



Südamerika Rundreise
La Boca und die Villen Kunterbunt
08.09.2007 |
Ich hatte mir geschworen, in Buenos Aires nicht Rad zu fahren, und schon gar nicht ohne Helm! Doch vieles kommt anders als man denkt, ich trete kräftig in die Pedale und versuche die Nerven zu bewahren. Hinter mir scharrt eine Meute Autos mit den Hufen. Sechs Spuren oder mehr, ich wage mich nicht umzudrehen, um die genaue Zahl zu ermitteln. Stattdessen halte ich an, ganz rechts und dicht an den Bordstein gedrängt. Von dieser halbwegs sicheren Position versuche ich die Verkehrsführung zu analysieren: Es gibt mehrere Zufahrten, Abzweige, und ich weiß, ich muss einmal quer rüber, um unter der Autobahnbrücke durchzutauchen und dann am Rio de la Plata meinen Weg nach La Boca fortzusetzen. Mein Herz klopft, der Adrenalinspiegel steigt, und ich fahre. Es ist ein halsbrecherisches Manöver, und es gelingt.
Plötzlich ist es still, kein Auto mehr, das von hinten vorbeizieht, nur ein Rauschen und ein monotones, dumpfes Rattern hoch über meinem Kopf. Über mir erhebt sich hochbeinig die Autobahnbrückenkonstruktion. Ich bin von einer Betonwüste umgeben. Links lässt ein Schlitz zwischen Brücke und einem mehrere Meter hohen Wellblechzaun spärliches Licht herein, und je weiter ich radele, desto breiter wird dieser Lichtkanal. Alte Wracks liegen am Ufer und haben ihren Lebensabend bereits gesehen. Eine Menge Metall und eine entsprechende Menge Rost lagern an diesem Abschnitt des Flussufers.
Mein Blick wird durch sich mir in den Weg stellende Straßenköter nach rechts gelenkt. Auch auf dieser Seite unterhalb der Brücke sieht es traurig aus: Wellblechhütten reihen sich in einem wilden Wirrwarr aneinander und stapeln sich in die Tiefe. An der Straßenfront formen Gruppen von weißen Plastikstühlen eine Reihe Openair-Wohnzimmer. Das Leben findet auf der Straße statt. Hunde, Kinder und Katzen spielen im großen Grau. Vereinzelte Rauchwölkchen lassen auf Kochaktivitäten schließen.
„Schnell, schnell, schnell, schnell, schnell!“, ruft Christian. Er weiß genau, so wie ich es längst ahne, dass das nicht gerade der Ort für einen gemütlichen Ausflug ist. Christian ist der Koordinator der fröhlichen Freizeitaktivitäten an meiner Sprachschule. Er ist ein Vollblutmöchtegernmacho und nur in kleinen Dosen zu ertragen. Für diese Tour ist seine Begleitung sicherlich ihr Geld und meine Geduld wert, aber wo immer ich mich ohne ihn einigermaßen sicheren Fußes hinbewegen kann, werde ich das tun. Ich trete kräftig in die Pedale, weiche dem ein oder anderen Schlagloch aus und folge unbeirrt der Straßenführung. Ein lautes Quietschen reißt mich aus meinen Gedanken. Vor mir steigt Karen in die Eisen ihres geliehenen Drahtesels und kommt knapp vor Christians zu stehen. Wir sind da!
Das ist der krasseste Gegensatz, den man sich vorstellen kann. Vom großen Grau in das Viertel der Villen Kunterbunt. La Boca ist eines der touristischsten Stadtviertel in Buenos Aires. Es ist bekannt für seine bunten Häuser entlang des „El Caminito“, die aus Blech von abgewrackten Schiffen zusammengezimmert und mit Schiffslack bunt lackiert wurden. Aus der Not zu Zeiten der Gründung dieses Viertels wurde eine der Touristenattraktionen Nummer 1. La Boca wurde im 19. Jahrhundert von italienischen Einwanderern aus Genua an der Einmündung des Rio Riachuelo in den Rio de la Plata gegründet, daher sein Name. „La Boca“ heißt auf Spanisch so viel wie „die Mündung, der Mund“.
Neben den ungewöhnlichen Häusern in leuchtend bunten Farben findet man ein paar Straßen weiter das Fußballstadion des Fußballclubs Boca Juniors, genannt „La Bombonera“. Von außen sieht es wirklich aus wie eine in Beton gegossene blaugelbe Pralinenschachtel gigantischen Ausmaßes, und innen drin ist ein Museum eingerichtet, das die Geschichte des Clubs dokumentiert. Drumherum preisen Läden Fanartikel jeder erdenklichen Art an. Und man kann sicher sein, mindestens einem Maradona-Double in La Boca zu begegnen, das mit zum Gruße erhobenen Händen für ein paar Münzen posiert.
