MyanmarGoldenes Land

Brackwasser, Pagoden und Gastfreundlichkeit - Auf dem Boot durchs Ayeyarwaddy-Delta

06.02.2010 |

Ein abgehalftertes Taxi spuckt mich an der Bootsanlegestelle aus. Sofort habe ich eine Schar Kinder in schmutzigen, zerrissenen Klamotten um mich, die mir lachend und gestikulierend folgen. Im Hafen laufen hunderte Menschen umher, keine Langnase weit und breit. Interessierte Blicke und Gesten ueberall. Selbst das grimmigste Gesicht zeigt mir ein Laecheln, wenn ich die Leute meinerseits laechelnd mit "Mingalabaa", meinem ersten Wort in der Landessprache, begruesse.

Ein alter Tabakverkaeufer weist mir den Weg durch das betagte Schiff zu meiner Kabine im ersten Stock. Zwei ranzige Betten, ein Ventilator, die Scheiben sind mit Holzkeilen gesichert. Ich werfe meine Siebensachen hinein und verschliesse die Tuer schnell mit meinem Miniaturvorhaengechloss, dann steige ich wieder runter ins Gemenge. Drahtige, dunkle Menschen beladen den Bauch des Schiffes in einer atemberaubenden Geschwindigkeit mit Saecken, Faessern, Kisten, mit Holz, Stahl, Plastik, Gemuese und Tieren. Ich beobachte das Treiben von einer metallenen Seitentreppe aus. Alle fuenf Minuten will mir jemand etwas andrehen, Getraenke, Obst, Rotis, Tabak. Eine kleine Verkaeuferin von vielleicht 10 Jahren ist besonders hartnaeckig. Sie schaut mich einfach nur unablaessig an mit ihren grossen dunklen Augen und dem ebenmaessigen Gesicht, die Wangen mit Tanaka, einer gelblich-weissen Paste aus Holzrinde, vor der Sonne geschuetzt, und fragt immer wieder "Water?". Obwohl ich schon zwei Flaschen habe, kaufe ich ihr schliesslich eine ab zum Wucherpreis. Gluecklicherweise merke ich spaeter vor dem Trinken, dass das Siegel gebrochen ist und ich sehr wahrscheinlich Leitungswasser, wenn nicht gar Flusswasser erworben habe. Dann kommt auch der Alte, der mir meine Kabine gezeigt hat, noch zum Zug. Nachdem er mich etwa 46 mal gefragt hat, kaufe ich eine halbvolle Packung Zigaretten, obwohl ich fuer diese so gar keine Verwendung habe.

Nach etwa einer Stunde legen wir ab; junge Maenner loesen die schweren Knoten und springen sodann im letzten Moment an Deck. Flussabwaerts gleitet das alte Schiff durch das braune Nass Richtung Westen; Ziel ist die Stadt Pathein, mitten im Delta des grossen Ayeyarwaddy-Stromes, der Reiskammer Suedostasiens gelegen. Eine Schar Moewen folgt uns noch ein paar Kilometer weit und frisst begierig, was sie kriegen kann. Zunaechst zieht der Moloch Yangun behaebig an uns vorueber, noch lange kann man die Shwedagon-Pagode in der Ferne ausmachen. Dann wird es am Ufer nach und nach ruhiger. Kleine Bambushuetten ersetzen die grossen Betongebaeude, Palmen und Mangroven die Uferbefestigung. Fischer ziehen in schmalen Holzbooten an uns vorueber. Am sandigen Ufer baden Wasserbueffel, Kinder planschen nackt in den schlammigen Fluten. Grosse Gruppen weisser Voegel bevoelkern die Baumkronen am Ufer und stieben auf, wenn die Kinder im Unterdeck klatschen.

An Bord stellt sich eine aeusserst angenehme Ruhe ein; jeder hat sich damit abgefunden, dass die naechsten Stunden nur dem Transport von einem Ort zum anderen dienen. Eine Art Luecke in der Zeit, die die Geschaeftigkeit schlagartig einen Gang herunterschaltet.

Das gesamte Unterdeck ist voller Menschen. Vorsichtig muss man einen Fuss vor den anderen setzen, um den Wust aus schlafenden oder essenden Menschen, Tieren in Kaefigen, Saecken, Kisten und Toepfen zu durchqueren. Wieder einmal zeigt sich in einer solchen Szenerie der buddhistische Gleichmut, wenn Leute praktisch durch das Schlaflager eines anderen laufen. Kein boeses Wort, nicht einmal ein boeser Blick. Duldsam weicht jeder gerade so weit aus, wie er muss: nichts, worueber man gross reden muesste, und schon gar nichts, worueber es sich aufzuregen lohnen wuerde.

