KubaCuba Fototour

Der Diebstahl - Sonderbericht

01.11.2002 |

Schon wieder ist es passiert! Wir sind erneut beklaut worden. 409,- Dollar weg, verletzte Füße, eine wilde Verfolgungsjagd, Stunden bei der Polizei…

Doch der Reihe nach…

Heute treibt es uns an den Strand. Unweit von Santiago fahren wir mit dem Taxi zur Playa Siboney und vereinbaren die Abholung um 16 Uhr. Doch nachdem wir die ersten Schritte auf den Strand setzen, würde ich am liebsten wieder ins Taxi einsteigen. Doch das ist nun leider schon weg. Der Strand ist alles andere als schön und schon auf dem Wege zu einem geeigneten Liegeplätzchen bekommen wir einen Vorgeschmack dessen, was uns erwartet.

Im Sekundentakt werden wir angesprochen. Where do you come from? Need a Casa Particular? Want some Fish, Chicken, Rum, Lobster, Cigars… Ohne Unterlass werden wir belagert und genervt. Es ist kaum möglich, sich untereinander zu unterhalten.

Nicht einmal den Blick kann man ungehemmt in die Gegend schweifen lassen, denn jegliches Interesse an irgendwas, sei es auch nur das blaue Meer, wird zur Ansprache genutzt. Daher halten wir unsere Blicke auf uns beschränkt. Und das ist mein heutiger, teurer Fehler.

Dennoch gehen My und ich einmal ins Wasser. Michael und Yvonne passen mittlerweile auf die Sachen auf. Da wir bereits auf dem Zimmer in Pinar del Rio bestohlen wurden, haben wir unser Geld mit. Zur Sicherheit setzt sich Michael auf meine Sachen drauf, damit nichts passieren kann.

Als wir aus dem Wasser kommen, tauschen Michael und ich wieder die Plätze. Ich sitze nicht einmal 5 Sekunden und überprüfe mit einem Blick meine Sachen, um mich selber draufzusetzen, da ist meine Hose auch schon weg. Ich werfe Michael einen kritischen Blick zu, denn manchmal ist er für einen derben Scherz gut. Doch sofort versichert er mir, dass dies kein Scherz sei. Wertvolle Sekunden verstreichen und ich klage mein Leid. Aber zwei, drei Leute wollen jemanden beobachtet haben, der vor wenigen Sekunden weglief. Also spurte ich in die angegebene Richtung los.

Ich hätte mir ein paar Schuhe anziehen sollen. Denn nach wenigen hundert Metern sind beide Füße blutig gescheuert auf dem Asphalt. So muss ich mein Tempo verlangsamen. Ein Cubaner holt mich ein, der das Geschehen aus dem Wasser beobachtete. Yuri. Er kennt sich hier aus und will mir helfen. Er fragt die Leute nach dem Weg. Doch ich kann nicht mehr laufen. Dann kommt auch Michael, der sich ein paar Schuhe angezogen hat. Gemeinsam nehmen sie die Verfolgung auf.

Ich humple zurück zu unserem Liegeplatz und verständige die Polizei. Dort hat sich bereits eine besorgte Menschentraube gebildet. Ich lasse mir die Füße vorab verbinden und ziehe mir die Schuhe an. Eine Hose kann ich nicht anziehen, denn die ist nun weg. Mit allem Geld, denn der Bauchbeutel ist darin hängen geblieben. Und Ausweis und Kreditkarte.

Den ganzen Krimi in allen Einzelheiten zu erzählen, würde den Rahmen sprengen. Letztlich kommt Michael aus der anderen Richtung am Strand entlang zu uns zurück. Er trägt dabei meine Hose in den Händen. Dazu hat er eine abenteuerliche Geschichte zu erzählen. Lange liefen Yuri und Michael die Straße entlang. Immer wieder fragte Yuri Passanten gezielt. Gelegentlich dachte Michael schon, dass die Verfolgung aussichtslos sei. Plötzlich entdeckt Michael einen schwarzen Cubaner, der meine Hose mit den charakteristischen Schlaufen trägt. Der Dieb erkennt, dass er Verfolger hat und flüchtet weiter. So zieht sich die Verfolgung hin, bis der Jüngling aus Erschöpfung und im Hinblick auf die Aussichtslosigkeit aufgibt und mit erhobenen Armen stehen bleibt. Zu viele Leute scheinen ihn nun schon gesehen zu haben.

Danach passiert etwas, von dem Michael sagt, dass es für ihn wie im Film ablief. Er erzählt, plötzlich seien wie aus dem Nichts aus allen Richtungen Leute aufgetaucht. Und nun stürze sich dieser gesammelte Mob auf den Dieb. Die aufgebrachte Menge verabreicht ihm sofort eine erste Tracht Prügel und deckt ihn mit Beschimpfungen ein. Als Michael die aufgebrachte Menge erreicht, kann er ihm ohne Gegenwehr meine Hose ausziehen. Als Dank für die Hilfe spendet Michael 20,- USD dem Dorf. Schnell trifft nun auch die Polizei ein. Um weiteren Prügeln zu entgehen, stürzt sich der Dieb mit vorgehaltenen Händen auf die Polizisten zu. Dann besteigen die Polizisten mit dem gefesselten Dieb und Michael einen LKW und fahren damit zur Polizeistelle am Strand von Siboney. Dort wird der Dieb sofort in ein finsteres Loch gesteckt. Jedoch nicht ohne zuvor von einem Polizisten die Rippen getreten zu werden.

