Richtung Westafrika ...
la patience est un chemin d'or
02.11.2008 |
... die Geduld ist ein Weg aus Gold. Das ivorische Lebensmotto, welches ich immer wieder hart trainieren muss. Konzertverspaetungen von 4 Stunden, nicht eingehaltene Verabredungen oder endlose Wartezeiten bei Behoerden. Das gesamte alltaegliche Leben unterliegt einem komplett anderen Rhythmus. Dennoch haben wir 2 Freiwilligen es letztendlich nach 1 1/2 Monaten geschafft, fest anzukommen und unser eigenes kleines Haeuschen au Viacel (Village Accueil Elèves) zu beziehen. Viacel ist ein ruhiges, naturbelassenes Gelaende – derrière l'eau – das heisst auf der anderen Flussseite von Aboisso. Hier gibt es ein Jungs- und ein Maedcheninternat, einen Kindergarten, italienische Schwestern, Priester und die Radiostation Paix Sanwi. Eine bunte Mischung, die den Aufenthalt auflockert und interessant gestaltet. Trotz aller Unterhaltungsmoeglichkeiten haben wir aber auch jederzeit Gelegenheit, uns still auf unseren Balkon zurueckzuziehen und am Abend bei Kerzenschein das Grillenzirpen sowie das Gluehwuermchenmeer zu geniessen. Das ist schon schoen. In naehster Nachbarschaft unsere Haushuehner und Agamen. Manchmal leider auch Schaben in meinem Bett. Aber "on fait avec!" Sozusagen das 2. ivorische Lebensmotto. Das Haus ist derzeit noch recht spaerlich eingerichtet. Ausser einer Matratze und unseren mittlerweile jeweils knapp 30 kg Reisegepaeck verfuegen wir ueber 2 Taschenmesser, 2 Dosen und einen Loeffel. Das heisst, die Wohn- und Lebensvoraussetzungen sind sehr beschraenkt. Aber das beweist mal wieder: der Mensch braucht (eigentlich) nicht viel zum Leben. Wenn ich jeden frueh im Garten meine Zaehne putze, mit Hand meine Waesche wasche, auf dem Markt einkaufen gehe und ein bisschen mit den Leuten rede, wenn wir unsere Siesta (obligatorisch, da es mittlerweile so heiss ist) zu Hause oder beim Tee in unserem Stammlokal mit Tiemélé verbringen, mit dem Motorrad durch Aboisso fahren, les Patrons (ivorische Musikgruppe) mal wieder die Strassen beschallen, getanzt und gesungen wird, dann ist das fuer mich vollkommend ausreichend. Mir gefaellt das Leben genau so! Bezueglich der Arbeit haben wir am 21.10.2008 hoffentlich endgueltig unseren letzten Tag der Arbeitslosigkeit verbracht. Am 22.10.2008 wurden wir und unser Arbeitsplan erstmals offiziell im Conseil Général vorgestellt. Ich muss dabei etwas laecheln, da uns sowohl der Conseil als auch Halb-Aboisso mit Mado und Ina anspricht. Wir, les blanches, sind nach knapp 2 Monaten nicht wirklich unbekannt. Vielmehr werden wir regelmaessig von der Bevoelkerung zum Essen, Trinken und zu ehrgeizigen Debatten ueber Afrika und Europa eingeladen. Laut dem Arbeitsplan sollen wir in den naechsten Wochen die Organisationsstruktur (Funktion, Aufbau und Ablauf) des Conseil Général d'Aboisso, der fuer Entwicklungsarbeit im Département Aboisso zustaendig ist, kennenlernen. Das kann ganz interessant werden, sowohl menschlich als auch arbeitstechnisch. Hier gibt es immer wieder Ueberraschungen. Letzte Woche im Conseil: "Was euch fehlt Arbeit? Setzt euch doch her und unterhaltet euch mit mir. Das ist auch Arbeit!" Oder das Abtippen von Telefonlisten von November 2007. Mittlerweile akzeptiere ich, wie gesagt … ein anderer Rhythmus. Schade dabei ist, dass haeufig die Bevoelkerung auf der Strecke bleibt. Lange Verwaltungswege, Unflexibilitaet fuehren zu Resignation, Misstrauen in die Politik und Ablehnung. Immer wieder hoert man wie hart Afrika ist, wie korrupt und unehrlich (Transparency International, Nichtregierungsorganisation, hat in ueber 100 Laendern das Ausmass von Korruption ermittelt. Der CdI wurde der 75. Platz zugewiesen.) Politiker werden als Menschen