Freeclimbing auf Mallorca
175 Meter und zurück, ein Bericht von Oben...
13.06.2002 |
Liebe Livetraveller, ein paar Worte zum Klettern: Modernes Freeclimbing bedeutet nicht, daß man an 2 Fingern ungesichert über einem 500 Meter tiefen Abgrund hängt, den Sonnenuntergang im Himalaya grüßt, sein Leben riskiert, aber ein echt cooler Typ ist. Das machen nur Lebensmüde und besonders wichtige Kletterer, wir Anderen kommen lebend nach Hause.
Niemand klettert ungesichert, Sicherheit steht über allem! Die modernen Sicherungsmethoden und Ausrüstungen haben das Risiko (wenn auch immer noch vorhanden) so klar reduziert, daß Unfälle selten sind. Wir waren mit 8 Leuten (alle eher unerfahren) für 7 Tage Klettern am mallorkinischen Felsen und es gab nur ein paar Kratzer, die dann auch gerne an einem bestimmten Ellenbogen.
Wie funktioniert das eigentlich? 20 Meter über dem Boden, möglicherweise stürzen, und das alles soll ungefährlich sein?
Man klettert immer mit einem Partner, der auch für die Sicherheit verantwortlich ist, da er am Boden das sichernde Seilende kontrolliert. Das andere Seilende wird in den eigenen Hüftgurt geknotet. Wenn man oben am Ende der Route angekommen ist, setzt man sich in den Gurt und wird vom Partner wieder heruntergelassen. Dann tauscht man die Rollen. In heutigen Sportrouten ist der Fels alle paar Meter mit Bohrhaken versehen, an denen der Kletterer Sicherungshaken anbringt in die das Seil eingeklinkt wird. Dadurch kann man nicht tief – dafür aber sicher fallen. Ein Seil ist 60 Meter lang und so kann man höchstens 30 Meter hoch klettern, da man auch noch wieder herunter gelassen werden sollte. Will man höher klettern (sogenannte Mehrseillängen), klettert der Erste los, klinkt sich auf 25 Meter Höhe ein und sichert dann seinen Partner, der nachklettert. Beide stehen dann fest gesichert auf 25 Meter Höhe und der Erste klettert mit dem selben Seil wieder vom Partner gesichert weiter, holt den Anderen nach und man steht dann auf 50 Meter, usw. So kann man sich zu Zweit mit nur einem Seil einen Berg jeder Höhe hoch arbeiten.
Und da stehen wir nun: 30 Autominuten von Palma in Richtung Soller in der Mitte Mallorcas ragt einer der höchsten Felsen der Insel in den strahlend blauen Himmel: die Granitwand von Sa Gubia, Teil der Berge der Sierra de Tramuntana, bricht direkt vor uns in den Himmel auf, reicht 200 Meter steil in die Höhe, schreit nach unserem Mumm. Chrischi, Lutz und ich haben unsere Kletterkumpel an Ihren Einseillängen gelassen und wollen nach ganz Oben.
Die Route heisst Alhambria und ihr Schwierigkeitsgrad ist moderat bewertet. Genau das richtige für meine erste richtige Mehrseiltour. Zu Dritt gehen wir genauso vor wie oben beschrieben, der Erste klettert vor, sichert die beiden Anderen, zu Dritt stehen wir am Standplatz und der Erste startet wieder in Richtung Gipfel. Lutz hat mehr Erfahrung mit Mehrseiltouren als Chrischi und ich und ist der ruhende Pool unserer Seilschaft.
Langsam arbeiten wir uns empor. Die Sonne scheint, die Schwierigkeiten wechseln. Manchmal ist der Stein großporig, voller Risse und Löcher, der Granit ist von der Sonne gewärmt, runde große Griffe schmiegen sich in die Hände.
Die Route ist jetzt leicht nach vorne geneigt, es duftet nach Thymian, der häufig an den Wänden in jeder Höhe zu finden ist. Ich pflücke welchen für die Pasta heute Abend, eine kleine violette Blume hat sich in einem Riss verankert und trotzt der Höhe und dem Wind, hübsch.
Man widmet sich den Details, es bedarf keiner großen Kraftanstrengung und man kann das Klettern genießen, wie auf einer Leiter aus Stein, gehauen von der uns wohl gesonnenen Natur.
30 Meter und eine Stunde später: ich bin der Erste, steige also vor, klinke unsere Sicherheitshaken in die am Fels verankerten Ösen und dann darin das Seil ein. Deutlich anstrengender als wenn man nachklettert, spontan verändert sich der Fels, wird scharfkantig und unangenehm, die Griffe werden kleiner und kleiner, ich suche lange nach den einfachsten Tritten, nach dem besten Weg (jetzt können Sekunden sehr lang sein), ich schaue mich um, unsere anderen Kletterfreunde kleben weit unten an der Wand gegenüber in entspannten 20 Metern, kleine Pünktchen auf grauem Gestein. Chrischi und Lutz sind nicht zu sehen, von einem Vorsprung verdeckt, ich fühle mich alleine, feuchte Hände, realisiere auf einmal, daß ich 80 Meter hoch bin und die Wand einfach nur noch steil ist, die Schönheit der Natur ist vergessen, negative Gedanken fallen mich an, wie tief kann man fallen? Ist das Seil sicher? Wie und überhaupt wo ist der nächste Griff? Erste Stressanzeichen, die Unterarme fangen an weh zu tun, tief atmen und dann mein erlösender Ruf: BLOCK.
Mit BLOCK sagt man seinem sichernden Partner, daß man nicht weiterklettern will, sondern eine Pause benötigt. Er blockiert das Seil und man kann den Fels loslassen, sich einfach in den Gurt setzen und entspannen. Ich nehme also eine kurze Auszeit, regeneriere meine Unterarme, setze mich mit der Situation auseinander, verstehe, daß es keinen Unterschied macht, ob man 5 Meter oder 100 Meter hoch ist, es ist auch nur Fels an dem ich voll gesichert klettere.
