer Gefecht gesetzt, wollten wir eigentlich flugs ins Bett, wurden stattdessen aber mit noch einer japanischen Eigenart vertraut gemacht, nämlich der des ausgiebigen Feierabendbegießens. Nach einem 12-Stunden-Job kann auch das einige Zeit in Anspruch nehmen, in der man an angehende Mönche und Hobbymasseusen geraten kann und irgendwann, so gegen drei Uhr morgens, zwischen all den anderen torkelnden Menschen in Anzug und mit Aktentasche seine Schlangenlinie nach Hause zieht.
Nippon Koma – Wir jedenfalls hätten nicht am nächsten Morgen zur Arbeit gehen können. Uns vermochte nicht einmal ein Erdbeben der Stärke 6,0 zu wecken. Das wollte die Tektonik vielleicht nicht auf sich sitzen lassen und hat auf unserem heimwärts gewandten Stop-Over noch eins draufgelegt. Zweimal Erdbeben in 4 Tagen Japan, das mach´ mal lieber keiner nach!
Erst einmal heißt es auf dem Hinweg Abschied nehmen, ein drittes und letztes Mal durch Akihabara und Ueno zu flanieren, Doraemon, HelloKitty und Heidi an den Hochhäusern zuzuwinken, Heißgetränkedosen aus dem Automaten zu ziehen (ein Kompromiss-Stimmt-Strich für Automaten, die es hier nicht gibt) und Brötchen mit Bohnen- oder Krokettenfüllung zu verschlingen. Auf dem Rückweg bleibt nur eine Nacht im Transit, oder in der Badewanne des Hotelzimmers am Flughafen, ein kurzes, 6,2-starkes Wackeln, ein Eindruck von der Schönheit der Kirschblüte, das Anlegen der letzten Yen in quallen- und andersartigen Süßigkeiten im Convi Store, wo die netten Verkäufer unsere gemeinsame Transaktion mit vielerlei Verbeugungen und blumigen Worten untermalen, die wir allesamt nicht verstehen (etwas das wie „Harald“ klang war jedenfalls nicht dabei).
Summa summarum der Strichliste: Karaoke ist lustig. Japaner sind furchtbar liebenswert. Japan ist furchtbar kompliziert. Es hat eine seltsame Sprache, viele fremde Zeichen, noch mehr Benimmregeln und noch mehr Automaten, und es gibt Eiswürfel, die nicht schmelzen. Was Japan fehlt, sind Geldautomaten, die ausländische Karten akzeptieren, Mülleimer (die wegen der AUM scheinbar nicht nur in der Metro, sondern in ganz Tokyo abgeschafft wurden), Strumpfhosen, mehr Urlaubstage, dickeres Klopapier und gescheite Taschentücher, und natürlich Schneetarnklebeband. Mögen muss man es alleine, weil einen wildfremde Menschen in der Metro herzlichst zum Kauf einer albernen, aufklappbaren Uhr beglückwünschen, die am Finger getragen wird (und an meinem leider nicht allzu lange überlebte). Klischees stimmen, oder eben auch nicht. Das ist eigentlich ganz einfach.
Wie nun also ist Tokyo? – Grell ist, glaube ich, treffend, um es zu beschreiben. Es impliziert Leuchten, ein Vielfach oder Zu-viel-Vorhandensein an Licht und Farbe, an allem. Es enthält ein Blenden, ein Geblendet-Werden, Verwirrung, eine Kritik und eine Wertung, und doch greift es nicht so richtig, weiß nicht, in welche Richtung es will, so, als wäre es zu kurz da gewesen, um sich ein Urteil erlauben zu können; also so wie ich. Grell ist ein gutes Wort. Eins, das gut Platz findet in sehr vielen Quadratkilometern und nur 3 Tagen Tokyo. Ich lege dieses Gehirn nun wohl besser ausgeschaltet an den Strand.
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- Name
- Heike Schwarzpelz
- Alter
- 31
- Ort
- Bremen
- Webseite
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Alle Reisen von Heike Schwarzpelz
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Die 8-wöchigen Asien-Tour von Heike und ihrem Mitbewohner Flo(rian) aus Bremen. Ihr mehrteiliger Reisebericht führt durch den Dschungel von Tokyo und die Wildnis Australiens und erzählt von Konsum-Rausch und Karaoke- Wahn. Von verschlafenen Erdbeben und grausamen Austernbänken.
Unsere Route: Frankfurt - Tokyo - Brisbane - Byron Bay - Hervey Bay - Mackay - Airlie Beach / Whitsunday Islands - Agnes Water / Town of 1770 - Rainbow Beach - Noosa - Byron Bay - Port Macquarie - Blue Mountains - Albury - Torquay - Port Campbell - Lorne - Melbourne (- Geelong -) Melbourne - Sydney - Tokyo - Frankfurt