Ich muss einmal mehr zugeben, dass ich kein Fußballfan bin. Das ist für Argentinier noch unverständlicher, als wenn ich sage, ich komme zwar aus Deutschland, aber ich trinke kein Bier. Karen gibt mir in diesen beiden Punkten die nötige Unterstützung: Kein Fußball und kein Bier für uns. Wir sind Mädchen und wollen Milchkaffee! Jetzt! Im Café sitzend geben wir uns mehr oder weniger freiwillig dem touristischen Treiben hin und beobachten lauschend die Tangotänzer und Musiker. Nach einer Weile schweigenden Betrachtens blendet der Rummel aus, und es passiert, was immer passiert: Es trifft mich mit voller Wucht, ich versinke in Musik und Tanz. Musik kommt in der Intensität meiner Sinneswahrnehmung gleich nach dem Geruch. Ich kann mich nicht wehren. Aber warum auch. Ich schwelge in leidenschaftlicher Melancholie, bis Christian mich mit nervösem Stuhlscharren wieder ins Jetzt zurückholt. Er bläst zum Aufbruch! Ganz offensichtlich erträgt er diese „Weltschmerzmusik“ nicht länger. Und meine Frage, ob der Tango nun in La Boca oder San Telmo seinen Ursprung hat, bleibt unbeantwortet. Ich habe bisher widersprüchliche Informationen gefunden, aber wie auch immer, vermutlich ist es nur eine Frage von einigen Straßenzügen in die eine oder die andere Richtung, schließlich sind beide Stadtviertel benachbart. Das wird mir wieder deutlich bewusst, als wir radelnd unseren Rückweg antreten. Wir passieren zum zweiten Mal das große Grau. Geläutert spuckt mich der kontrastreiche Tag am anderen Ende wieder aus.
La Boca und die Villen Kunterbunt
Es gibt 7 Kommentare.
Deine Meinung?
- Name
- Friederike von Bistram
- Alter
- 36
- Ort
- Hamburg
- Webseite
- ---
Alle Reisen von Friederike von Bistram
Südamerika Rundreise
Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.








Liebe Friedi,
mit großem Interesse lesen wir Deine anschaulichen Berichte und versuchen, an Deinem Erleben ein wenig teilzunehmen. Wir freuen uns auf die weiteren Folgen.
Deine freda und Jörn
sagte Freda und Jörn Schneider am 30.09.2007 um 23:24 Uhr #
Hallo Friedi,
als "alte" Hamburgerin vom Tor der Welt hinaus in die Welt...super! Wünsche Dir weiter viel Spaß und Lernerfolg.
Bis bald...mit lieben Grüßen aus Kiel
André
sagte André aus Kiel am 01.10.2007 um 09:08 Uhr #
Hallo Friedi!
Es macht wirklich Spaß Dich hier ein Stück auf Deiner Reise -wenn auch nur in Gedanken- zu begleiten!
Auch die Fotos sind super! (Ich mag besonders die Katzen...)
Viel Spaß weiterhin!
Telse
sagte Telse am 01.10.2007 um 21:11 Uhr #
Hallo Friedibi,
Deine Fotos und Beschreibungen lassen mich "altgedienten Weltenbummler" mit offenem Mund voller Bewunderung dasitzend lesen. Diese Ecke der Welt ist für mich bis heute noch ein weiser Fleck. Wann darf ich dazustossen?
Warte auf viele weitere spannende Episoden.
Markus
sagte Markus am 01.10.2007 um 22:12 Uhr #
liebe friedi,
sehr schöne fotos machst du da. leider kann ich um das foto »die kehrseite der kunst« nicht drumherum laufen ... dabei bin ich so neugierig, was für bilder in den vielen kleinen rahmen wohl stecken ...
ich grüße herzlich aus gohlis, welches sich dem herbst zuwendet . tabea
sagte Tabea am 03.10.2007 um 09:51 Uhr #
Hola Friedericke,
stöbere nach zwei Urlaubswochen gerade in deinen Reiseberichten.Das macht so viel Spaß sie zu lesen und ich freue mich schon auf deine Fortsetzungen.
Sei herzlich gegrüßt,Beate
sagte Beate am 08.10.2007 um 22:24 Uhr #
Liebe Friedi!
Geselle mich gerne zu Deinem "Fan-Club"! Und hoffe, dass es Dir prächtig geht!!
am WE feiern wieder die Balten...was mir doch schnurstracks die "Fuge der Geographie" und sonstige Musikfreizeiten-Scherze in Erinnerung ruft ;-))
Pass auf Dich auf! Alles Liebe sendet Dir Dein Frl.C
sagte das Frl. C am 12.10.2007 um 12:59 Uhr #