So schwer sieht das doch auch garnicht mehr aus, das Seil hält schon immer, warum nicht auch jetzt, wie schön ist das Tal aus der Höhe betrachtet, die Hände sind wieder trocken, dann wollen wir mal wieder. Frisch motiviert gehe ich die Route an. Die Griffe sitzen, klein aber machbar. Ich komme am Standplatz an, klinke mich fest und habe die erste für mich schwierige Situation überwunden.
Der nächste Standplatz entschädigt uns für alle Mühen: ein kleines Plateau auf 120 Meter. Platz genug zum Sitzen für uns alle. Zeit für eine Pause. Wasser, etwas Obst und der Blick ins Tal. Palma de Mallorca liegt in 30 Kilometer Entfernung, ein bunter Fleck auf einem grün-braunen Teppich. Wir lehnen uns an einen kleinen Baum, der hier mysteriöserweise wachsen kann. Aus dem Tal schallen Rufe unserer Freunde. Das kristalline Blau des Himmels dringt durch meine Sonnenbrille während manchmal Wolken erfrischenden Schatten vor der brennenden Sonne spenden. Ein Raubvogel zieht majestätisch seine Kreise. Jetzt verstehe ich warum ich hierher kommen und klettern wollte – eine merkwürdige Behaglichkeit durchströmt mich, der vorherige Stress ist vergessen, die Zivilisation existiert nicht, ich fühle die Natur den Felsen meine Seilschaft, Ruhe…
Es sind diese Momente, in denen sich das Klettern vom Sport zu etwas Anderem wandelt, warum man immer weiter macht und immer wieder kommt.
Wir sind jetzt schon 5 Stunden unterwegs und wollen ja noch den Gipfel erreichen. Also weiter, auf in die nächste Passsage. Wir klettern eine doppelte Seillänge durch und dann noch eine relativ schwierige, steile, mit kleinen Griffen. Ich bin froh, daß Chrischi vorsteigt, ich hätte echte Kraftprobleme gehabt. Wir stehen zu Dritt an einem Standpunkt in 175 Metern Höhe. Es ist für mich sehr hoch. Noch mindestens 2 Seillängen um den Gipfel zu erreichen, es wird Abend und wir müssen auch noch zurück.
Langsam zeigen sich die Anstrengungen des Tages, physisch und psychisch. Der Standplatz ist extrem eng, man steht unbequem auf kleinen Vorsprüngen. Das unterstützt nicht mein Sicherheitsgefühl. Ich kontrolliere häufiger als nötig meine Sicherung. Auch Chrischi und Lutz scheinen etwas erschöpft. Die Entscheidung nach 6 Stunden Klettern nicht mehr zur Spitze aufzusteigen, sondern umzukehren, wird schnell und einstimmig beschlossen.
Das Abseilen bringt mich noch einmal an meine Stressgrenze. Hierbei läßt man das Seil durch eine Öse in Achtform am Gurt laufen und kann sich kontrolliert ablassen. Eigentlich eine Routine Angelegenheit, schon dutzendfach erprobt. Aber Faktoren wie Höhe oder Anstrengung klinken in meinem Kopf ein und das Abseilen wird zur Angsttour.
Nicht wie sonst glatt und geschmeidig (jaja, genauso wie das SWAT Team beim Stürmen der Gangsterburg aus dem mattschwarzen Helikopter) sondern stückweise und unsicher ruckel ich den Berg runter. Da ist auch nicht mehr viel Spaß drin, hier muss ich mit meinen mentalen Reserven arbeiten. Angekommen am nächsten Standplatz kann ich etwas relaxen und je näher der Boden kommt umso entspannter wird die Sache.
Nach 8 Stunden sind wir wieder sicher und unbeschadet an unserem Einstiegspunkt am Fuss der Alhambria angelangt. Wir haben den Gipfel nicht erreicht, das ist aber nicht wirklich wichtig, das Klettern war das Ziel. Wir haben ein großartiges Erlebnis hinter uns und werden am abendlichen Esstisch viel zu erzählen haben. Momente hallen im Kopf nach: das Errichten eines Standplatzes und der Blick ins Tal, der Stress bei kleinen harten Griffen und die Entspannung bei leichten Rissen.
Die Auseinandersetzung mit der Angst und der Genuss in der einfachen Route, die Entdeckung einer schönen Blume und das Erschrecken vor aufkommendem Wind, das Vertrauen in die Seilschaft und die neue Entdeckung seiner selbst, die Bestätigung von Können und das ständige Lernen; ich kenne nichts Vergleichbares.
Warum setzt man sich diesen Strapazen aus? Warum riskiert man sein Leben um an einem Stück Stein zu kleben? Ich habe an diesem Tag die gewünschten Antworten auf diese Fragen gefunden und werde wieder kommen, immer wieder.
Up, up and away…
P.S. Diesen letzten Bericht hat nicht Panja, sondern ihr netter Kletterkollege Fabian Diering geschrieben.
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- Name
- Panja Pries
- Alter
- 37
- Ort
- Berlin
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Freeclimbing auf Mallorca
"Excalibur", "Albahida" oder "Colesterol Party..." nur einige der sagenhaften Klettergebiete Mallorcas. Viele der Spots hier gehören zu dem Besten, was Europa im Freeclimbing bietet. Panja, Fabian, Jogi, Bea, Chrischi, Kerstin, Lutz und Ole haben sie bezwungen, ausgerüstet mit ein paar Pfunden High-Tech und der Kraft ihrer 10 Finger und Füsse.












