MyanmarGoldenes Land

Der Geisterritt auf dem Wasserbüffel

14.03.2010 |

Irgendwo hier muss es sein. Ich reibe mir die feuchten Schläfen und versuche mit meinem glasigen Blick dem sandigen Feldweg zu folgen.

Bereits der Vormittag hatte leicht seltsam angemutet. Die drückende schwüle Hitze, die staubige Dunstglocke über allem und jedem, die Lethargie des kleinen Dörfchens. Fast war mir, als hätte ich mir ein leichtes Fieber eingefangen. Die Luft schien in sehr niedriger Frequenz zu vibrieren.

Auf einem klapprigen Fahrrad ohne Bremsen habe ich mich ans Südende von Nyaungshwe vorgearbeitet, immer den Fluss im Blick, der die Wasserstrase der weiter nördlich gelegenen Dörfer zum Inle-See darstellt. Mein kleines Budget hatte mich in dieses Städtchen verschlagen. Jene Luxusunterkünfte, die sich direkt am oder gar auf dem malerischen See schwimmend befanden, waren für unsereins leider unerschwinglich. In den Behausungen für die weniger betuchten Reisenden erzählte man sich allabendlich konspirativ, in welchem der Wasserhotels erst kürzlich Mick Jagger zur Entspannung drei Tage lang nonstop auf den See geglotzt hatte.

Das erste Ziel meines Ausflugs ist eine außergewöhnliche, bunte Pagode, die in der gleißenden Mittagssone nur so vor sich hin blitzt. Die goldenen Spitzen und die bunt gestrichenen Statuen lassen sie wie ein gigantisches Spielzeug für Kleinkinder wirken. Es überrascht mich nicht, dass sich niemand sonst hierher verirrt hat, sind die meisten Besucher dieser Gegend doch mit der Besichtigung der Goldschmiede und Zigarrendreherinnen, der schwimmenden Gärten und des Klosters der springenden Katzen auf dem See beschäftigt. Es ist mein dritter Tag vor Ort, und plötzlich verspürte ich große Lust auf ein Erlebnis abseits der Touristenpfade.

Ich schliesse mein Fahrrad ab und wandere ziellos zwischen den Türmchen und Buddhastatuen umher. Die Glöckchen an den Turmspitzen klingeln leise im Wind, eine Handvoll Vögel und die obligatorischen Gekkos steuern ihren Teil zur psychedelischen Gesamtmelodie bei.

Der Schweiß sickert mir in Strömen von Hals und Nacken in mein Hemd. Hastig stürze ich eine Literflasche des nach Plastik schmeckenden Wassers hinunter, was die Sache kurzfristig jedoch noch schlimmer zu machen scheint. Geschickt platziere ich meinen Körper, so gut es geht, im Schatten eines der schmalen Türmchen, und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Schon zu diesem Zeitpunkt ist mir, als würde ich träumen oder zumindest delirieren. Leicht abwesend führe ich den zum luziden Träumen verwandten Realitätscheck durch, der überraschenderweise jedoch darauf schließen lässt, dass ich wohl doch leiblich und wahrhaftig mutterseelenalleine in diesem alten heiligen Ort herumstehe.

Den Drahtesel neben mir herschiebend, laufe ich zwischen den Gebäuden hindurch in Richtung Fluss. Das zweite Ziel meiner Wahl für diesen Tag liegt der Landkarte zufolge kaum einen Steinwurf von der soeben besichtigten Pagode entfernt, leider trennt mich jedoch der etwa fünfzig Meter breite Fluß davon. Als ich das Flussufer erreiche, kommen mir unmittelbar die Bilder vom Vorabend in den Sinn, als wir mit ein paar Leuten im Boot in Richtung Sonnenuntergang fuhren, und uns etwa an dieser Stelle eine kleine Gruppe gewaltiger Wasserbüffel entgegen geschwommen kam. Ein surrealer Anblick, dem ich nun für ein paar Momente nachhänge.

Mein Plan ist, jemanden zu finden, der mich in einem Boot mitsamt Fahrrad schnell auf die andere Flusseite bringt. So könnte ich umgehen, den gesamten Weg wieder zurück zu radeln, um dann den Fluss über die einzige vorhandene Brücke in Nyaungshwe zu überqueren. Aber ich sehe niemanden. Offenen Auges schleiche ich über das Tempelgelände, aber es scheint, als sei ich tatsächlich der einzige Mensch weit und breit. Doch dann endecke ich plötzlich zwei Jungs mit selbstgebastelten Angelruten in den Händen. Zwar tragen sie keine Fische bei sich, das Angeln scheint jedoch bereits beendet. Ich winke ihnen, sie winken zögernd zurück. So langsam und deutlich wie möglich artikuliere ich meinen Wunsch nach einem Boot, sage, dass ich dafür auch gerne ein paar Kyat bezahlen würde. Als die Beiden dann ziemlich schnell den Ort des Geschehens verlassen, bin ich mir nicht sicher, ob sie mein Anliegen verstanden haben und tatsächlich im Begriff sind, ein Boot zu besorgen. Zehn Minuten später und deutlich verschwitzter habe ich Klarheit. Sie sind nicht zurückgekommen.

