Richtung Westafrika ...
Das CHR d'Aboisso
14.06.2009 |
Der letzte Arbeitseinsatz in Aboisso, 2 von 3 geplanten Wochen habe ich im CHR – Centre Hospitalier Régional – von Aboisso gearbeitet. Mein Dienst hat in der Gynaekologie, in der Maternité – im Reich der Schneekoeniginnen – begonnen. Nachdem ich zur Erwaermung die praenatalen Untersuchungen begleiten durfte, habe ich am 2. Arbeitstag meine erste Geburt im Entbindungssaal des Krankenhauses miterlebt. Fazit: Eine Tortur fuer die entbindenden Frauen. Diese liegen ueber Stunden nackt und teilweise unbeaufsichtigt auf Bettpfannen gebettet. Niemand redet mit ihnen oder spricht ihnen gar Mut zu. Es gibt Anweisungen, aber keine Erklaerungen. Daten zur Dokumentation werden in einem Interview quer durch den Kreissaal erfragt, rein technisch, ohne eine Form der menschlichen Zuwendung. Der Umgangston ist rau! Derweil gehen andere Patienten, Angehoerige der Frauen, Freunde und Verwandte des Personals im Entbindungssaal ein und aus. Es werden kommentarlos Schwangerschaftstests und Abtreibungen von den Hebammen sowie weitere gynaekologische Untersuchungen vom Arzt durchgefuehrt. Das heisst, der zustaendige, der Maternité vorstehende Gynaekologe hat sein Behandlungszimmer ebenfalls im "Salle d'accouchement". Jeden Mittwoch kommen sogar zahlreiche Muttis mit ihren Neugeborenen, um diese im Entbindungssaal impfen zu lassen. Es herrschen stets reger Betrieb und buntes Treiben. Intimitaet, Datenschutz und Sterilitaet gibt es hingegen nicht.
Die vor, waehrend und nach der Geburt benoetigten Materialien (Spritzen, Tropf etc.) und Medikamente muessen von den Angehoerigen der Patientinnen auf Rezept, welches im Kreissaal von den Hebammen ausgestellt wird, in der Apotheke gekauft werden. Erst wenn diese besorgt sind, kann die Behandlung beginnen bzw. koennen Medikamente verabreicht werden. Auf Wehwehchen, Schmerzen, Erbrechen o.ae. wird wenig Ruecksicht genommen. Hat die Patientin Fieber und friert, wird die Klimaanlage trotzdem eingeschalten. Liegt die naechste Patientin nicht dauerhaft auf der Bettpfanne, wird ueber sie in der dritten Person geschimpft: "Elle est grave, dêh!" (Sie ist schlimm, he!)
Erlebt man dann den Geburtsvorgang mit, lernt man vielleicht (!) zu verstehen, warum die Hebammen so hart sind. Es gibt keinen Platz fuer Gefuehle … ist der Geburtsweg zu eng, wird er tatkraeftig und ohne Ankuendigung aufgeschnitten (Dammschnitt). Haengt das Kind fest, steigt die "aide soyante" auf die Liege und drueckt mit Hilfe ihres gesamten Koerpergewichtes auf den Bauch der Patientin. Hilfsmittel wie Saugglocken oder Zangen gibt es nicht. Ist das Baby dann auf der Welt – manchmal auch mit Verletzungen wie Schluesselbeinbruch, Haematomen oder Hautabschuerfungen -, wird es versorgt. Aus der Mutter wird die Nachgeburt herausgepresst, herausmassiert, gesondet oder mit der Hand herausgeschabt. Abschliessend wird wieder ohne Betaeubung genaeht, was vorher geschnitten wurde. Eine Stunde spaeter haben sich Mutter und Kind noch immer nicht gesehen. Was die zukuenftige Mutti im Abteil nebenan nach den Schreien der Vorgaengerin und denen der zustaendigen Hebamme denken muss, kann ich nur mutmassen. Ich war auf jeden Fall erleichtert als ich an diesem Tag die "Fleischerei" hinter mir lassen konnte.
Auch die 2. und die 3. im Krankenhaus miterlebte Geburt war fuer mich befremdlich und zugleich ergreifend. Obwohl die Hebammen beim Wehen-Klagen der Patientinnen noch laengst nicht ihren Kopf von der Schreibarbeit heben. Die Bereitschaft neben der Gebaerenden zu stehen und zu warten, haelt sich ebenso in Grenzen. Vielmehr wird ueber die eigenen Ruecken- und Armschmerzen lamentiert. Das Neugeborene schaut sich in der Folgestunde nach der Erstuntersuchung und -versorgung auch niemand mehr an. Es liegt in Pagnes gewickelt, desinfiziert und gepudert auf einer harten, gefliesten Arbeitsflaeche.
Die Unterbringung der Frauen (und auch der anderen Patienten) im Krankenhaus ist fuer unsere Verhaeltnisse sehr reduziert. Die Zimmer sind mit 4 bis 5 Betten und einem Ventilator ausgestattet. Es gibt weder Schraenke noch Stuehle. Die Besucher sitzen auf dem Fussboden oder liegen in den Patientenbetten. Das einzig Schmueckende sind die vielen bunten Pagnes, die zu Bettwaesche, Verbandsmaterial oder Krankenbekleidung umfunktioniert werden. Bei einer Geburt koennen da schon mal bis zu 10 Pagnes verbraucht werden, die die Angehoerigen der Muetter anschliessend tatkraeftig waschen. Das Waschwasser mit all seinen Inhalten wird auf dem Krankenhausgelaende ausgeschuettet und bleibt diesem somit nachhaltig erhalten.
