Côte d'IvoireRichtung Westafrika ...

Weihnachten und Silvester

11.01.2009 |

liegen hinter uns. Die Stimmung war wenig festlich. Infolge des ueberall beklagten Geldmangels wurde kaum, wie wohl in den vergangenen Jahren, in den Strassen und Maquis gefeiert. Die meisten Ivorer verbrachten die Feiertage in Familie und in der Kirche. Ich auch, ich verweilte bei einer befreundeten Familie mit gutem Essen und ausgelassener afrikanischen Stimmung, mit gemeinsamem Singen und Tanzen.

In der Vorweihnachtszeit hingegen vollzog sich das Stadtleben in Abidjan noch hektischer als sonst … mit Feiertags-ueberteuerten Taxen, Staus und permanenten Polizeikontrollen. Diese verlaufen nach wie vor willkuerlich und sind unter anderem recht unangenehm. Das letzte Mal wurden wir unter Vorhalten der Dienstpistole ans Auto gestellt und abgetastet, anschliessend nach Hause gefahren und nach Geld sowie unseren Telefonnummern befragt. Wird allerdings auf eine Pruegelei zehn Meter weiter hingewiesen, kriegt man abwinkend zur Antwort, die Jungs seien wohl satt. Die Aussage in einem Artikel zum Thema weltweiter Waffenhandel in der neon (Ausgabe 01/2009) trifft somit auch ganz gut auf die Elfenbeinkueste zu: "Die Sicherheit eines Landes basiert (...) nicht auf der Ausstattung einer Armee, sondern auf der Rechtsstaatlichkeit von Polizei und Justiz – und der Hingabe, mit der sich Menschen ihrer Gemeinschaft widmen." Das heisst, auch wenn Polizisten mit ihren Gewehren und Pistolen bewaffnet in den Strassen Praesenz zeigen, kann kaum von oeffentlicher Sicherheit und Ordnung die Rede sein. Regelverstoesse sind Alltag im gemeinsamen Zusammenleben oder auch im Strassenverkehr, z.B. riskante Ueberholmanoever, Nutzung des Gehweges als 3. oder 4. Fahrspur, Ueberfahren roter Ampeln etc.. Polizisten wuerde ich hier nicht unbedingt als Hueter des Gesetzes bezeichnen. Vielmehr ist die Arbeit als Polizist ein gut bezahlter Job mit Aussichten auf ein schoenes "Trinkgeld". Von dieser Moeglichkeit macht der Grossteil der Polizisten auch Gebrauch, um die hohen Ausbildungskosten, die zuvor aufgebracht werden mussten, wieder ins eigene Portemonnaie zu wirtschaften. Machtmissbrauch und Desinteresse gegenueber dem Buerger!

Die weitere freie Zeit, den Weihnachtsurlaub, habe ich genutzt und einige Bekanntschaften aus den letzten 4 Monaten besucht. Dabei bin ich alle Zwischenetappen noch mal abgeschritten … Yopougan, Deux Plateaux und Marcory in Abidjan. Darueber hinaus waren wir Freiwilligen auf dem Sean Paul Konzert in Abidjan Treichville, in dem Dorf Ande sowie am Strand von Grand Bassam. Die abenteuerlichen Fahrten nach Grand Bassam im Sammeltaxi 505 oder Buschtaxi (taxi brousse) geniesse ich immer sehr. Sie stellen fuer mich Ausgleich, Abwechselung und eben klischeehaft afrikanisches Abenteuer dar. Mit chronisch ueberbesetzten und ueberladenen Autos geht es nach langen Wartezeiten, bis alle Sitzplaetze restlos belegt sind, sowie Gebet fuer eine heile Ankunft, eingekeilt zwischen Handbremse und Sitznachbarn, los. Manchmal muessen die altersschwachen Autos angeschoben werden, damit sie ueberhaupt anspringen. Die Spiegel sind angeleint, die Fensterscheiben gerissen, der Tacho hin und wieder funktionsuntuechtig. Auf der Strecke Feldarbeiter, leider auch Brandrodung und Autounfaelle. Und natuerlich der uebelgelaunte Polizist, der sich erst beschwert, weil man zur Kontrolle den Ausweis achtlos mit der linken Hand gibt, und sich anschliessend doch mit einem dahergebrummten Heiratsantrag verabschiedet. Am Strand von Grand Bassam selbst profitieren wir von der Natur, geniessen Sonne, Strand und Meer, tauschen uns mit den Haendlern vor Ort aus oder besuchen die zahlreichen lokalen Kunstateliers (Malerei, Weberei, Plastiken).

Grand Bassam, auch als Lagunenstadt bezeichnet, liegt an der Muendung des Comoë-Flusses. In der Geschichte der Kolonialherrschaft nimmt Grand Bassam eine bedeutende Rolle ein. Von 1842 an war die Stadt franzoesisches Protektorat und wichtige Handelsniederlassung an der Kueste. Mit Gruendung der franzoesischen Kolonie im Jahr 1893 wurde sie zur Hauptstadt ernannt. Im Jahr 1899 verliessen die Europaeer jedoch aufgrund der durch Lagune und Ozean eingeengten Lage und einer ploetzlich auftretenden Gelbfieberepidemie Grand Bassam und gruendeten in Bingerville ihre neue Hauptstadt. Die aufstrebende Stadt erstarrte in ihrer Entwicklung. Die prunkvollen Residenzen der Kolonialherren verfielen zusehends und zeugen heute nur noch als nostalgische Ruinen von der damaligen Pracht (Quelle: Reise know-how: Westafrika, 2003).

