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Mein erster Schultag

03.09.2007 |

Unter tausend Entschuldigungen stürze ich ins Klassenzimmer. Ich bin achtzehn Minuten zu spät, das ist unverzeihlich. Heute ist mein erster Schultag seit mehr als zwölf Jahren, und ich schaffe es nicht, pünktlich vor meinem leeren Vokabelheft zu sitzen. Ich bin ein bisschen böse auf mich, dabei kann ich noch nicht einmal wirklich etwas dafür. Heute ist Montag und ein verflixter!

Um 8:10 Uhr fiel die Haustür hinter mir und Timo ins Schloss. Timo ist mein „Gastfamilienbruder“. Er kennt den Schulweg und das übliche Timing seit einer Woche. Er geht auf die gleiche Schule wie ich, ist ein paar Klassen über mir. Nicht ahnend, dass wir heute in der Subte, der U-Bahn, mit unglaublichen Menschenmassen konfrontiert würden, wagte er auf dem Weg dorthin, vermutlich in Gedanken an die verlorenen Minuten seines kostbaren Schlafes, zu sagen: „Wir sind verdammt früh dran!“ Dieser selbstbewusste Satz verklang allerdings sehr schnell, als wir mehrere U-Bahnen passieren lassen mussten, weil wir aus Platzmangel im Waggon nicht mehr zusteigen konnten. Chancen zuzusteigen gibt es generell immer dann, wenn eine der Türen exakt vor einem hält und ein, zwei oder drei Passagiere aussteigen. Weder das eine noch das andere wurde uns beschert, und schon gar nicht in Kombination. Timo versicherte mir mit einem Blick auf die Uhr und gerunzelter Stirn, mein Vergleich der Subte mit einer rasenden Sardinenbüchse sei zwar zu Hauptverkehrszeiten äußerst treffend, aber bisher sei er wenigstens noch immer irgendwie mitgekommen, spätestens beim zweiten oder dritten Versuch! Wir gaben nach dem fünften auf. Ob allerdings unsere letztendliche Entscheidung, den Schulweg stattdessen per Taxi zurückzulegen, die beste war, wage ich zu bezweifeln, denn die Straßen waren mindestens genauso voll und fast alle Taxis belegt.

Es ist jetzt genau 9:25 Uhr und drei Augenpaare starren mich irritiert an, versuchen meinem englischen Wortschwall, der nichts weiter ist als ein einziger Erklärungsversuch plus eine dicke Entschuldigung, zu folgen und scheinen erleichtert aufzuatmen, als ich endlich einen verbalen Schlusspunkt setze, meine Schultern, begleitet von einem langen Atemzug, senke und auf einem Stuhl am Kopfende des Tisches Platz nehme.

Das ist der Beginn des Endes meiner entsetzlichen Sprachlosigkeit in diesem Land! Ich starte in mein Sprachschulabenteuer. In mühsam formulierten spanischen Sätzen lerne ich meine beiden Klassenkameraden kennen: Karen, 32, kommt aus Amsterdam und arbeitet für „Ärzte ohne Grenzen“, wenn sie nicht gerade ihrer Reiselust nachgibt. Sie hat wie ich ein Sabbatical eingelegt. Tahir, über 50, hat seinen Heimathafen in der Nähe von Washington. Er ist Professor für Political Science und International Studies. Bis Dezember 2007 lehrt er an der katholischen Universität in Buenos Aires. Meine Sorge, ich würde zwischen gelangweilten Küken, die Credits für die Highschool sammeln, versauern, ist damit gebannt. Schon nach wenigen Minuten ist eines klar, dieses Trio ist perfekt! Schnell im Denken und schnell im Fragen galoppieren wir drauflos.

Uns eint ein fröhlicher Hang zur Interaktion, und ausgestattet mit einer Handvoll Worten spielen wir verbal Pingpong. Lautes Gelächter beschallt unser hellgrünes Klassenzimmer. Nach der Lektion „Wie heißt du, wie alt bist du, wo kommst du her?“, folgt prompt die Lektion über „Mein und Dein und die unverschämte Frage: Was hast du in deiner Tasche?“ Was für eine Frage! Klar regt das die Phantasie an: Schneller als ich gucken kann, habe ich einen Kater, ein Krokodil und drei Fische in meinem Rucksack, platzsparend im Kroko verstaut. Die materialistische Ader zaubert Tahir drei hochglanzpolierte und wohlgemerkt deutsche Sportwagen in die Garage, die selbstverständlich von seinem von ihm auserkorenen Lieblingstaxifahrer Oskar chauffiert werden. Oskar gibt es wirklich, er sammelt Tahir zu jeder Tages- und Nachtzeit ein und fährt ihn nach Bedarf quer durch Buenos Aires. Wenn ich in Zukunft mal wieder mit der Subte nicht vom Fleck komme, rufe ich Oskar! Vielleicht verrät mir Tahir seine Nummer. Tahir hat also neben den neuen flotten Autos auch noch eine wichtige Nummer, im weitesten Sinne auch ein Besitz! Und Karen hat zwar gähnend leere Taschen, dafür aber Kontakte zur Mafia. Cooler Haufen, da kann ich mit dem satten Krokodil in meinem Rucksack kaum mithalten.

Unsere ungenierte Spontaneität scheint auch unsere Lehrerin Virginia zu überraschen und im Grunde zu erfreuen. Aber ihre von Zeit zu Zeit ausgestoßenen kleinen Stoßseufzer lassen vermuten, dass wir sie mit unserem Temperament und den in kurzen Abständen abgefeuerten „Wieso-, