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Japan im Grillfieber

19.10.2005 |

Sch wie schrilles Grillen Zum Thema Grillen in Japan fallen mir gleich zwei Sachen ein. Das eine sind megagroße, braune Viecher die sieben Jahre unter der Erde vor sich hinwachsen um dann 10 Tage aus voller Kehle zu schreien bevor sie tot vom Himmel fallen. Das Geschrei ist wirklich unglaublich. Toshi sagt, das machen sie nur, um wenigstens während ihrer kurzen Lebenszeit beachtet zu werden.

Mit den Politikern ist das hier scheinbar ganz ähnlich. Ich kann zwar nicht verstehen, was der Mann mit dem Kamikazestirnband vom Dach seines weißen Busses aus brüllt, aber es scheint aufgrund der nahenden Wahlen unbedingt herausgebrüllt werden zu müssen. Diese Art der Wahlkampagne grenzt hier wirklich schon an Lärmbelästigung. Denn egal wo man sich gerade aufhält, ob in Tokyo oder einem kleinen Ort wie Inuyama. Überall wird man von kleinen weißen Bussen verfolgt, die jeden per Megaphon von ihrer Partei überzeugen wollen.

Um auch ja nicht den Wahlgang zu vergessen wird man dann sogar Samstags beim Grillen auf der Wiese von einer Cessna beschallt. Während wir Rinderzungen, Langusten, Lachs, Hühnchen und andere stäbchengerecht portionierte Leckereien auf den heißen Rost schmeißen, kreist die wahlmotivierende, überfreundliche Frauenstimme über Lautsprecher eine Stunde lang über unseren Köpfen. Fröhlich erinnert sie an den bevorstehenden Termin. Kaum ist Koizumi gewählt worden, hat sich der Lärmpegel Japans immerhin etwas reduziert.

A wie Affentheater Am Abend nach dem Grillen auf Mikas Geburtstagsparty lach mich Rizaldi laus. „Was, Du willst die Fische nicht essen?“ Ich schaue in die Augen mehrerer getrockneter Minifische gemischt mit Erdnüssen die sich leider schon in meiner Hand befinden. Sie sind nicht länger als ein, zwei Zentimeter und trotzdem bin ich der festen Überzeugung nichts mit Augen essen zu können. Rizaldi stammt aus Indonesien und es ist für ihn unvorstellbar zu sagen, „das mag ich nicht essen“ ohne es jemals probiert zu haben. Eigentlich hat er ja Recht. Ich spüle tapfer einen Fisch mit Kirin-Bier runter. Hm. Gar nicht so übel. Und schon jagt der Rest dem Ersten hinterher.

Rizaldi ist 33, kann bis zu 30 m hohe Palmen ohne Hilfsmittel hochklettern und hat ein Stipendium vom Primate Research Center in Inuyama erhalten. Er studiert Affen mit dem Forschungsschwerpunkt Aggressivität. Und da ich das so faszinierend finde und zudem im Jahr des Affen (1980) geboren wurde, lädt er mich ein ihn im Forschungszentrum zu besuchen. Draußen beobachten wir ein paar Paviane. Rizaldi kennt alle 64 mit Namen. Von den Außengehegen führt er mich ins Gebäude zu seinem Büro. Ein strenger Geruch zieht durch die Gänge. „Verwesende Affen“ erklärt er. Im 5. Stock werden einmal pro Jahr alle angesammelten Affenleichen von den Studenten entsorgt. Er war letztes Jahr schon dran, meint aber das sei gar nicht so schlimm. „Man gewöhnt sich dran. “ Ich treffe noch ein paar seiner Kommilitonen und alle schwärmen mir von Göttingen vor, denn dort gibt es eines der besten Affenforschungsinstitute der Welt.

H wie Herbstblues Die Reisfelder werden gelb und immer mehr Grillen fallen tot vom Himmel. Bevor es hier richtig Herbst wird, verziehe ich mich in den Süden. Per Shinkansen-Zug sause ich mit bis zu 300 km/h nach Tokyo zurück. Im Hintergrund sind immer ein Teil der 70% Berge, aus denen Japan besteht, zu sehen. Die Häuserlandschaften davor scheinen kein Ende zu nehmen. Japan ist etwa so groß wie Italien, hat aber mit 127 Mio. Menschen die 9. größte Bevölkerung der Welt, die sich zu 75% in urbanen Zentren quetscht. Jedes Fleckchen flaches Land wird genutzt. Während ich so durch die Betonlandschaft bretter muss ich daran denken was ich alles erlebt und gesehen habe: Big Buddha in Kamakura, Onzen in Harkone, Erklimmung des Mt. Fuji, die Städte Nagoya und Inyuama (samt Affen), Hiroshima und seine Geschichte, Miyajima mit seinem berühmten roten Shinto-Tor im Wasser, Kobes vom Erdbeben 1995 zerstörten Kai im Hafen, Osakas Schloss, Kyotos und Naras Tempel und Schreine. Was mich wohl im sonnigen Australien erwartet?

Special Thanks

Ich bin so herzlich in Japan aufgenommen worden und habe dank meiner großzügigen Gastgeber vieles ermöglicht bekommen, was ich sonst gar nicht gesehen hätte. Daher hier eine kurze Bedanke-mich-Seite.

Arigato gozai masu to my hosts in Japan:

  • Toshihiro und Tomiko in Tokyo
  • Mika und Alex in Inuyama
  • Masumurasan in Hiroshima
  • Mizoguchisan in Osaka
  • Kurosawasan in Kyoto
  • Kobayashisan in Nara
  • Sachiko T. in Tokyo

Allen Menschen auf den Strassen und in den U-Bahnschächten Japans, die mir oft von sich aus geholfen haben, wenn ich auch nur nach einem Schild in Romanji-Schrift gesucht habe. Und dem Mann der mir die Eintrittskarte fürs Photographiemuseum in Tokyo in die Hand gedrückt hat.

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Was mich erwartet? Ist ja wohl klar:
Höfliche und zurückhaltende, kamerabestückte Japaner, surfende Aussies, schafzüchtende Neuseeländer in der Kulisse von „Mittelerde“ und feurige, tangotanzende Südamerikaner.
In meinen Berichten werdet ihr sehen, ob mein klischeebestücktes Weltbild zusammenbricht oder nicht und die Metamorphose einer Bratwurst mit Sauerkraut essenden Deutschen zur Globetrotterin beobachten können.