MyanmarGoldenes Land

Der Wahnsinn rund um den Ort der inneren Einkehr - Yangon

04.02.2010 |

"Das hier ist Burma, ein Land, dass anders ist als alle, die Du kennst", schrieb Rudyard Kipling 1898. Gehen heute zwar viele davon aus, dass Kipling nie selbst einen Fuss ins heutige Myanmar gesetzt hat, haette er mit seiner Beschreibung richtiger jedoch kaum liegen koennen.

Ein kurzer Flug von Bangkok hat mich im Morgengrauen nach Yangon gebracht, bis vor ein paar Jahren Hauptstadt von Myanmar, dass man frueher unter dem Namen Burma kannte. Ich lasse mich von meinem netten Taxifahrer ins Zentrum der 4,5-Millionen-Stadt bringen und bestaune das ameisengleiche Gewusel auf den Strassen aus den offenen Fenstern. Vorbei die Zeiten klimatisierter Taxis, der Fahrtwind muss hier fuer die Kuehlung genuegen. In meinem Guesthouse steht die komplette 14-koepfige Belegschaft an der Rezeption Spalier, um mich willkommen zu heissen, und ich versichere mich zunaechst einmal, ob ich den Uebernachtungspreis richtig verstanden habee. Nur ein paar Minuten spaeter sitze ich bereits bei einem sehr suessen milchigen Tee und einem laenglichen Schmalzgebaeck inmitten einer unvergleichlichen Kulisse.

Die Teehaeuser an jeder Ecke sind allesamt mit winzigen bunten Plastikstuehlchen fuer ihre Kunden ausgestattet, die mehr oder weniger mitten auf der Strasse stehen. Der Boden ist an vielen Stellen roetlich verfaerbt vom staendigen Ausspucken der betelverliebten Burmesen. In den dunklen Eingaengen der Haeuser koechelt der Tee in grossen Metalltoepfen auf Holzkohlefeuern. Verkaeufer preisen lauthals und in der immer gleichen Intonation schreiend ihre Waren an, waehrend sie durch die Gassen voller Haeuser im Kolonialstil schlurfen. Ist jemand interessiert, laesst er von seinem Balkon etwas Geld an einer Kordel herunter, an welcher im Gegenzug die gewuenschte Ware sodann nach oben befoerdert wird.

Die Nebenstrassen haben keine Buergersteige, alle Menschen laufen auf der Strasse. Kommt ein Auto, hupt es kurz – man moechte fast sagen ruecksichtsvoll – und der Tross Menschen weicht mal eben in eine Parkluecke aus, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Insgesamt wirkt der Verkehr wie ein komplexes organisches Gebilde, dass keinen grossen Regeln zu folgen scheint.

Alles ist alt und kaputt: Von den Haeusern blaettert der bunte Putz, die Balkone scheinen oft nur noch von einem heiligen Haar gehalten wie der goldenen Felsen von Kyaikhtiyo, die trotz Rechtsverkehrs zumeist rechtsgelenkten Autos pfeifen lautstark auf dem letzten Loch, die Strassen sind nurmehr ein Flickenteppich aus Loechern und unebenen Betonplatten. Vom Zahn der Zeit angefressene koloniale Prachtbauten kuenden vom einstmals luxurioesen Ambiente der Stadt. Nur die Menschen sehen fast alle aus wie aus dem Ei gepellt. Sie sind deutlich dunkler als in Thailand, viele sind Nachkommen der grossen indischen Bevoelkerung unter englischer Kolonialherrschaft. Fast alle Maenner tragen Longhyis, Wickelroecke wie in Indien. Und sie laecheln einen unverhohlen und voller Faszination an, in der Regel ohne damit einen Hintergedanken zu verfolgen. Viele Leute telefonieren, wobei sie beim Sprechen das Telefon stets an den Mund halten wie ein Funkgeraet, und es dann ans Ohr zu fuehren, um die Antwort verstehen zu koennen. Die Geraeuschkulisse in dieser Stadt ist genauso extrem wie die Hitze und der Ueberfluss an Eindruecken, die dem Auge geboten werden. Jede Beschreibung einer hier ganz gewoehnlichen Strassenszene kann nur im Ansatz das wiedergeben, was man empfindet, wenn man persoenlich mittendrin steht.

Die Bewohner Yanguns gehen Berufen nach, die es in dieser Art bei uns nicht gibt. So steht etwa alle 3 Meter ein Stand, an dem jemand seine Waren feilbietet. Obst, Frittiertes, Haushaltsgegenstaende, Schuhe, Zigaretten, Betel, Viagra, ... . In winzigen Nischen zwischen zwei windschiefen Gebaeuden verkauft man Medikamente, direkt nebenan sitzen Frauen mit 3 Telefonen auf einem Campingtisch, von dem aus ein Kabel in den Baeumen der Allee verschwindet. Diese Telefonzentralen ersetzen die Telefonzelle. In den Strassen scheinen die einzelnen Berufsgruppen jeweils thematisch zusammengefasst zu sein. So laufe ich beispielsweise durch eine Strasse, in der Leute ausschliesslich damit beschaeftigt sind, Hausnummern und Firmenschilder herzustellen, wohlgemerkt per Hand und Laubsaege.

