KubaCuba Fototour

Reiten in Vinales

25.10.2002 |

Die Zeitverschiebung macht es möglich, ohne Probleme früh aufzustehen. Mit wunderschöner Morgendämmerung beginnt dieser neue Tag. Mit dem aufkommenden Tageslicht können wir sehen, dass der Garten unseres Hauses direkt zu Fuße der Mogoten und am Tal von Vinales liegt. Keine Straße und kein Haus durchschneidet unseren Blick in die Natur.

Ich mache ein paar Aufnahmen und beobachte auf der Straßenseite des Hauses das morgendliche Treiben eines normalen Arbeitstages. Obwohl schon einiges los ist, wirkt alles ganz ruhig und gelassen. Nur der Geräuschpegel mancher Fahrzeuge will nicht in diese Idylle hereinpassen. Kleinere und größere Gruppen von Schulkindern unterschiedlichen Alters gehen in ihren Schuluniformen die Straße entlang. Das wäre auch für uns zu Hause eine interessante Anregung, um die Hänseleien und den Markenwahn der Kids einzuschränken.

Im Garten warten bereits die Pferde auf uns. Vorher gibt es noch ein ordentliches Frühstück. Unsere Behausung erstmalig im Licht betrachtend, können wir feststellen, dass vieles auf unseren Tellern direkt aus dem Garten kommt. Papayas, Orangen, Bananen und sogar der Kaffee, der auf dem Dach sonnengeröstet wird. Eigentlich bin ich kein Kaffeetrinker. Ich kenne Kaffee nur als eine bittere Brühe, die aus gesellschaftlichen Gründen und wegen des Koffeins getrunken wird. Ich könnte nicht sagen, dass ich jemals einen Kaffee aus Genussgründen getrunken habe. Doch ganz anders ist dieser Kaffee, der den ganzen Mund mit würzigem Aroma erfüllt.

Gegen 8 Uhr sitzen wir auf mit der Angabe, dass es sich bei den Pferden um eine „Semiautomatik“ handelt. Das behauptet zumindest Fernando. Mit einem Mindestmaß an Kenntnissen versehen, reiten wir also im Schritttempo los durch den Garten Richtung Gebirge und Tal.

Miguel, unser Führer, erzählt uns dabei die wichtigen Dinge über Flora und Fauna im Vinales-Tal. Jetzt, gegen Ende der Regenzeit sind alle Pflanzen richtig saftig und erstrahlen in ihrem kräftigsten Grün. Die Schönheit der Natur ist nicht in Worte zu fassen.

Seitlich fällt das erste Sonnenlicht ins Tal und in den Niederungen liegt der Morgennebel. Tabakpflanzen werden wir keine sehen, da erst vor kurzem Ernte war. Dafür haben wir freien Blick auf rote Felder und Bauern, die teils mit Treckern, teils mit Ochsen die Felder neu bestellen.

Ausnahmslos alle Bauern grüßen uns auf dem Wege freundlich. Als wir erstmalig vom Schritt in den Trab wechseln, befürchte ich, dass mein Hintern am Ende des Rittes blau und meine Schenkelinnenseiten blutig gescheuert sein werden. Glücklicherweise wird es nicht so schlimm kommen!

Wir meistern manchen Bach und metertiefe Schlammlöcher, bis wir völlig eingesaut sind. Den Galopp und schnellen Trab wage ich nur einhändig, weil mir sonst die Kamera wild um die Ohren schlägt. In der Linken die Zügel, in der Rechten die Kamera. Lila Blutergüsse werden anderntags davon zeugen. Dennoch macht es uns allen einen Heidenspaß.

Unterwegs treffen wir sogar eine kleine Gruppe von Individualtouristen aus Deutschland, die das Tal zu Fuß durchschreiten. Unter den Pferden gibt es ein wenig Rivalität. Besonders mein Klepper legt sich hin und wieder gerne mit den anderen Pferden an und zeigt, dass sein Gebiss nicht nur zum Kauen geeignet ist. Zweimal steigt er dabei sogar hoch, als ich ihn mit den Zügeln an seiner Kampfeslust hindere.

Ziel unseres Rittes, sofern nicht schon der Weg das Ziel ist, sind die Indio-Höhlen und ein Fluss.

Derzeit gängige Theorie ist, dass das Vinalestal früher ein einziges Höhlensystem war. Irgendwann sind die „Decken“ eingestürzt und das Tal entstand. Die Berge sind somit nur die übrig gebliebenen „Stützpfeiler“ der Höhlen.

Am Fluss steigen wir von den Pferden und machen sie fest. Ab jetzt geht es zu Fuß durch das unwegige Gelände. Doch bald müssen wir umkehren, da wir sonst vollständig im Matsch versinken würden. Stattdessen gehe ich zu einem Bauern und halte ein Schwätzchen. Alles in allem sind wir rund 4 Stunden unterwegs. Manch eingestürzte Scheune zeugt vom letzten Hurrikan.

Auf dem Rückweg verliere ich dann den Filterhalter meiner Kamera, den Miguel auf meine Bitte hin schon nach 10 Minuten wiederfindet, während wir ein wenig im Schatten vor der Mittagshitze Schutz suchen.