Die Verpflegung und Ernaehrung der Patienten obliegt den Familien. Diese kommen taeglich mit Toepfen und Tellern beladen, um ihre Angehoerigen zu versorgen.
Die 2. Arbeitswoche im CHR d'Aboisso habe ich in der Paediatrie verbracht. Die meisten behandelten Faelle litten an Malaria. Wobei der Krankheitsverlauf fuer die Kinder der Region von Aboisso, laut dem behandelten Arzt, auffallend kompliziert und gefaehrlich ist. Die Gruende dafuer liegen in der Kultur und den Gebraeuchen der Agni. So lassen die jungen Frauen ihre Kinder haeufig bei ihren Muettern, sozusagen den Grossmuettern. Diese behandeln infolge von traditionellem Glauben, Geldmangel oder auch Mobilitaetsproblemen ihre Enkelkinder mit traditionellen Mitteln und Medikamenten. Dazu zaehlen u.a. Darmreinigungen, die jedoch auf Grund der haeufigen Anwendungen (erhoehtes Gefahrenpotential und Erkrankungsrisiko aufgrund unhygienischer Lebensbedingungen, resistente Krankheitserreger etc.) den Darm ausweiten, ihn somit nachhaltig schaedigen und das Kind schwaechen. Das heisst, das Durchfallrisiko erhoeht sich wiederum um ein Vielfaches!
Neben dieser Form der "Selbstheilung" besteht ein weiteres Problem in der Auto-Medikamentierung. Medikamente werden eigenmaechtig verordnet und verabreicht. Es kommt infolge der Inkompetenz von Familienangehoerigen oder auch ueberforderten Krankenhelfern, die haeufig alleine in abgelegene Doerfer entsandt werden, zu Fehldiagnosen, falschen Behandlungen sowie Fehl- und Ueberdosierungen. Diese sind in vielen Faellen nicht mehr rueckgaengig zu machen. Da anschliessende Behandlungen nicht mehr anschlagen oder die Transportwege zu lebensrettenden Massnahmen zu lang sind. So fehlen beispielsweise im CHR von Aboisso (eine Art Kreiskrankenhaus) Geraete zur Wiederbelebung, wie Sauerstoff etc.. Der Weg von Aboisso bis Abidjan dauert jedoch weitere 2 bis 3 Stunden! Die Zeit aus dem Dorf nicht eingerechnet. Das heisst, die lebensnotwendige Hilfe kommt fuer viele Patienten zu spaet.
Eine zusaetzliche Gefahr im medizinischen Bereich stellen die Trafik-Produkte aus Ghana dar, die im Strassenverkauf angeboten werden. Oder auch die "médecine chinoise", die u.a. Blutgefaesse verengt und schaedigt. Sie wird gern von der hiesigen Bevoelkerung in Anspruch genommen. Die Medikamente sind meist etwas preisguenstiger und quasi ueberall erhaeltlich. Engagierte Chinesen zeigen sich mit Fieberthermometern und Blutdruckmessgeraeten ausgestattet in den abgelegensten Doerfern praesent, fuehren ihre "Wundertechnik" vor und verkaufen anschliessend zahlreiche Allround-Produkte, die auf jegliche Krankheit Heilung versprechen.
Die 3. vorgesehene Arbeitswoche habe ich im CHR von Aboisso sowie in der PISAM Klinik in Abidjan im Rahmen von Konsultationen als Patientin verbracht. Infolge einer Malaria und mehrfachen Infektionen war ich die letzten Tage und Wochen wieder arbeitsunfaehig. Seit knapp 3 Wochen bin ich nunmehr mit Erholung, Genesung und auch einigen Ausfluegen beschaeftigt. So war ich mit Freunden in Dabou und in Jacquesville am Meer. Derzeit verbringe ich ein paar erholsame und durchaus auch als luxurioes zu bezeichnende Tage (mit Fernsehen, Strom und fliessend Wasser seit Wochen) bei Freiwilligen in Bongouanou.
Soweit geht es mir gut. Das waren die Neuigkeiten von mir. Viele Gruesse und bis bald, eure Madlen.
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Deine Meinung?
- Name
- Madlen Janke
- Alter
- 29
- Ort
- Wurzen
- Webseite
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Richtung Westafrika ...
Ab Ende August gehe ich für 1 Jahr als Freiwillige in die Côte d'Ivoire. Ich werde im Bereich AIDS-Prävention arbeiten und Alphabetisierungskurse geben. Des Weiteren lebe ich in einer Gastfamilie vor Ort, in der Nähe von Toumodi. Das ist zumindest bisher der Plan. Über weitere Infos verfüge ich noch nicht ... es kann also spannend werden!?




























hi madlen ujnd doreenchen,
irgendwie funktioniert deine emailadresse madlenjanke at uni.de nicht. kommt immer wieder zurück. ich will doreen aber den auslandskrankenversicherungsschein als pdf mailen, weil sie den bzw. die nummer im notfall benötigt. also maile mal. lg und viel spaß noch euch beiden ingo
sagte ingo am 15.07.2009 um 18:22 Uhr #