beschrieben, die sich auf Kosten der Bevoelkerung bereichern und im Gegenzug fuer diese nichts bezwecken. Ich moechte das alles an dieser Stelle nicht beurteilen. Fakt ist jedoch, dass bei unserem Freiwilligendienst viel Ueberforderung und wenig Effizienz vorherrschen. Unsere menschlichen Ressourcen, Faehigkeiten und Kompetenzen wurden bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht mal ansatzweise genutzt. Vielmehr wurden wir in der Vergangenheit hin- und hergeschoben und haben von unseren Verantwortlichen zeitweise nichts gehoert. Thematischer Schwerpunkt der letzten Tage war ungluecklicherweise nicht der Inhalt oder Ablauf unserer Arbeit, sondern die Frage nach der Finanzierung des Programmes. Dennoch habe ich versucht, die Zeit der letzten Wochen zu nutzen. Dank der italienischen Schwestern und der Aufgeschlossenheit der Ivorer habe ich verschiedene staatliche Sozialeinrichtungen sowie Nichtregierungsorganisationen vor Ort besucht. Das Gefaengnis von Aboisso, das Tuberkulose- und Sozialzentrum, das Krankenhaus, ONG: Migrons sans le SIDA etc.. Im Austausch mit den Angestellten und freiwilligen Helfern habe ich versucht den Dschungel einer nicht vorhandenen sozialen Infrastruktur kennen und verstehen zu lernen. Darueber hinaus ist zukuenftig in Kooperation mit den Einrichtungen die Teilnahme an verschiedenen Aktionen (groupes de parole, Praeventionsveranstaltungen zum Thema VIH/SIDA) geplant. Am Wochenende koche ich mit den Maedchen aus dem Internat. Ich hoffe, diese Erfahrungen und Erkenntnisse in den naechsten Monaten noch vertiefen zu koennen.
Es gibt 3 Kommentare.
Deine Meinung?
- Name
- Madlen Janke
- Alter
- 30
- Ort
- Wurzen
- Webseite
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Richtung Westafrika ...
Ab Ende August gehe ich für 1 Jahr als Freiwillige in die Côte d'Ivoire. Ich werde im Bereich AIDS-Prävention arbeiten und Alphabetisierungskurse geben. Des Weiteren lebe ich in einer Gastfamilie vor Ort, in der Nähe von Toumodi. Das ist zumindest bisher der Plan. Über weitere Infos verfüge ich noch nicht ... es kann also spannend werden!?














bonjour madlen!
ich kann mich ja eigentlich reisetechnisch nicht beklagen - aber deine Berichte klingen - neben allen ernsten Momenten und wichtigen Informationen - so schön bunt und neu...Danke, das du daran teilhaben lässt!
Deine Britta
sagte britta am 08.11.2008 um 10:56 Uhr #
Hallo,
endlich lese ich mal wie es dir so geht. Habe heute deinen Brief erhalten und mich sehr gefreut, gut, dass du da livetravel noch mal erwähnt hast, ich hab mich schon geärgert nicht zu wissen wie es dir geht. Ich hoffe die Erfahrungen, die du jetzt in Afrika sammelst sind positiver als in Frankreich auch, wenn alles so unorganisiert ist. Aber der letzte Bericht hörte sich doch auch schön an.
Ich denk an dich
Fanny
sagte Fanny am 25.11.2008 um 17:34 Uhr #
Hallöchen liebe Madl!
endlich hab ichs dank Fanny auch geschnallt wie ich auf die Berichte komme - hab immer rein geschaut und dann deinen Namen eingegenben und da kam immer die selbe Seite -also dachte ich wieder nichts - du hast bestimmt keine Verbindung.
Jedenfalls ist es schön genauer zu lesen wie es Dir geht was Du machts und wie es in der CdI so ist - zumindest kann man ein bißchen daran teilhaben - es wär schön beim nächsten Mal auch ein Bild von Dir zu sehen ;-)
Alles klingt sehr beeindruckend und fremd aber insgesamt so als kommst Du gut zurecht und bist froh über die Entscheidung den Freiwilligendienst anzugehen.
Viele liebe Grüße und Gedanken um die Welt sendet
Deine Jenny
PS:. Mario würde mal interessieren was es für Bier gibt und ob man mt den Ivoren freitags mal einen saufen gehen kann. ;-)
sagte Jenny am 28.11.2008 um 18:53 Uhr #