Hungrig kehren wir zurück. Auf den letzten Kilometern scheinen die Pferde Ihren Weg allein zu finden, die sicher genauso hungrig und durstig sind wie wir. Als wir Miguel bezahlen, lege ich 5,- USD extra drauf, weil er meinen Filterhalter geborgen hat. Diesen hätte ich auf Cuba für kein Geld der Welt kaufen können.

Beschämt, aber dennoch erfreut nimmt er diesen Extra-Obulus an. Es ist sehr empfehlenswert, nur Sachen auf einen solchen Ritt mitzunehmen, die niet- und nagelfest sind. Neben meinem Filterhalter hat Myriam ihre Augenmuschel der Kamera verloren und ihre Sonnenbrille in zwei Teile zerlegt. Wirklich amüsant waren Michaels Kekse, die sich in seinem Rucksack in Keksstaub verwandelten.

Nach Mittagessen, Dusche und Ruhepause schlendern wir durch das Städtchen von Vinales. Dann besuchen wir eine kleine Tabakfabrik etwas außerhalb von Vinales Richtung Pinar del Rio und Hotel Los Jazmines. Ein alter Tabaquero erklärt uns den Werdegang der geernteten Tabakblätter.

Das rosafarbene Hotel „Los Jazmines“ ist ebenfalls sehr sehenswert. Hoch auf einem Hügel bietet es einen Traumblick auf die Mogoten. Das bleibt auch den Reiseveranstaltern nicht verborgen. Statt nur auf Hotelgäste zu treffen, gibt es einen Aussichtspunkt, der von Reisebussen angefahren wird.

Den späten Nachmittag nutzen wir zur Besichtigung der Indio-Höhlen. Dort wird die Flucht und das Leben der schwarzen Sklaven beschrieben sowie ihr Leidensweg.

Im Eingansbereich befindet sich eine Bar im offenen Fels. Für 1,- USD gibt es eine kompetente Führung. Durch die Höhle hindurch führt der Weg in einen offenen Kessel, der vom Gebirge umgeben ist. In bunten Farben kann der Besucher etwas über die Santeria erfahren, einer kubanischen Religion.

Zu Zeiten der Eroberer war es den schwarzen Sklaven nicht erlaubt, ihre „heidnischen“ Götter anzubeten. Zwangsweise wurden sie christianisiert. Daraus hat sich eine Art Mischglaube entwickelt, indem die Schwarzen jeder christlichen Gestalt einen Gott der Santeria zuordneten.

So konnten sie ihre Götter verehren ohne die Strafe der Christen fürchten zu müssen. Auch durch bestimmte Farbkombinationen lassen sich die Götter darstellen. Z.B. gibt es die Göttin Ochún. Göttin der Koketterie, Liebe und Fruchtbarkeit. Sie ist Herrscherin über das Süßwasser, über Flüsse, den Honig und alles Schöne in der Welt.

So heißt dann auch der beliebteste Cocktail der Bar „Ochún“ (2,- USD), der mit viel Rum und Honig die Sinne versüßt. Das christliche Pendant ist die „Virgen de la Caridad“. Die Farbe von Ochún ist Gelb und Gold. Heute ist die Santeria auf Cuba weit verbreitet. Schon am Tag unserer Ankunft sind mir immer wieder Eisenketten aufgefallen, über die man im Eingangsbereich vieler Häuser schreiten muss. Sie sollen böse Geister daran hindern, ins Haus zu kommen.

Doch das eigentliche Erlebnis ist Jesus. Ein Musiker aus Pinar del Rio, der für eine Touristengruppe gespielt hat, die kurz nach unserer Ankunft wieder abfuhr. Bis zum Sonnenuntergang sitzen wir zusammen in der offenen Bar, trinken und singen zusammen. Auch er ist ein Anhänger der Santeria und verehrt Ochun.

Als es dunkel wird, fahren wir heimwärts nach Vinales und nehmen Jesus auf dem Wege mit. Statt Autoradio gibt es weiter Livemusik.

Nach solch einem Tag und so viel Hitze, schaffen wir es nicht mehr, an diesem Abend vor die Türe zu gehen. Bei unserem frühen Abendessen merken wir, dass unser Besteck englisches Tafelsilber aus dem Jahre 1847 ist. Seit jeher befindet sich dieses Besteck im Besitz der Familie unserer Gastgeberin Marie Luisa.

Wieder endet der Tag auf der Veranda bei Mojito und Cuba-Libre.

Es gibt keine Kommentare.
Deine Meinung?

Userbild
Name
Sascha Menge
Alter
jung geblieben
Ort
Wuppertal
Webseite
---

Alle Reisen von Sascha Menge

Cuba Fototour

Vom 23.10 - 06.11.2002 waren Sascha Menge und seine Myriam in Cuba unterwegs auf der Suche nach dem Mythos und dem besonderen Flair der Karibikinsel. Der Fotoredakteur aus Wuppertal war bereits vor einigen Jahren beruflich hier und konnte dabei auch manchen Blick hinter die bröckelnden Fassaden der alten Kolonialbauten werfen.