Goldenes Land
Der Weg war das Ziel - Im Pick-Up nach und von Pyin U Lwin
13.02.2010 |
Obwohl der Pick-Up, ein blauer Toyota Hi-Lux, bereits mehr als voll aussieht, winkt man uns freudig auf die Ladeflaeche. Unser Hab und Gut verschwindet kurzerhand auf dem Dachgepaecktraeger. Mit droehnendem Auspuff machen wir uns nach leicht surreal anmutenden 22 Stunden in der ehemaligen britischen Hill Station Pyin U Lwin auf den beschwerlichen Weg zurueck nach Mandalay, der zweitgroessten Sadt Myanmars, die mit einer Million Einwohnern ueber unzaehlige Pagoden, aber nicht eine einzige oeffentliche Strassenlaterne verfuegt.
Die Militaerakademie sowie verschiedene grosse Firmenkomplexe fliegen an uns vorueber, deplatziert wirkend in der ansonsten duennbesiedelten Bergregion. Mein volltrunkener Sitznachbar legt leutselig einen Arm um mich und freut sich sichtbar ueber meine Anwesenheit. Leicht spuckend schmeisst er mir ein paar unverstaendliche Saetze an den Kopf. Ich lasse ihm den Spass, und mir den Fahrtwind um die Nuestern wehen. Es riecht nach abgestandenem Whisky.
Nach dem Fruestueck und einer knarzenden Kutschfahrt zum beruehmten Candacraig-Hotel war recht schnell klar, dass Pyin U Lwin nach nicht ganz einem Tag bereits an die Grenzen seiner Unterhaltungsfaehigkeit gestossen war. Mein oesterreichischer Reisepartner Roman und ich hatten uns bereits am Abend des Vortages darauf geeinigt, dass dieser Side-Trip wohl am Treffendsten als Fast-Erlebnis zu bezeichnen waere: Fast war die Luft im 1100 Meter hoch gelegenen Doerfchen etwas sauberer als im staubigen Mandalay, fast war es auch gerade abends etwas kuehler. Fast haette das im Reisefuehrer von 2007 so hoch gepriesene Restaurant noch immer existiert, und fast haetten wir auch noch ein Ticket fuer die Rueckfahrt im Zug ueber den Gokteik-Viadukt bekommen. Ja, fast haette Roman sogar eine Gitarre gekauft, haette man ihm von Anfang an den richtigen Preis genannt. Das einzige, was letztendlich wirklich und wahrhaftig stattgefunden hatte, waren zwei sehr delikate indische Mahlzeiten, die der grossen Anzahl von Indern geschuldet waren, welche die Nachkommen jener Soldaten sind, die die Englaender seinerzeit hierher geholt hatten. Das, und von Tod und gefaehrlichen Tieren gepraegte Traeume in unser beider Schlaf, ein weiterer Grund, der fuer eine Abreise zu sprechen schien.
Trotz der relativen Ueberschaubarkeit des Doerfchens hatten wir uns am Nachmittag gleich mehrfach verlaufen. Mit einem unterschwelligen schlechten Gewissen mussten wir schon bald eingestehen, dass unser einziger Anhaltspunkt in der bunten Kulisse aus Kolonialbauten, Pferdekutschen, Bruchbuden sowie ein paar modernerer Haueschen ein alter Leprakranker war, der uns stes an der selben Stelle im Staub sitzend freundlich mit einem nur noch halb erhaltenen Arm gruesste und im selben Atemzug um Geld bettelte.
Durch die Waelder bahnen wir uns einen Weg in Richtung Abstieg vom Hochplateu, waehrend der Mann, der von den Passagieren das geringe Fahrgeld eintreibt, mit einem Arm hinten an der Reling haengt und lauthals 'Mandalay' schreiend immer weitere Menschen in den Toyota lockt. Es riecht nach den brennenden Boeschungen am Strassenrand.
Nach und nach spulen sich dieselben eindrucksvollen Bilder vom Hinweg erneut ab, diesmal in umgekehrter Reihenfolge. Die Fahrt von Mandalay hierher war sicher eines der besten Reiseerlebnisse aller Zeiten gewesen. Man hatte uns tatsaechlich fast den ganzen zweieinhalbstuendigen Weg auf dem Dach des Pick-Up sitzen lassen. Zwar haute einem der Fahrtwind und der allgegenwaertige Staub fast die Augen aus dem Kopf; schliessen aber wollte man sie sicher nicht, denn was sich in schneller Abfolge vor den Pupillen abspielte war, als wuerde man mitten durch eine Filmkulisse fahren, deren Ort und Zeit man nicht einzuordnen vermag. So unwahrscheinlich muteten viele Dinge an, so schoene und so haessliche Bilder bekam man unmittelbar hintereinander zu sehen, dass man nur unglaeubig mit dem Kopf schuetteln konnte. "Ja, bist Du deppert?", brachte Roman sein Erstaunen des Oefteren zum Ausdruck.