Vor dem Krieg galt Grand Bassam als beliebtes Reiseziel fuer Touristen und Ausflugsziel fuer die einheimische Bevoelkerung. Momentan ist der Strand von Grand Bassam wochentags jedoch ueberwiegend leer und die Haendler sind verzweifelt auf Kundenjagd. Lediglich der Sonntag lohnt sich fuer Geschaefte. Haeufig arbeiten junge Maedchen als Verkaeuferinnen, die fuer 10.000 FCFA (15,- Euro) im Monat, eine Unterkunft und Verpflegung angestellt sind und so versuchen, im Leben zurechtzukommen. Unter Erfolgsdruck gesetzt bedauern sie ihre Unselbststaendigkeit, leben von der Hand in den Mund und koennen infolge mangelnder Alternativen den Kreislauf aus Abhaengigkeit und Unzufriedenheit nicht verlassen. Darueber hinaus arbeiten zahlreiche junge Maenner, Tuareg aus Mali sowie Kinder, die nicht zur Schule gehen, als Haendler am Strand. Verkauft werden Erdnuesse, Kokosnuesse, Ananas, Bananen, Brochettes (gegrillte Fleisch- und Fischspiesse), Tuecher, Badesachen, Schmuck, Spiegel, Awalé-Spiele, Holzfiguren etc.. Zudem verdienen sich Fotografen ein Zubrot, indem sie die wenigen Touristen am Strand gekonnt in Szene setzen. Reitausfluege auf klapprigen Pferden gibt es ebenso im Tourismus-Angebot. Leider erinnert das Ganze vielmehr an ein kleines Trauerspiel. Die Statisten agieren ohne entsprechendes (zahlendes) Publikum. Wo die Menschen vor Ort ihre Motivation hernehmen, weiter zu verkaufen, zu malen oder zu musizieren, ist fuer mich haeufig unklar. Mehr als Pfennige koennen dort nicht zusammenkommen, zudem die Konkurrenz riesig ist.

Bezueglich unserer Arbeit gibt es noch immer keine Fortschritte. Hoffen wir auf das Jahr 2009! Dieses, so wird mir hier permanent bestaetigt, soll ein ganz Besonderes sein. Zumindest ist hinsichtlich unseres Freiwilligendienstes fuer Mitte Januar schon mal eine Arbeitssitzung angedacht. Diese soll erneut Klarheit bei allen Beteiligten schaffen. Wir hoffen auf das Engagement unseres Tutors vor Ort sowie des Conseil Général d?Aboisso, endlich einen Rahmen fuer unsere Arbeit (Konzept, Einrichtung, Zielgruppe etc.) zu finden, dass unser Freiwilligendienst nach 4 Monaten endlich ueberhaupt eine Aktivitaet beinhaltet und wenigstens etwas Sinn macht. Denn abgesehen von einem persoenlichen Einsatz zum Weltaidstag am 01. Dezember 2008 konnten wir uns in letzter Zeit nirgendwo einbringen.

Ich wuensche allen, die heute hier lesen, ein Gesundes neues Jahr 2009! Viele Gruesse sendet Madlen.

Es gibt 2 Kommentare.
Deine Meinung?

  1. Hallöchen Madl!
    Alles alles Gute für das neue aufregende Jahr 2009 vor allem natürlich Gesundheit!!!!
    Schön von Dir zu lesen ... wie immer sind Deine Berichte sehr spannend und für uns Hiergebliebene unfassbar.
    Wär schön mal ein zwei Fotos von Dir zu sehen beim nächsten Bericht?
    Da klickt man immer sehnsüchtig die tollen Fotos durch - aber ganz zufrieden stellen sie nicht (mich zumindest) Ich muss sehen dass Du da bist ... ;-)
    alles weitere per Mail wenn Du kannst - ist der Brief bei Dir angekommen???
    Ganz liebe Grüße um den Erdball sendet
    Dir Jenny

    sagte Jenny am 18.01.2009 um 18:43 Uhr #

  2. Ich schliesse mich Jenny an und wuensche mir auch ein, zwei Fotos von dir! lese deine berichte immer sehr aufmerksam und bin ganz begeistert von deinem Talent, alles zu beobachten und dann fuer uns zu beschreiben. Vielen Dank dafuer! Bin in 2 Wochen wieder in HH und staune, wie schnell ein Jahr ploetzlich vorueber gegangen ist. Liebste Gruesse! Britta

    sagte Britta am 02.02.2009 um 00:52 Uhr #

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² sagen wir auch nich' weiter. Versprochen!

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Madlen Janke
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Wurzen
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Richtung Westafrika ...

Ab Ende August gehe ich für 1 Jahr als Freiwillige in die Côte d'Ivoire. Ich werde im Bereich AIDS-Prävention arbeiten und Alphabetisierungskurse geben. Des Weiteren lebe ich in einer Gastfamilie vor Ort, in der Nähe von Toumodi. Das ist zumindest bisher der Plan. Über weitere Infos verfüge ich noch nicht ... es kann also spannend werden!?