
Tokyo & Australien Special
Wenn es einen guten Ort gibt, Deutschland den Rücken zu kehren, dann ist das Hessen
10.02.2005 |
Diese Reise, denke ich, als wir in den strömenden Regen blicken, hinter dem Frankfurt zum Glück verschwindet, ist eine merkwürdige Kombination. In das eine Land wollte ich schon immer, das andere hätte ich selbst in den kühnsten Planungen nicht in Erwägung gezogen. In beiden wird links gefahren, und selbst auf der Rolltreppe rechts überholt. Das eine heißt Australien, und verspricht zwei lange Monate no worries, das andere, auch am Ende der Welt, nur weiter oben, heißt Japan, und es bleiben nur 3 Tage und eine Nacht, einen Eindruck von dieser so fernen, fremden Kultur zu erhaschen.
Was weiß ich von Japan? Dass man höchstens 10 Tage Urlaub im Jahr bekommt, dass ich nichts verstehen werde, und noch ein kleines Bisschen mehr. Zum Glück haben wir den Experten Hannes gerade vor Ort, der an seiner Examensarbeit filmt und schreibt. Im Gegensatz zu meinem Begleiter und Mitbewohner Flo besuche ich nun also zum ersten Mal den 5. Kontinent; Japan muss bei mir asientechnisch dem komplett irrsinnigen Vergleich mit Indien standhalten, den man auch bei livetravel.net im Archiv ziehen kann.
Japan – Bei kaum einem anderen Land purzeln mir mehr Klischees und Vorurteile durch den Kopf. In Japan gibt es Strumpfhosen zum Aufsprühen. Einen Smile-Service im Supermarkt. Automaten, in denen man getragene Unterwäsche kaufen kann. Es gibt Mangas und Pokémons und HelloKitty und Kitsch über alles. Nur in Japan kann man Schneetarnklebeband kaufen, behauptet Christian Kracht. Japan ist nicht so, sagt Hannes. Der erste Eindruck verbucht einen Strich auf meiner imaginären Stimmt-Liste: es ist Winter, jeder zweite trägt erkältet einen Mundschutz, um ja niemanden anzustecken und von der Arbeit fernzuhalten. Und ja, wir schlafen in einem Raum mit Papierwänden!
Tokyo – Große Stadt. Die größte? Eine erste Ahnung in Shibuya. Vorgestern ist hier noch in Lost in Translation ein Dinosaurier durchs Hochhaus gestapft, jetzt blinkt uns noch einiges mehr von der anderen Seite der riesigen Kreuzung entgegen, als wir uns in den 25. Stock katapultieren und die wahnsinnige Aussicht genießen: Ich bin mir sicher, bis zu diesem Zeitpunkt Zebrastreifen noch nie als unübersichtlich empfunden zu haben.
Dazwischen übersieht man leicht einen bronzenen Hund, ähnlich imposant wie die kleine Meerjungfrau, kennt und trifft sich aber jeder in Tokyo. Ich vertraue lieber nicht auf Hachi-Ko, geschweige denn dass ich allein hierher fände, und kritzel hektisch Hannes Telefonnummer auf einen Zettel, den ich dichter als all mein Gut und Habe bei mir trage.
Kriminalität, lässt sich salopp sagen, gibt es in Japan „nur“ im großen Stil der yakuza (schwarze Mercedes sollte man angeblich meiden, die fährt in Japan nur die Mafia).
Wie wir zwei Tage später am eigenen Leib bzw. am – ähm, na ja, liegen gelassenen – Portemonnaie erfahren dürfen, sind Japaner sind nicht nur unglaublich freundlich, sondern – wenn auch nicht unbedingt ehrlich, so doch von Grund auf gut. Aber hier selbst verloren zu gehen, alles nur das nicht!
Bilanz der Liste am ersten Abend: Japan = viele Lichter, viele Menschen, viele verrückte Outfits: stimmt, Strich. Japan = teuer. Wird erst einmal unterkringelt, denn zunächst gibt es eine dicke Portion Nudeln (am Automaten ausgewählt) für umgerechnet 2 Euro. Trotzdem sind wir froh, bei der liebenwerten Familie Honda (Strich wird kommentarlos gesetzt) unterzukommen – Hotels und Nahverkehr gehen hier definitiv stärker als anderswo ins Geld.
Metro, Strich. Stimmt. – Wer nicht schläft, spielt am neuesten FotoVideoUSBInfrarotInternetPlasma-Handy mit einem Wust HelloKitty-Anhängern herum, oder vergräbt das Gesicht tief im zur Unkenntlichkeit eingeschlagenen Schmuddel-Manga. Ich schließe mich den Schläfern an: Zum Einen, weil mir eine dicke Bronchitis den ganzen Weg über Sibirien gefolgt ist, zum anderen, weil es zum Teil eine gute halbe Stunde dauert, bis wir in die nächste Bahn umsteigen und uns wohlgemerkt dabei nur auf einem schmalen Streifen des Zentrums dieser Stadt bewegen. Das schafft. Am Ausgang werden kostenlose, und darum wohl auch hauchdünne Taschentücher verteilt. Die Japanerinnen tragen keine Strumpfhosen zum Aufsprühen. Sie tragen meistens gar keine. Bei diesen Temperaturen brauchen sie sich auch nicht zu wundern, sich zu erkälten. Tempos müssen ihnen vorkommen wie Miniaturausgaben von Thermoheizdecken.