Ich bin voellig gebannt von der Stimmung an Bord und verbringe keine Minute mehr als noetig in meiner Kabine. Oben an der Reling stehend weht eine erfrischend kuehle Brise. Das Boot blubbert gemaechlich uebers glatte Wasser des immer breiter werdenden Flusses, die unbarmherzige Sonne hat ihre Strahlkraft deutlich verringert, und die rotgluehende Scheibe beginnt nun langsam die Wipfel der Palmen zu beruehren. Die Menschen an Bord essen aus mitgebrachten, zusammensteckbaren Metalltoepfen, sie rauchen, sie spielen Gitarre oder Brettspiele. Saeuglinge liegen in Tuecher gebettet zwischen den Toepfen, Kleinkinder klettern in der Naehe der Reling rum. Alles, was nicht mehr gebraucht wird, Tueten, Essensreste, Betelspucke, wird kurzerhand ueber Bord in die Fluten geworfen. Ueber allem liegt eine fast meditative Ruhe, das gleichmaessige Tuckern des maechtigen Schiffsaggregats traegt seinen Teil dazu bei.

Ich bin gerade im Begriff den Sonnenuntergang zu fotografieren, als mich einer der Moenche in den roten Roben aus meiner Nachbarkabine anspricht, der Novize U-Do. Nach ein paar Minuten der Unterhaltung erzaehle ich ihm von meinem Meditations-Retreat im goldenen Dreieck vor ein paar Jahren. Er berichtet mir seinerseits, dass er von einer Meditationsschule in Yangon kommt und mit einer 40-koepfigen Delegation zum Unterrichten im Flussdelta unterwegs ist. "Would you like to discuss meditation with the teacher?" Eine Frage, die wenige Antworten zuzulassen scheint. Bedaechtig schlurfend fuehrt mich der kahlgeschorene Moench aufs Oberdeck, wo zwischen ordentlich aufgereihten Matten zwei weitere Rotgewandete auf einem hoelzernen Podest im Lotossitz ruhen und starr geradeaus schauen. Man platziert mich auf dem Podest neben den beiden und schenkt mir gruenen Tee ein, der Lehrer wendet sich mir in Zeitlupe mit einem erhabenen Laecheln zu. Ich erfahre von ihm in gutem Englisch, dass er ein international angesehener Meditationslehrer ist, der viel um die Welt reist, um seine Lehre zu verbreiten. Nach dem Aufenthalt im Ayeyarwaddy-Delta gehe es schon bald in die USA.

Sehr behutsam und mit teils minutenlang scheinenden Pausen erklaert er mir, worum es bei der Meditation wirklich geht. Das Credo ist: "Only misunderstanding is true." Mit anderen Worten: Alles, was wir fuer wahr halten, ist nichts weiter als eine Illusion, entstanden durch die unvermeidliche Verfaelschung durch unsere Sinnesorgane. Das, so sagt er mit Nachdruck, gelte es immer im Gedaechtnis zu behalten. Ausserdem: Ohne Weisheit keine Mediation, ohne Meditation keine Weisheit. Mitten in der Unterhaltung klingelt sein Handy mit einem aufdringlichen Klingelton. Dies jedoch stellt fuer ihn offenbar keinen Widerspruch zu seiner Entruecktheit dar. Schnell handelt er das Gespraech ab, dann wendet er sich wieder mir zu, und nimmt sich sehr viel Zeit beim Formulieren seiner Saetze. Beschwingt begebe ich mich nach einer halben Stunde Dhamma-Talk wieder ein Deck tiefer.

Diese Flussreise ist wahrlich ein Abenteuer. Ich als einziger Westler auf diesem rostigen Schiff voller Menschen, die exotischer kaum anmuten koennten. Inmitten von kraeftigen Geruechen, die ich nicht einordnen kann, Lauten, die ich nicht verstehe, und Gesten, die ich nicht zu deuten vermag.

Ich frage unter Deck nach Essen, aber leider gibt es ausser Fischchips nichts. Ich akzeptiere diese als Abendessen, denn ich habe selbst leider nichts mitgebracht. Inmitten der Melange aus Menschen und Waren steht ein Mann und versucht lautstark, etwas zu verkaufen. Ich werde neugierig, und versuche unter den Umstehenden herauszufinden, was er an den Mann und die Frau zu bringen versucht, aber niemand kann mich verstehen. Da sagt der Verkaeufer ploetzlich laut zu mir gewandt: "Lotion for skin". In Sekundenschnelle drehen sich alle Koepfe der etwa 70 Menschen nach mir um und schauen mich staunend an, als haetten sie mich soeben erst bemerkt. Wer ist hier nun der Exot? Alles eine Frage der Perspektive.