Vor nahezu jedem Geschaeft steht ein grosser, laermender Generator, da die Hauptstromversorgung im Stundentakt ausfaellt, und ohnehin nur zu bestimmten Stunden gewaehrleistet ist. Der Hoteldirektor erklaert mir, dass sich der Stromverbrauch in den letzten 10 Jahren um das 80-fache erhoeht hat! Ein Bedarf, den das Stromnetz schon lange nicht mehr decken kann. Und so improvisieren die Menschen einfach wo sie nur koennen, wie ich es spaeter noch so oft sehen werde.

Nur sehr selten begegnen mir in den Strassen und Gassen Chinatowns und rund um die Sule-Pagode Touristen, ja, so selten gar, dass man einander in solchen Momenten konspirativ gruesst; mit einem Gesichtsausdruck, der dem anderen klar macht, dass auch man selbst sich fuehlt, als waere man nicht ein Land weiter, sondern auf einen anderen Planeten geflogen worden.

Ich laufe in Richtung Fluss und kaempfe mir einen Weg durch den stinkenden, bruellenden Verkehr. Ich folge dem Beispiel der Einheimischen und gehe einfach immer dann, wenn sich eine Luecke im Verkehr auftut. Zebrastreifen sind reine Makulatur, Ampeln nicht mehr als Ratschlaege, die man eher ungern annimmt.

Schnell lerne ich in der unerbaermlichen schwuelen Hitze Uncle Khaing kennen, einen charismatischen alten Mann mit grauen Haaren, die er zu einem Zopf hochgesteckt traegt. Er ist Englischlehrer und City-Guide in Yangon, und er hat ein Notizbuch voller Empfehlungen auslaendischer Touristen. Seine herzerweichende Freundlichkeit und sein astreines Englisch ueberzeugen mich, ihn fuer einen Tag als Fuehrer durch diese verrueckte Stadt zu buchen.

Im Laufe des Tages fuehrt er mich zu verschiedenen ehemaligen Prachtbauten rund um die Sule-Pagode im Zentrum, so auch zum Strand Hotel, der zu Kolonialzeiten beruehmtesten Absteige fuer die feine, weisse Oberschicht in ganz Suedostasien. Von dort springen wir auf einen gerade anfahrenden ueberfuellten Menschentransporter und fahren zum Tempel, an dem seinerzeit die 4 Haare Buddhas angeliefert worden sind, denen zu Ehren damals die Shwedagon-Pagode gebaut worden ist. Nach ein paar Keksen aus Klebreis, einem Reispfannkuchen und einer nur so hinuntergestuerzten Flasche Wasser ziehen wir weiter zur liegenden Buddha-Statue, einer etwa 40 Meter grossen goldenen Darstellung des Buddhas im Moment seiner Erleuchtung.

Viel interessanter jedoch als die Sehenswuerdigkeiten finde ich die Informationen, die mir der Uncle – wie ich ihn nennen soll – zwischen den Stops einstreut, sowie die Einblicke in die burmesische Kultur, die er mir vermittelt. So etwa erklaert er mir, warum man in der Stadt keine Mopeds zu Gesicht bekommt. Man hat diese vor ein paar Jahren schlichtweg per Gesetz verboten. Oder der Grund dafuer, dass es kaum Strassenhunde gibt: Diese werden aufgrund der mit ihnen verbundenen Gefahren regelmaessig vergiftet. Ueberall sieht man jedoch Leute sitzen, die in Pappkartons Welpen fuer Privatleute zum Kauf offerieren.

An einem Tempel bietet mir jemand an, ein paar Voegeln aus einem Kaefig die Freiheit zu schenken, was in der Konsequenz Glueck bringen soll. Ich kenne das jedoch bereits aus Thailand und weiss, dass die Voegel nach einer Viertelstunde bereits wieder zurueck in ihrem Kaefig sein werden. Khaing erklaert mir warum: Dem Futter dieser Voegel wird stets ein wenig Opium beigemischt. Es ist die Sucht, die sie in ihre Gefaengnisse zurueckfliegen laesst!

Der Onkel erklaert mir auch die hoeflichen Gepflogenheiten in Myanmar. Bei der Begruessung fragt man sich immer zuerst nach der Gesundheit. Unmittelbar darauf erkundigt man sich, ob der Gespraechspartner denn schon gegessen hat. Sollte das nicht der Fall sein, wird er umgehend und aufrichtig zum Essen eingeladen.