Wie in Trance strampele ich also den gesamten Weg zurück zur Brücke, über die ich vor etwa einer Stunde gekommen bin, überquere den schlammig-braunen Fluß auf den dünnen Holzbohlen, und fahre dann die komplette Strecke auf der anderen Seite des Wassers wieder zurück. Denn fühle ich mich auch bereits einem Sonnenstich nah, mein zweites Ziel will ich keinesfalls ungesehen zu den Akten legen: Einen Nat-Tempel in einem kleinen Wäldchen.

Nats sind Naturgeister ähnlich jener Phi, denen zu Ehren man in Thailand unzählige kleine Geisterhäuser baut. Sie können in verschiedenen Formen auftreten und symbolisieren in der Regel Wälder, Gewässer, oder Berge; jeder Ort hat aber wiederum seine eigenen Nats, die Seelen verstorbener ehemaliger Bewohner, die es mit Opfergaben zu besänftigen gilt. Der Glaube an die Nats stammt noch aus dem Animismus und ist weit älter als der Buddhismus. Ich habe in den letzten Wochen das Gefühl bekommen, das diese Geister in Myanmar eine noch größere Rolle spielen als in Thailand. Und hier, am Rande des Flusses, soll es einen besonders wichtigen Nat-Schrein geben.

Als ich bereits ein gutes Stück vom Dorf entfernt bin, kommt mir eine junge Frau auf einem Moped entgegen und hält unvermittelt neben mir an. Mit zweideutigem Blick fragt sie, wo ich hin möchte. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie sieht sie im Gegenlicht der Sonne leicht durchsichtig aus. Ich erzähle ihr, dass ich zum Nat-Schrein möchte. Als hätte sie genau diese Antwort erwartet, weist sie mir routiniert den weiteren Weg und betont daraufhin gleich zwei mal, ich solle bitte vorsichtig sein. Dann dematerialisiert sie sich in den Sonnenstrahlen. Ich reibe mir die Augen, dann mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, und lege mein Fahrrad an der Böschung ab. Die letzten hundert Meter zwischen mir und dem kleinen Wäldchen, dass den Schrein beherbergt, führen über Reisfelder, ich muss sie daher zu Fuß zurücklegen.

Doch irgendwie kann ich den Eingang in das Wäldchen nicht finden, die Pflanzen bilden eine undurchdringliche Mauer. In der Nähe basteln ein paar Arbeiter an einer verfallenen Pagode, aber ich will sie nicht stören. Dann sehe ich plötzlich zwei Jungs, die, selbstgebaute Steinschleudern in ihren Händen schwenkend, auf etwas zu warten scheinen. Ich werde den Eindruck nicht los, dass sie auf mich gewartet haben. ?Nat shrine?, sage ich vorsichtig, und schon setzen sich die Beiden in Bewegung und geben mir per Handzeichen zu verstehen, dass ich ihnen folgen soll. Die Situation scheint mir nicht ganz koscher, doch jetzt bin ich so weit gekommen, dass ich auch wissen will, was es mit dem Schrein wirklich auf sich hat.

Die beiden etwa Zehnjährigen kennen die Gegend offenbar sehr gut. Sie biegen Äste zur Seite und weisen mich auf besonders knorrige Wurzeln hin, die Gummibänder ihrer Steinschleudern baumeln beim Laufen an ihren Hüften, was seltsamerweise eine bedrohliche Wirkung auf mich hat. Wir bahnen uns einen Weg durch das Dickicht und schon bald tut sich vor uns eine grasige Lichtung auf. Kann es das wirklich schon sein? In der Mitte der Lichtung steht auf hohen Stelzen eine heruntergekommene Wellblechhütte. Sonst gibt es hier soweit das Auge reicht nichts. Als wir kurz vor der Hütte stehen, bricht aus der entgegengesetzten Richtung plötzlich ein alter dunkler Mann aus dem Gebüsch. An einer Stoffleine folgt ihm widerwillig ein riesiger Wasserbüffel. Die Beiden halten geradewegs auf uns zu. Ich registriere sie kurz, dann blicke ich zurück zu meinen Begleitern.

Diese zeigen auf die Treppe, die in den Schrein führt, machen nun aber keine Anstalten mehr, mich noch weiter zu begleiten. Also klettere ich alleine die paar Stufen nach oben und trete durch die offene Tür. In der Hütte gibt es eine Art Altar, auf dem verschiedene Speisen und Kerzen aufgebahrt sind. Die zum Teil brennenden Kerzen geben mir zu denken, sah es doch in den letzten Minuten nicht gerade so aus, als verirrten sich hier oft Menschen her. Die Wände und die hölzerne Decke sind überwuchert von dichten, vom Staub verfärbten Spinnweben. Aber alles in allem hatte ich wohl etwas mehr erwartet. Keine Spur der feierlichen Atmosphäre, die sich bei mir unweigerlich in Tempeln und Pagoden einstellt. Nur das Sirren der Luft ist hier drin verstummt. Ich steige die Stufen wieder herunter.