Die Nacht ist angebrochen. An den Ufern leuchten grosse Feuer, der Geruch des Rauches weht uebers Wasser. Lange Schwaden vor dem roetlichen Hintergrund, gespickt mit den Konturen von Palmen und hier und da einer Pagode, bieten ein fantastisches Panorama. Fischer sitzen mit blinkenden Lichtern in ihren Booten, die Netze weit ausgeworfen, geduldig auf ihren Fang wartend. Der Fahrtwind ist sehr angenehm, die Geschwindigkeit des Bootes bleibt stets die gleiche gemaechliche. Es fuehlt sich an, als habe ich mit dem Boot eine persoenliche Freundschaft geschlossen. An Bord schlafen nun die meisten; viele liegen in Positionen, die nicht gerade gemuetlich anmuten, eingezwaengt zwischen Gepaeck und Reling, am Fusse der Treppen zum Oberdeck oder vor den Latrinen, die mit Flusswasser gespuelt werden.

Ich stehe an der Reling und mache absolut nichts. Ein Hochgefuehl macht sich breit; das sind doch die Momente, die man als moderner Reisender sucht. Einfachheit, Klarheit, Urspruenglichkeit.

Eine huebsche Burmesin spricht mich in Oxford-Englisch an. Deborah, eine Christin aus Yangon, sie ist unterwegs zur Hochzeitsfeier ihrer Schwaegerin in einem Dorf im Delta. Da die Burmesen generell wenig reisen, sind sie sehr anfaellig fuer Reisekrankheit in Bussen. So ist das Boot die etwas angenehmere Alternative, erzaehlt sie mir. Sie berichtet von ihrer Familie und ihrem Job als Haushaelterin bei einem hollaendischen Unternehmer, der ihr astreines Englisch erklaert. Nach und nach gesellen sich noch mehr Familienmitglieder zu unserer Runde, erst die Nichte, dann die Tante, dann noch entferntere Verwandte. Allesamt sind sehr liebenswuerdig und wir quatschen uns einfach so durch die Abendstunden. Als sie erfahren, dass ich noch nichts zu essen hatte, geht ein regelrechter Aufschrei durch die Familie und man besorgt mir umgehend verschiedene Leckereien aus dem mitgebrachten Familienproviantkorb. Stundenlang stehen wir an der Reling und reden ueber Gott und die Welt, waehrend die Nichte und ihre Freundin leise burmesische Hip-Hop Lieder singen und den Jungen auf dem Unterdeck verschaemt Avancen machen. Ich schenke Deborahs Tante die Zigaretten, die ich zu Anfang der Reise erstanden habe, und so schliesst sich der Kreis auch hier. Nachdem ich eine Einladung zum Familientreffen in Yangon nach meiner Rueckkehr aus dem Westen bekommen habe, gehe ich in meine Kabine und schlafe selig ein.

Im Morgengrauen erwache ich von alleine, und sehe gerade noch, wie Deborah und ihre Familie winkend das Boot verlassen. Dann beobachte ich eine Stunde lang aufmerksam, wie die Leute Waren ein- und ausladen, eine geoelte Maschinerie aus kraeftigen braunen Maennern in Longyhis und Unterhemden. Sobald alles von Bord ist, kommt sofort die Heerschar von Verkaeufern zum Boot gerannt. Jeder will der erste sein, der seine gerade zuhause zubereiteten Speisen den Passagieren feilbietet. Ich kaufe ein paar frische Samosas, frittierte Gemuesetaschen, die koestlich schmecken. Ploetzlich beginnt jemand unvermittelt, mich von hinten zu massieren. Ich drehe mich leicht erschrocken um, und sehe ein altes hutzeliges Maennchen, dessen Kraft in den Unterarmen im krassen Kontrast zu seiner Erscheinung steht. Ich lasse mich darauf ein und geniesse die Auflockerung meiner Knochen nach den Stunden auf der harten Liege meiner Kabine, obwohl ich schon jetzt weiss, dass er dafuer sicher ein Vermoegen aufrufen wird.

Auch ist mir bereits klar, dass sich die Ankunft wohl um ein paar Stunden verzoegern wird, denn den Hochzeitsort von Deborahs Familie haetten wir laut Fahrplan schon um 2 Uhr morgens erreichen sollen. In einer mir neuen, deutlich gedrosselten Geschwindigkeit gehe ich auf ein Neues aufs Unterdeck, wo es jetzt etwas geraeumiger zugeht.