Khaing und ich gehen unsererseits essen bei seiner Lieblingskoechin in einer kleinen Garkueche, die in der Naehe seiner Sprachschule in Chinatown liegt, und objektiv betrachtet nicht mehr als eine Hoehle aus Beton ist. Gewissenhaft saeubert er mein Geschirr vor dem Essen mit heissem Wasser. Ich waehle aus einer Vielzahl an Gerichten in alten, abgestossenen Toepfen einige aus, und alles schmeckt vorzueglich, auch wenn ich nicht sagen kann, was ich da gerade esse. Sollte ich, ohne es zu wissen, bereits den Salat gegessen haben, den man aus ein Jahr im Boden vergrabenem gruenem Tee herstellt? Die Leute schauen mir aus grossen Augen beim Essen zu, auf der Strasse geht man unterdessen seinem Tagewerk nach. Der Platz in der Garkueche bietet eine gern genommene Erholung vom Wahnsinn, der draussen auf der Strasse herrscht. Noch von drinnen hoert man die brachialen Geraeusche der uralten Maschinen, die Schreie der Verkaeufer und Fahrradrikschafahrer, und das unablaessige Droehnen der Generatoren.

Nach dem Essen schluerfen wir zur Verdauung chinesischen gruenen Tee, stets mit einem braunen Klumpen Palmzucker im Mund, der bei der Verdauung helfen soll.

Nach einem kurzen Schlaefchen vor dem Ventilator im Hotelzimmer treffe ich den Uncle wieder. Es geht zum Sonnenuntergang ins groesste Heiligtum des Landes, die atemberaubende Shwedagon-Pagode. Von fast jeder Ecke der Stadt kann man den 100 Meter hohen Stupa der bombastischen Pagode bereits erspaehen, der mit 10 Tonnen Gold verkleidet ist, und dessen Spitze verschiedene Edelsteine kroenen. Steht man aber dann direkt davor, inmitten der weitreichenden Tempelanlage auf 60.000 Quadratmeter, wird man ploetzlich sehr ehrfuerchtig.

Fast drei Stunden dauert unser Rundgang und Khaing erklaert mir viele der Buddha-Darstellungen, Glocken, Tempel, sowie die Statuen, die unterschiedliche 'Nats' verkoerpern, Geister, die im Laufe der Jahrhunderte ihren Weg aus den Naturreligionen in den hiesigen Buddhismus gefunden haben. Immer wieder zerrt und zupft er mich in die richtige Position, damit ich die Rubine, Saphire und Diamanten in der untergehenden Sonne auf der Spitze des Stupa aufblitzen sehen kann. Sehr interessant finde ich hierbei, dass sowohl der Tsunami 2004 als auch der Wirbelsturm Nargis 2008 eine Verschiebung der Edelsteine bewirkt haben. Der Uncle erklaert mir, dass die besten Punkte zur Beobachtung davor an ganz anderen Punkten gelegen haben.

Die Menschen, Einheimische wie Touristen, umkreisen den 100 Meter hohen Stupa drei mal im Uhrzeigersinn, verweilen an verschiedenen Stellen zum Beten und Meditieren, oder sitzen einfach nur auf den von der Sonne noch warmen Fliesen und geniessen die aussergewoehnliche Atmosphaere dieses heiligen Ortes. Tatsaechlich pilgern zu diesem Platz nicht nur Burmesen, sondern Buddhisten aus aller Herren Laender.

Mit schmerzenden Fuessen und einem duennen Film aus Schmutz und Schweiss auf der Haut verabschiede ich mich am Abend erschoepft vom Uncle und ziehe mich in meine nach suessem Schimmel und Abwasser riechenden Gemaecher zurueck, um mich zunaechst der Zerschlagung des Kakerlaken-Kartells zu widmen. Zwar hat der Onkel mir angeboten, mich am naechsten Tag noch zu einem Schamanen zu fuehren, aber ich brauche erst mal eine Auszeit von der Ueberdosis an Informationen. Jedoch werde ich wohl am Ende meiner Reise auf sein zweites Angebot zurueckkommen. Er will mir naemlich auch noch ein Kloster zeigen, in dem ein Moench sitzt, der bereits vor 100 Jahren gestorben ist, aber gar nicht daran denkt zu verwesen. Interessanterweise steht dieser absurde Schauplatz schon seit Jahren auf meiner To-Do-Liste. Nur wusste ich nie, wo er denn eigentlich liegt…

Ohne Strom gibt es im Hotel weder Klimaanlage noch Ventilator. Als ich anderntags aufwache, kann ich mich kaum an meinen Vornamen erinnern, so geraedert bin ich von der unnachgiebigen Hitze. Es ist, als haette ich in einer finnischen Sauna uebernachtet. Sofort verspuere ich den unerklaerlichen, aber sehr starken Drang, die Stadt ohne grosse Umschweife zu verlassen. Nachdem ich beim Geldwechseln bei den Edelsteinhaendlern in der Markthalle noch gruendlich uebers Ohr gehauen werde und fast in einen Krater in der Strasse gefallen bin, steht der Entschluss dann fest. Ich schnuere mein Buendel aus alten, mit Tesafilm zusammengehaltenen 1000-Kyat-Scheinen und wandere durch Chinatown zielstrebig runter zum Fluss, um in einem Bretterverschlag eine Kabine auf einem Boot in Richtung Golf von Bengalen zu buchen. Ich bin voller Vorfreude und genehmige mir vor der Abfahrt noch einen weiteren Milchtee, einen von vielen, die noch kommen werden.

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Goldenes Land

Eines der letzten Abenteuer, ein Land aus einer anderen Zeit.