Der Alte mit dem Wasserbüffel steht nun neben den beiden Jungs, alle vier blicken stoisch in meine Richtung. Erst jetzt aus der Nähe sehe ich, dass dem Mann der Wahnsinn ins Gesicht geschrieben steht. Schweiß glänzt auf seiner Stirn, für einen Einheimischen ein ungewöhnlicher Anblick. Seine Haut ist sehr dunkel, seine Haare sind speckig, und er ist mit ein paar löchrigen Lumpen bekleidet. Was mich aber besonders irritiert, ist sein Blick. Mit einer fast unangenehemn Dringlichkeit starrt er mich an. Als ich ihn genauer betrachte, meine ich, zudem einen Hauch höhnischen Spotts in seinen Augen zu erkennen.

Dann macht er unvermittelt eine ausschweifende Geste in Richtung Wasserbüffel. Ich verstehe nicht sofort. Mit Nachdruck klopft er erneut auf den Rücken des massiven Tiers. Auch die Jungs bieten einen auffordernden Gesichtsausdruck dar. Der Alte sagt etwas, was ich aber natürlich nicht verstehe. Ich bin mir nicht mal sicher, ob das Myanmar war. Dann fällt der Groschen. Man will, dass ich den Wasserbüffel reite!

Obwohl ich alles von Minute zu Minute schräger finde, lässt meine Neugierde mich vorsichtig dem schwarzgrauen Koloss nähern. Der Alte reicht mir eine hagere Hand, und ehe ich mich versehe, sitze ich schon auf dem Rücken des schwer atmenden Arbeitstieres.

Die nächsten 2 Minuten setzen dem Gefühl der Surrealität dann die Krone auf. An seiner Kordel führt mich der Mann behutsam im Kreis um den Geisterschrein, schlurfend auf seinen abgewetzten Plastiksandalen. Die beiden Jungs gehen neben uns her und lächeln. Aber irgendetwas ist unter diesem Lächeln, und ich kann es weder einordnen noch beschreiben. Der Wasserbüffel fühlt sich überraschend kühl an, seine borstigen Haare stechen mir in meine nackten Waden. Er scheint mein Gewicht nicht einmal zu registrieren. Träge walzt er über die von der Sonne ausgedörrte Wiese. Ab und an schnauft er laut, dann und wann scheint er, dem Geruch nach zu urteilen, kräftig zu pfurzen. Seine gebogenen Hörner wackeln mir vor dem Körper rum, ich stütze mich mit beiden Händen auf seinem Arsch ab; die Bremsen stieben davon.

Nachdem wir einmal um den Schrein herum sind, werde ich zum Absteigen aufgefordert. Beiläufig stelle ich fest, dass wir die Hütte nicht wie buddhistische Heiligtümer im, sondern bewusst gegen den Uhrzeigersinn umkreist haben. Dann lächelt der Alte noch einmal spöttisch in meine Richtung, dreht sich auf dem Absatz um, und verschwindet mitsamt Büffel deratig schnell im Unterholz, als sei er nicht mehr als eine Fata Morgana gewesen. Sofort blasen die Kinder zum Rückzug. Zögerlich folge ich ihnen über den Pfad vom Hinweg durch Bäume und Sträucher aus dieser kleinen Parallelwelt hinaus. Ab und an sieht sich einer der Beiden nach mir um, wie um sich der Regungen in meinem Gesicht zu vergewissern.

Als wir bei meinem Fahrrad angekommen sind, greife ich in meine Tasche und finde wie erhofft zwei Zweihundert-Kyat-Scheine. Ich gebe jedem einen davon. Sie freuen sich sichtlich, und verschwinden freundlich winkend in Richtung des kleinen Dörfchens, die Scheine fest umklammert. Plötzlich scheinen sie wieder wie zwei ganz normale Kinder beim Spielen, nicht mal die Schleudern wirken mehr bedrohlich.

Benommen radele ich zurück ins Dorf, und setze mich in ein Restaurant am Fluss. Ich bestelle mir ein Bier, und freue mich, noch zwei andere Touristen zu erspähen. Rückblickend hätte ich bei meinem kleinen Ausflug gerne jemand anderen dabei gehabt. Derjenige könnte mir nämlich nun vielleicht sagen, ob ich gerade wirklich auf einem Wasserbüffel geritten bin, wer der alte Mann war und wie er trotz seines betagten Körpers so schnell auftauchen und wieder verschwinden konnte. Und vielleicht auch, warum sich die letzte halbe Stunde in meiner Erinnerung eher wie ein Traum oder eine sorgfältig ausgetüftelte Illusion anfühlt.

Ich nehme einen großen Schluck kaltes Myanmar-Bier und betaste gedankenverloren meine Waden. Irgendwo müsste der borstige Rücken des Ungetüms doch Spuren hinterlassen haben.

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Marco
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Goldenes Land

Eines der letzten Abenteuer, ein Land aus einer anderen Zeit.