Waehrend wir im Sonnenaufgang an Palmenhainen, Reisfeldern und goldenen Pagoden vorbeifahren, sitze ich am speckigen Holztresen des 'Bordrestaurants' und ruehre mir in einer fleckigen Plastiktasse einen Instant-Kaffee an. Ein Burmese will mit mir Whisky trinken, ich lehne dankend ab. Stattdessen winke ich einem der Betelnussverkaeufer. Ich habe den Prozess bereits mehrfach beobachtet. Auf einem gruenen Blatt wird eine Paste aus Limetten verteilt, dann streut man die zerstossene Betelnuss sowie etwas Kautabak darauf und faltet das Blatt sorgfaeltig. Die Menschen schieben sich diese Paeckchen dann komplett in den Mund und kauen ausdauernd darauf herum, waehrend sie ohne Unterlass den roten Saft ausspucken, der dabei entsteht. Nahezu jeder Mann, und auch viele Frauen in Myanmar gehen diesem Hobby nach, wovon ihre roten Zaehne und die mitunter blutroten Lippen zeugen. Doch dafuer bin ich noch nicht bereit. Stattdessen erwerbe ich zum ersten mal eine Handvoll Cheroots, lange gruene Zigarren, die hauptsaechlich von Frauen geraucht werden, fuer umgerechnet einen Cent das Stueck. Ich paffe an der Reling stehend vor mich hin, und entlocke so dem Einen oder Anderen ein verschmitztes Laecheln. Kuna, Tiuesto, Pota und Sua Sule, 3 Jungen und ihre Mutter gesellen sich zu mir, als ich meine in Bangkok erworbene Gitarre auspacke und ein paar Lieder spiele. Daraufhin zeige ich ihnen meinen Reisefuehrer, und sie bringen mir bei, wie man die einzelnen Orte ausspricht. Der Kleinste laesst mich nicht eine Sekunde aus den Augen; jede meiner Bewegungen verfolgt er gebannt, als wuerde er ein wahrlich seltsames Wesen beobachten.

U-Do ruft mich von oben zum Lunch, und ich bekomme von der Meditationsgruppe tellerweise Huhn, Fisch, unidentifizierbare Saucen und den allgegenwaertigen gruenen Tee aufgetischt. Die beiden Lehrer sitzen derweil erhaben auf ihrem Podest und lesen die internationalen Nachrichten in der Tageszeitung. Ich bedanke mich immerzu, aber man versteht offenbar gar nicht so recht, was es denn da zu bedanken gibt. Auf dem Weg nach unten naehert sich mir ein gebueckt gehender Greis und schenkt mir zahnlos laechelnd zwei Kaffeebonbons. Es ist nicht das erste mal, dass mich die Freundlichkeit der Menschen hier fast zu Traenen ruehrt.

Unten trinke ich einen weiteren Kaffee, der Whiskytrinker hat sich seinen Schlaf nun offenbar endlich erkaempft und ist verschwunden. Eine Gruppe Menschen speist neben mir Reis und Currys, und bietet mir sofort etwas davon an. Ich habe Muehe, Ihnen klarzumachen, dass ich schon von den Moenchen reichlich beschenkt worden bin, und beim besten Willen nichts mehr essen kann. Doch nach viel Laecheln und Gestikulieren bin ich irgendwann entschuldigt. Ich frage den Mann hinter der Theke und seine Mitarbeiter nach der voraussichtlichen Ankunftszeit und bekomme sehr unterschiedliche Angaben. Mittlerweile ist es mir jedoch mehr als egal, wann diese Fahrt zu Ende geht. Zeit ist ein wahrlich dehnbarer Begriff.

Gegen 17 Uhr laufen wir dann schliesslich in den Hafen von Pathein ein, dass in Rauchschwaden gehuellt und mit mehreren goldenen Pagoden in einer Kurve des Flusses liegt. Gesagt hat man mir vor der Abfahrt, dass wir unser Ziel um 11 Uhr morgens erreichen wuerden. Durch ein Heer aus Fischerbooten bahnt sich der Dampfer einen Weg zur Anlegestelle, wo bereits eine stattliche Menschenmenge auf unsere Ankunft wartet. Ich schiebe mich vorbei an Lastentraegern und Koerben, und besteige eine Fahrradrikscha ins Zentrum. Die Frage nach der Weiterreise hat sich eruebrigt, denn die Sonne macht sich bereits auf ein Neues auf den Weg in Richtung Palmenwipfel. Daher bleibe ich fuer eine Nacht in Pathein, dass sich als entzueckendes Staedtchen mit fantastischen Menschen entpuppt.

Besonders die Reise dorthin jedoch werde ich so schnell nicht vergessen.

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Marco
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Marco Buch
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Ort
Berlin
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Alle Reisen von Marco Buch

Goldenes Land

Eines der letzten Abenteuer, ein Land aus einer anderen Zeit.