So kommt es, dass Michael von der anderen Seite am Strand entlang zu uns zurück kommt. Er reicht mir die Hose und ich prüfe den Inhalt. Die schwarze Geldbörse zum Umbinden fehlt. Auch der Reisepass und die Kreditkarte. Dafür befindet sich ein Teil des Bargeldes lose in der Hosentasche. Somit ist klar, dass die Beute aufgeteilt wurde. Mehrere haben den Dieb mit einem Komplizen gesehen. Die beiden sind einigermaßen bekannt, weil sie sich fast täglich am Strand aufhalten.

Zusammen gehen wir zur Polizeistation zur Aufnahme eines langwierigen Protokolls. Ein paar Cubaner helfen als Dolmetscher und Augenzeugen aus. Zwischenzeitlich wird meine weggeworfene Geldbörse mit Pass und Kreditkarte wiedergefunden. Nur der Komplize kann an diesem Tag nicht mehr ausfindig gemacht werden. Ich bekomme auch den Dieb zu sehen, der zum Verhör aus dem Loch geholt wird. Ich bewundere das selbstsichere Verhalten der Polizei, denn ich könnte dem Dieb bei mehreren Gelegenheiten ungehindert an die Gurgel springen. Und sein ungerührt arroganter Blick könnte mich dazu verführen. Doch seine pure Angst kann er damit nicht gänzlich verdecken. Seine Gefangennahme ist mir Genugtuung genug. Zumal ich mir nicht einmal vorstellen möchte, was hier mit Dieben und anderen Kriminellen hinter verschlossenen Türen passiert.

Wir verlassen die Station mit der Angabe, uns morgen auf der übergeordneten Polizeistation 4 in Santiago zu melden. Doch damit eines klar ist. Der Rest des Geldes wird nicht mehr auftauchen. Auch wenn ich arge Zweifel habe, dass der Komplize angesichts der demonstrierten Polizeimethoden in der Lage war, die Beute vorzuenthalten. Was ich damit sagen will, kann sich jeder selbst ausmalen. Dass ich überhaupt etwas von meinem Geld wiedergesehen habe, ist alleine Yuri und Michael zu verdanken und nicht der cubanischen Polizeiarbeit.

Zu Hause in Santiago verarztet Michael meine Füße und ich genieße ein ausgiebig brennendes Bad in einer Jodlösung. Leider kann ich für diesen Tag nicht mit schönen Bildern verwöhnen. Da ich nicht laufen kann, verbringe ich auch diesen Abend im Haus. Ich bin eh nicht in der Stimmung.

Nachtrag

Polizeistation 4 ...dort schmoren wir nach unserer Anmeldung mehr als 2 Stunden in einem stickigen, heißen und widerlichen Warteraum. Wer sind hier eigentlich die Kriminellen? Wir wagen uns selbständig in Büros vor, wollen uns nicht länger hinhalten lassen. Die Haltung der Polizei, zumeist in ziviler Kleidung, scheint eher desinteressiert. Allen Ernstes werde ich nach mehr als 2 Stunden des Wartens gefragt, was ich hier wolle. Meine Antwort: Wir sind hierher bestellt. Wie geht es jetzt weiter? Wo ist mein Geld? Darauf erwidert der einzige, der wenigstens ein paar Fetzen Englisch versteht, dass ich doch einen Teil zurückerhalten habe. Du sagst es, Mann. Einen Teil. Der andere gehört aber auch mir. Von diesem anderen Teil will man hier aber nichts wissen. Es sei bei dem gefassten Komplizen kein Geld sichergestellt worden. Nicht einmal eine Bestätigung bekomme ich. Statt dessen eine Adresse der Strafanstalt von Santiago und einen Termin um 14 Uhr am Montag.

Nach Beantwortung sinnloser Fragen, drängt sich der Gedanke auf, dass wir unsere Zeit verschwenden und ich bestehe darauf, nun zu gehen. Ich stelle mich darauf ein, dass ich mein Geld nicht wiedersehe, auch wenn die Täter gefasst sind. Ob das Geld nun in den Händen des Diebes oder der Polizei ist, macht es nicht unbedingt wahrscheinlicher, davon etwas wiederzusehen.

Verdammt, ich kann immer noch nicht wieder vernünftig laufen und verbringe den restlichen Tag im Haus. Vielleicht hätte ich den Tag nutzen sollen, um für das Reisealbum ein paar Bilder zu malen, wenn ich schon nichts zu fotografieren habe.

Es gibt keine Kommentare.
Deine Meinung?

Sascha
hat nur 2 Bilder geschickt
Sascha
hat nur 2 Bilder geschickt
Userbild
Name
Sascha Menge
Alter
jung geblieben
Ort
Wuppertal
Webseite
---

Alle Reisen von Sascha Menge

Cuba Fototour

Vom 23.10 - 06.11.2002 waren Sascha Menge und seine Myriam in Cuba unterwegs auf der Suche nach dem Mythos und dem besonderen Flair der Karibikinsel. Der Fotoredakteur aus Wuppertal war bereits vor einigen Jahren beruflich hier und konnte dabei auch manchen Blick hinter die bröckelnden Fassaden der alten Kolonialbauten werfen.