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Der frühe Vogel fängt den Wurm

04.09.2007 |

Es ist 8 Uhr in der Frühe. Nach den U-Bahn-Erfahrungen gestern steht mein Entschluss für diesen Morgen: Ich werde zur Schule laufen. Mit einer Tasse Kaffee betankt und einem Stadtplan in der Hosentasche fühle ich mich gerüstet für meinen morgendlichen Spaziergang. Meiner Einschätzung nach müsste ich diesen Weg in ungefähr vierzig Minuten zurücklegen können ohne zu rennen. Das Piepen des Aufzugs, das jedes passierte Stockwerk kommentiert, dient mir als Countdown. Im Foyer stolpere ich über den kleinen Pinselschwanzhund des Hausmeisters. Er ist einer der vielen bellenden Bewohner in Buenos Aires. Hier liebt man Hunde, und dieses Exemplar ist vergleichsweise klein. In der ganzen Stadt wimmelt es von Hunden, vor allem großen. Und als Folge davon wimmelt es auch von heimtückischen „Tretminen“, denn längst nicht alle Hundebesitzer sind so gut und tragen Toilettentütchen mit sich herum, geschweige denn setzen sie sie ein. Ich mag Hunde wirklich gern, aber mit dieser Masse an unkontrolliert auf dem Gehweg lauernden Hundehaufen sinkt meine Toleranzgrenze, was das Halten von Hunden in Großstädten betrifft.

Vierzig Minuten Gehzeit sind vierzig Minuten, in denen man den ein oder anderen Treffer landen kann. Ich mache mich wachen Auges und gesenkten Blickes auf den Weg. Aber ich bin von Natur aus ein neugieriger Mensch und kann unmöglich nur nach unten gucken! Es gibt viel zu viel zu sehen und zu entdecken. Diese Uhrzeit ist die Stunde des großen Putzes: An jeder Ecke sieht man Menschen messingfarbene Klingelknöpfe polieren und Glastüren putzen. Aus dem ein oder anderen Hauseingang schwappt mir Seifenwasser entgegen, das in kleinen Wasserfällen über die marmornen Eingangsstufen stürzt und sich über die Ritzen des Gehsteigs verteilt. Laden- und Kioskbesitzer schrubben gründlich das kleine Stück Gehsteig vor ihren Geschäften oder lassen es schrubben.

Apropos, das kleine Wörtchen „lassen“ und die angebotenen Servicedienstleistungen: In dieser besser betuchten Wohngegend scheint es üblich zu sein, seinen Hund professionell ausführen zu lassen. Immer wieder sieht man sie, die „Gassigeher“, die einen ganzen Strauß Leinen in der Hand halten oder um den Bauch gebunden haben, an deren Enden sich bis zu fünfzehn große und kleine Vierbeiner tummeln. An der Straßenecke M. T. Alvear und Agüero setze ich einem dieser reichbestückten Hundeserviceanbieter nach. Er entwischt mir unporträtiert.

Ein paar Häuserblocks weiter kreuze ich den Schulweg deutlich jüngerer Schülerkollegen. Kinder in elterlicher Begleitung nähern sich von allen Seiten und bilden vor dem Schuleingang eine große Menschentraube. Die Kinder ziehen statt der bei uns üblichen Schulränzen kleine Trolleys in bunten Farben hinter sich her. Ich frage mich, ob das orthopädisch gesehen besser ist. Angesichts der einseitigen und verdrehten Haltung bezweifele ich das. Einige Kinder tragen weiße Kittel und sehen darin aus wie kleine Möchtegernmediziner. Ich vermute, dass diese Kluft Teil einer Art Schuluniform ist. Warum dann aber nicht alle in Weiß erscheinen, bleibt mir ein Rätsel. Ich bin froh, dass ich in meinem neuen Schulalltag nicht auch einem Dresscode unterliege.

Kurz vor der Tankstelle an der Ecke Montevideo und Córdoba begegnet mir ein mobiler Kaffeeverkäufer, der ein klapperndes, mit Thermoskannen gespicktes Metallwägelchen vor sich herschiebt, das von einem vierfarbigen Schirmchen gekrönt wird. Eine wirklich pittoreske Erscheinung. Die Thermoskannen haben schon eine Menge Lack verloren und Dellen gesammelt, aber sie sind akkurat aufgereiht. Eine Stange Plastikbecher wächst auf der rechten Seite in die Höhe. Über den Kannen ist ein Tablett befestigt, auf dem sich Sandwiches und Medialunas stapeln. Medialunas sind süße Croissants mit weicher Konsistenz, die einem in Buenos Aires zu jedem Milchkaffee angeboten werden. Möchte man einfach nur einen Kaffee, bestellt man „solo“. Um herauszufinden, ob in den Kannen tatsächlich auch Kaffee und nicht nur heißes Wasser für Mate lagert, und auch um mein Gegenüber positiv auf meine Bitte nach einem Foto einzustimmen, bestelle ich einen Kaffee. Den bekomme ich, die Fotoerlaubnis bleibt mir trotzdem verwehrt. Höflich aber bestimmt kassiere ich ein „Nein“. Das ist nicht das erste Mal und wird nicht das letzte sein. Die Menschen hier sind Kameras gegenüber mehr als skeptisch. Da bleibt einem eigentlich nur übrig heimlich zu agieren oder Porträts aus dem Repertoire zu streichen. Schade drum!

Mein Becher Kaffee reicht bis genau vor die Eingangstür der Schule. Und der Weg hat mich exakt 35 Minuten gekostet. Gut geschätzt, Fräulein!

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Friederike
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Alle Reisen von Friederike von Bistram

Südamerika Rundreise

Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.