Wir passieren einen LKW, dessen maximale Zuladung etwa um das Fuenffache ueberschritten wurde. Er ist bis zur Kante der Ladeflaeche voller Kies; auf dem Kies liegend halten die Arbeiter neben ihren Schaufeln ein verdientes Schlaefchen. Mein besoffener Nachbar beginnt mich zu nerven. Als waere ich ein exotisches Tier, zwickt er mich immer wieder an Ruecken und Beinen, und wartet dann gebannt auf meine Reaktion. Diese faellt zunehmend unfreundlicher aus, vermag seinem Tatendrang jedoch noch nicht Einhalt zu gebieten. Es riecht nach Abgasen und heissem Gummi.
Langsam beginnt der Abstieg. Steil schlaengelt sich die erstaunlich gut ausgebaute Strasse durch suedeuropaeisch anmutende Vegetation in Richtung der voellig chaotischen Staubhoelle, die auf den klangvollen Namen Mandalay hoert, neben dem Strassenrand gaehnt der Abgrund. Wir haben unser Leben einem wahrlich verwegenen Fahrer anvertraut, der den Wagen getreu dem Motto 'Wer bremst, verliert' saftig in die Kurven schmettert. Schon bergauf am Tag zuvor waren wir erstaunt, welche Geschwindigkeiten die abgewetzten Fahrzeuge vorlegten, nun jedoch setzen wir ganz neue Standards. Souveraen ziehen wir an heillos ueberladenen LKW und anderen Pick-Ups voller Menschen vorbei. Die einzigen, die wiederum uns ueberholen, sind die zahlreichen Motorrad-Lastentrager. Hinter den Fahrern der eleganten 125 CC-Mopeds 'made in China' tuermen sich etwa zwei Meter hoch wie breit Koerbe und Kisten auf, die im Fahrtwind schwanken. Die Piloten laecheln uns verwegen zu, winken mit einer sonnengegerbten Hand und ueberholen trotz Gegenverkehrs. Die Wolken, die sie zuruecklassen, riechen nach Zweitaktergemisch.
Wie erreichen das kleine Doerfchen auf halber Strecke, dass gestern einem nie zuvor gesehenen Zweck diente. Waren alle Fahrzeuge am Fusse des Berges noch kurz stehen geblieben, um Wasser auf die Motoren, Auspuffrohre und zischenden Getriebe zu sprenkeln, hatten dieselben Fahrzeuge, vom LKW bis zum Moped, nach ein paar Kilometern aufwaerts neue Hoechsttemperaturen erreicht. Unser Fahrer sprang vor der Huettenmeile aus dem Wagen, riss die Motorhaube auf und oefffnete vorsichtig den Kuehler, aus dem ihm sofort zischend das kochende Kuehlwasser entegegen sprudelte. Er haengte direkt einen bereitliegenden Wasserschlauch hinein und begann den Kuehler ausgiebig zu spuelen. Fuenf Minuten lang kuehlte das rotierende Wasser so den Motor wieder auf angenehmere Temperaturen runter! Ich kaufte daraufhin ein paar eingelegte Fruechte, die ich jedoch am Ortsausgang nach kurzem Probieren den Strassenhunden ueberliess.
Diesmal jedoch stoppen wir nur kurz und ohne weiter ersichtlichen Grund. Ich erstehe ein paar frittierte Kringel, die mir seltsam vertraut scheinen, sowie eine Flasche Erdbeerwein aus der Region. Roman ist gemaess oesterreichischer Tradition ein Freund des Fruehstuecksbieres und besorgt sich ein paar Dosen als Proviant. Ich versuche dem burmesischen Trinker aus dem Weg zu gehen, der sich leicht gebueckt und wahnwitzig kichernd in der Naehe des Wagens rumtreibt. Wie kann ein Mensch nur so lange sein Level halten, ohne nachzulegen, frage ich mich. Er schenkt mir aus der Ferne sein bestes Bekloppten-Lachen sowie ein paar obszoene Gesten. Es riecht nach Kuhmist und Frittierfett.
Nun wird es ernst. Es geht jetzt wirklich steil bergab. Zwar verlaufen die entgegengesetzten Spuren der Strasse nun auf verschiedenen Seiten des Tals, doch nach und nach beginnen sich all meine Gedanken ausschliesslich auf unsere Bremsen zu konzentrieren. Bisher scheinen sie ihre Aufgabe den Umstaenden entsprechend zu erledigen, aber die Geraeusche, die sie dabei von sich geben, sind alles andere als vertrauenwerweckend. Doch auch wenn das 'a' auf der Bordwand laengst abgeblaettert ist, und der Laie durchaus denken koennte, er fuehre wohl in einem 'Toyot', so ist und bleibt unser Fahrzeug doch von Dachplane bis Felge ein Toyota. Japanische Wertarbeit, gemacht fuer exakt solche Situationen, und wahrlich durch fast nichts kleinzukriegen. Staub, mangelnde Wartung, unzumutbare Strassen, Ueberladung, die jeder Beschreibung spottet. Hah, allesamt Dinge, ueber die ein Toyota am Ende nur muede laecheln kann. Mal ehrlich, was waren all diese Laender ohne Toyota-Fahrzeuge? Haette ich die Moeglichkeit, wurde ich gerne nichtsdestotrotz jetzt in diesem Moment der Bremsenentwicklungsabteilung des japanischen Konzerns eine grosszuegige Spende zukommen lassen.
