Richtung Westafrika ...
Eine kleine Bestandsaufnahme ...
03.10.2008 |
Nachdem sich mein Aufenthalt in Abidjan immer mehr verlaengert, kann ich die Stadt auch von einer ganz anderen Seite kennenlernen. Ich wohne uebergangsweise bei der Direktorin des Ministère de la Jeunesse, du sport et des loisirs in Deux Plateaux. Das Viertel Deux Plateaux unterscheidet sich komplett von Yopougan Camp Militaire, wo ich bisher gewohnt habe. Es besteht aus vielen kleinen « cités »; eingezaeunten Wohnvierteln mit grossen Haeusern und Villen. Es gibt feste Geschaefte, eine Eisdiele! und riesige Einkaufsmaerkte, in denen man nach 4 Wochen Konsum-Abstinenz aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Dabei will ich gar nichts kaufen, nur schauen und mich an allem erfreuen. Bei der Direktorin zu Hause geniesse ich die lockere und freie Stimmung, das Familienleben (2 Enkel; 5 und 8 Jahre alt) sowie den Garten mit Liege unter dem Sternfruchtbaum. Ich schone meinen Magen mit fettarmer, europaeischer Kueche. Denn nach dem letzten Monat braucht dieser eine Pause von dem wirklich leckeren, aber grundsaetzlich in Fett gebackenem und gebratenem Essen. Da es in dem Haushalt der Direktorin neben der eigenen Tochter und den 2 Kindern 3 « servantes » gibt, beschraenkt sich mein Alltag auf kleinere Ausfluege, auf Lesen, Spazieren und in die Kirche gehen (!), auf Reden, Essen und es mir gutgehen lassen. Die Anwesenheit von Haushaltspersonal ist fuer mich nach wie vor gewoehnungsbeduerftig, aber sicherlich gerechtfertigt. Denn die Frauen haben im Vergleich zu vielen anderen ein regelmaessiges Einkommen und eine feste Unterkunft. In der letzten Woche haben uns unsere Ausfluege u.a. nach Blokosso, ein Dorf der Ebrié (commune de Cocody in Abidjan), gefuehrt. Dort fand ein Initiationsfest (fête de génération) statt, zu dem die Jugendlichen in die Erwachsenenwelt aufgenommen werden. Darueber hinaus wird von dem « chef de village » und seinen Ehrenbuergern ein Krieger gewaehlt, der seine Generation vertritt. Und dieser umgekehrt von seiner Generation vor Hexerei und schwarzer Magie beschuetzt wird. Des Weiteren waren wir mit der Direktorin und ihrer Familie in Jacqueville … einem Dorf unmittelbar am Meer, in dem die Menschen, die noch nicht nach Abidjan abgewandert sind, vom Fischfang sowie vom Anbau von Maniok und Kokosnuessen leben. In Jacqueville sind 2 Beobachtungen zu machen. Zum einen verschwindet das Dorf mehr und mehr im Atlantik. Mit der Erhoehung des Meeresspiegels sind bereits unzaehlige Palmen und Haeuser im Wasser untergegangen. Zum Anderen stehen viele weitere Haeuser leer. Infolge der Rueckwanderung der Europaeer sowie der Landflucht der Ivorer in die Staedte droht das Dorf auszusterben. Diese Entwicklung scheint landestypisch. Ein Grossteil der Jugendlichen moechte nicht mehr in den Doerfern bleiben und von der Landwirtschaft leben. Mit der Abwanderung in die Staedte, die eine derartige Menschenflut jedoch nicht auffangen koennen, und der zusaetzlich entstehenden Arbeitslosigkeit entwickeln sich neue Brennpunkte. Ein weiterer Ausflug am Wochenende hat uns in den Forêt de Tiassalé und das Dorf Boussoué gefuehrt. Eine wunderschoene Gegend, die wiederrum mehr und mehr der Landwirtschaft weichen muss. Traurig, aber wahr. Es gibt zwar ein Umweltministerium, wenn man die Menschen jedoch nach Umweltschutz befragt, winken sie ab, so etwas existiere in der CdI nicht beziehungsweise nur auf dem Papier. Schade, aber zur Zeit ernaehrt der Wald die Menschen nicht. Deswegen werden auch Schutzgebiete ? wie z.B. der Parc National du Banco in Abidjan ? immer wieder trotz Verbotes bepflanzt. Im feuchten Sueden werden hauptsaechlich Kakao, Bananen, Ananas, Maniok, Yams, Kautschuk, aber auch Tomaten, Gurken und Salat angebaut. Vor der politischen Krise ? so wurde es mir erklaert ? wurden die gesamten Agrarprodukte von den Bauern fuer faires Geld vom Staat abgekauft. Ein Teil des Geldes wurde in eine Gemeinschaftskasse eingezahlt, die strukturschwaechere Gegenden unterstuetzte und somit eine gewisse Ausgeglichenheit und Existenzsicherung fuer alle Ivorer gewaehrleistete. Dieses System der Gemeinschaftlichkeit und Solidaritaet existiert mittlerweile nicht mehr. Wie lange die Menschen die dadurch verursachte wirtschaftliche Unsicherheit, Krankheit und den Hunger noch hinnehmen, ist fuer viele vor Ort fraglich? Auf mich wirkt das Land mit seinen « flirtenden Papis », den « zurueckhaltenden, kochenden Mamis », den lachenden, mit verrosteten Blechreifen und « la blanche »-rufenden Kindern unglaublich friedlich. Und ich hoffe, dass bleibt auch so. Denn die Geschichten, die vom Krieg erzaehlen, sind traurig. Die Wunden sind laengst nicht verheilt! In dem Buch « Lotti, la Blanche ? Als Weisse in den Elendsvierteln Westafrikas » wird ein Bericht von Anneliese Tenisch zitiert. Dieser beschreibt « Die Côte d?Ivoire, einstige Vorzeigekolonie Frankreichs, zaehlte noch vor [ein paar Jahren] zu den reichsten Laendern Afrikas, sie war ein Hort der Sicherheit und Stabilitaet und die wirtschaftliche Lokomotive fuer die ganze Region Westafrikas, nicht zuletzt wegen ihres Hafens Abidjan. Das Land war der weltweit wichtigste Kakaoproduzent, exportierte und produzierte daneben auch noch verschiedene andere Agrarprodukte. Die Triebfeder fuer die [stattgefundenen] Kaempfe liegt weit zurueck und hat ihren Ursprung in den Millionen von Immigranten, die aus den umliegenden Laendern ? aus Mali, Guinea, Burkina Faso, Senegal und Nigeria ? in den fruchtbaren Plantagen der Elfenbeinkueste seit Generationen Arbeit fanden und oftmals seit Jahrzehnten an der Côte d?Ivoire leben. Eine Klausel in der Verfassung des Landes verweigert ihnen aber eine Einbuergerung und damit auch den Landbesitz. Die daraus resultierenden ethnischen Spannungen entluden sich erstmals im Praesidentenwahljahr 1995, als der einzig aussichtsreiche Gegenkandidat, der fruehere Premierminister, der Muslime Alassane Ouattara, mit der Begruendung der ?mangelhaften Ivorité? ? seine Mutter stammt urspruenglich aus Burkina Faso ? ausgeschlossen wurde. Bei den Wahlen im Jahr 2000 wurde Ouattara, inzwischen eine Symbolfigur der muslimisch-nordivorischen Elite ? wegen der nach wie vor mangelnden Staatsbuergerschaft ? abermals nicht zugelassen. Der damalige Sieger dieses nicht fairen und freien, dafuer aber umso blutigeren Urnengangs, der christliche Laurent Gbagbo, verteidigt die ?Ivorité?-Klausel nach wie vor. Der langgehegte Unmut darueber [?] entlud sich am 19. September 2002 erneut, als eine Gruppe Soldaten gegen Praesident Gbagbo putschte. Ihre Begruendung: Der christliche, im Sueden lebende Praesident unterdruecke den muslimischen Norden und schuere Hass gegen die rund vier Millionen Immigranten aus den umliegenden Laendern. Der Putsch schlug zwar fehl, die Rebellen brachten aber den Norden des Landes unter ihre Kontrolle. Im November tauchten im Westen ? an der Grenze zu Liberia ? zwei neue Rebellengruppen auf, worauf Frankreich 2.500 Soldaten in die Elfenbeinkueste entsandte. Zum einen, um die wirtschaftlichen Interessen zu wahren, zum anderen, um die rund 20.000 Landsleute zu beschuetzen, die in der Elfenbeinkueste leben. » Ein Bekannter beschrieb die westlichen Rebellengruppen als Entsandte Gbagbos. Gbagbo, geborener West-Ivorer, haege schon lange Zeit Unmut gegen die Europaeer, die in der CdI lebten und das Land seiner Meinung nach ausnuetzten. Er wollte sie verjagen, indem – so wurde es mir beschrieben – die Weissen geschlagen, angegriffen und ihre Fabriken (urpruenglich Holzgewerbe, Import/Export, Druckereien und Farmen) sowie Schulen zerstoert oder gar niedergebrannt wurden. Gbagbo versuchte in der Vergangenheit sich nach China zu orientieren und holte entsprechende Investoren ins Land. Diese sieht man tatsaechlich haeufig vor Ort. Das beschriebene Problem dabei ist jedoch, dass die Chinesen ueberwiegend eigene Landsleute einstellen und die ivorischen Angestellten, wenn nur unzureichend entlohnen und nicht versichern. Am 25. Januar 2003 hat Praesident Gbagbo nach Friedensverhandlungen in Paris der Ernennung des aus dem Norden stammenden Seydou Diarra zum Premierminister zugestimmt. Man spricht von Frieden. Tatsaechlich gelten der Norden und der Westen des Landes jedoch auch heute noch als unsicher. Die fuer Ende November geplanten Wahlen, die seit 2005 stattfinden sollen, werden nicht durchgefuehrt. Und man rechnet auch nicht mit Neuwahlen vor dem Monat Maerz 2009.
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Deine Meinung?
- Name
- Madlen Janke
- Alter
- 30
- Ort
- Wurzen
- Webseite
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Richtung Westafrika ...
Ab Ende August gehe ich für 1 Jahr als Freiwillige in die Côte d'Ivoire. Ich werde im Bereich AIDS-Prävention arbeiten und Alphabetisierungskurse geben. Des Weiteren lebe ich in einer Gastfamilie vor Ort, in der Nähe von Toumodi. Das ist zumindest bisher der Plan. Über weitere Infos verfüge ich noch nicht ... es kann also spannend werden!?





