Toiletten wahrlich sind erschreckend vielseitig in Japan. Es gibt Löcher im Boden, und es gibt Toiletten. Bei letzteren ist Standardausrüstung ein Paar Hausschuhe, da man sich beim Betreten eines Hauses gleich höflich seiner Schuhe entledigt. Es gibt Waschbecken auf dem Spülkasten. Elektrisch beheizte Klobrillen. Eingebaute Bidets, die hinterhältig um sich spritzen. Ausführlicher soll an dieser Stelle nichts berichtet werden.
Mit klassisch geschlürftem Nudelfrühstück für den nächsten Tag gewappnet, begeben wir uns in die electric town, Akihabara.
Fast schon sehe ich einen fast neuen Laptop mit Schnorchel und Sonnencreme in meinem Rucksack kuscheln, da die Japaner ach so fleißige Konsumenten sind und schnell mal was neu kaufen. Also einen Mac 2nd-Hand für 300 Euro… wegen Reiseuntauglichkeit abgelehnt. Die Generation der iPodisten deckt sich währenddessen mit Zubehör ein. Zwischenstand der Liste: Japan = günstig im Elektrokauf. Nicht nur das. Der Shoppingrausch wird im nahe gelegenen Stadtteil Ueno fortgesetzt, dessen belebte Strassen und die Fassaden, in die der Blick absolut keine Struktur ob der Fülle bringen will, mir wahrlich sehr „asiatisch“ anmuten: neben Schuhläden wird hier Fisch verkauft, nur dass die echten Adidas keine 12, sondern 3 Streifen haben und wirklich echt, wenn auch günstiger sind. Ich denke an Indien und denke, wie Indien in sauber, und denke, das ist absoluter Blödsinn.
Ein wenig Ruhe finden wir im kahlen Yoyogi-Park, der zu dieser Jahreszeit etwas trist anmutet. In der Mitte sammeln sich riesige Horden von Krähen, die zur wahren Plage werden können, und an seinem Rande die Außenseiter der Gesellschaft, die man in den quirligen Strassen sonst selten zu Gesicht bekommt, und die hier unter Plastikplanen eine dürftige Unterkunft gefunden haben.
Im 1920 zu Ehren des Kaisers erbauten Meiji-Shrine wünsche ich mir später beim Wurf einer Münze warme Decken und ein bisschen mehr Frühling in der Welt.
All meine anderen Wünsche gehen später in den Verkaufsetagen eines 100 Yen-Shops in Harajuko in Erfüllung. Japan = teuer; nein, muss nicht sein. Alles, was man haben will, für 70 Cent. Das in Krachts gelbem Bleistift erwähnte, Japan-unique Schneetarnklebeband kann ich jedoch nirgends finden, und nehme schließlich mit Klinkermuster vorlieb; eine Ausgeburt der Hässlichkeit, und ich weiß beileibe nicht, was ich damit anfangen soll, aber was will man machen, wenn man nur 3 Tage hat, um Souvenirs einzutreiben, dann darf man nicht wählerisch sein.
Harajuko ist ein Künstlerviertel, das sieht man den Passanten hier an, denn so manch einer passiert nicht, sondern ist einfach nur da, um gesehen zu werden (s. Bilanz von gestern). Wir brutzeln unser Essen im Restaurant selbst. Japan = doch teuer, dick unterstreichen. Meins trägt den wohlklingenden Namen Okonomiyaki, ein dicker Pfannkuchen, der u.a. „Kirschkrabben“ enthält. Aber alles besser als traditionelle Süßigkeiten mit Quallenkonsistenz! An die japanische Sprache müssen wir uns ebenfalls erst noch gewöhnen und können vieles nur durch weit hergeholte Eselsbrücken abspeichern: Harajuko Street = Harald-Juhnke-Street, dann geht es (Uns Harald war damals noch).
Ein ganz anderes Tokyo bietet das als Ami-Ballermann verschriene Vergnügungsviertel Roppongi. Die Super Deluxe Bar trägt ihren Namen jedoch völlig zu recht. Einziger Wehmutstropfen: Hier auszugehen bedeutet auf der Liste „Japan ist teuer“ doppelt dick zu unterstreichen. Der Abend klingt mit der unterhaltsamen Präsentation der Hondaschen Kollektion von Rosenthal-Weihnachtstellern und weiteren hausinternen Kuriositäten aus.
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- Name
- Heike Schwarzpelz
- Alter
- 26
- Ort
- Bremen
- Webseite
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Alle Reisen von Heike Schwarzpelz
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Die 8-wöchigen Asien-Tour von Heike und ihrem Mitbewohner Flo(rian) aus Bremen. Ihr mehrteiliger Reisebericht führt durch den Dschungel von Tokyo und die Wildnis Australiens und erzählt von Konsum-Rausch und Karaoke- Wahn. Von verschlafenen Erdbeben und grausamen Austernbänken.
Unsere Route: Frankfurt - Tokyo - Brisbane - Byron Bay - Hervey Bay - Mackay - Airlie Beach / Whitsunday Islands - Agnes Water / Town of 1770 - Rainbow Beach - Noosa - Byron Bay - Port Macquarie - Blue Mountains - Albury - Torquay - Port Campbell - Lorne - Melbourne (- Geelong -) Melbourne - Sydney - Tokyo - Frankfurt
