Ich habe dem hochprozentigen Attentaeter nun endlich auf die Finger geschlagen, und dabei leider auch meine Sitznachbarin leicht erwischt. Sie sieht es mir nach. Es riecht – vielleicht zum ersten mal seit meiner Ankunft in diesem seltsamen Land – eigentlich nach gar nichts.
Wir bremsen abrupt. Ein anderer Pick-Up ist liegengeblieben und verleiht dem Ableben seines Motors mit weissen Dampfschwaden Nachdruck. Ratlos stehen etwa 15 Mann um den Wagen, bis auch der letzte sich davon ueberzeugt hat, dass dieser Wagen heute sicher nicht mehr anspringt. Das Unvermeidbare tritt ein. Alle 18 Passagiere besteigen nun unser Gefaehrt, denn irgendwie muessen sie ja nach Mandalay. 23 Leute sitzen, knien, stehen, haengen auf und an der Pritsche, im Fond befinden sich weitere 5 Personen. Aufs Dach habe ich etwa 16 Personen klettern sehen, womit wir nun eine Gesamtpassagierzahl von 44 Passagieren zaehlen. Weiter geht's!
Der zugedroehnte Wahnsinnige ist nun auf der schmalen Pritsche weit genug entfernt, um mich weiter zu nerven. Dafuer hat es sich ein junger Mann samt seinem Kind zwischen meinen Beinen bequem gemacht. Eine Oma mit vom Betel blutroten Zaehnen hat ihren gesamten Einkauf zielgenau auf meinem rechten Fuss platziert, waehrend der taetowierte Junge in der Harley-Davidson-Jacke zu meiner Linken mir mit seinem Ellbogen gewissenhaft die Ohrmuschel putzt. Es riecht nach Gemuese. Ich glaube, jenes ist schon etwas aelter.
Nur kurze Zeit spaeter hat der Fahrer offenbar das Gefuehl, den Toyo noch immer masslos zu unterfordern. Wir halten daher kurzerhand am Strassenrand, wo ein paar staubige Typen eine ordentliche Ladung etwa 5 Meter langer Bambusrohre mit Stricken an der Seite des Autos befestigen. Es riecht nach Kloake, aber irgendwie auch nach Leckereien, die in der Naehe auf einem Grill neben zwei gigantischen dunklen Schweinen brutzeln.
Wir erreichen das Tal. Mein Peiniger ist offenbar ausgestiegen. Der Wagen knattert unbekuemmert, als waere nichts weiter gewesen. Ich nehme mir vor, Toyota schon bald eine wohlwollende email zu schreiben. Wir halten an einem von unzaehligen Strassenstaenden, vor denen ohne erkennbares System Oelfaesser aufgetuermt stehen, und die offenbar westliche Tankstellen ersetzen. Im Handumdrehen hat einer der oelverschmierten Maenner das Benzin aus einem der Faesser mit dem Mund angesaugt, und fuehrt dem Fahrzeug sodann durch ein Stoffsieb ein paar wenige Liter zu, exakt jene Ration, die ein Benzin-Gutschein begleicht. Es riecht nach Benzin, aber irgendwie auch nach Bananen und Raeucherstaebchen.
Noch eine halbe Stunde geht es weiter ueber Land, bis wir an den zunehmenden Staubschwaden erkennen, dass wir uns im Grossraum Mandalay befinden. Vorbei an den Korbmachern, an den Toepfern, an den Steinmetzen, vorbei an mit Unrat spielenden Kindern und in der prallen Sonne doesenden Hunden voller Flecken ohne Fell. Vorbei an Reisfeldern, Palmenhainen, vor lauter alter Plastiktueten nicht mehr als solche erkennbaren Wiesen und zum Himmel stinkenden Kanaelen. Dann vorbei an Fussballfeldern, Hochzeitsgesellschaften, unverstaendlich erscheinenden Zusammenkuenften von Menschen rund um kraechzende Lautsprechertuerme. Vorbei an Laeden, die von der Kloschuessel bis zu alkoholischen Getraenken wirklich alles anbieten, vorbei an Maerkten voller Obst, Gemuese, Haushaltswaren, schwitzender Lastentraeger, Rikshas, klitzekleiner Mazda-Taxis aus den Sechzigern und Menschen, Menschen, Menschen.
Der Toyo stoppt, der Fahrer entsteigt nicht ganz ohne Stolz dem Cockpit. Es riecht nach getrocknetem Fisch. Jedoch nur ganz dezent, denn der Staub hat meine Nase nahezu hermetisch abgeriegelt.
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- Marco Buch
- Alter
- 34
- Ort
- Berlin
- Webseite
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Goldenes Land
Eines der letzten Abenteuer, ein Land aus einer anderen Zeit.


































wow, wahnsinnsbericht, klingt nach einer tollen höllenfahrt. ich hoffe du geniesst bald die ausgebauten strassen thailands!
sagte Martin am 17.02.2010 um 16:30 Uhr #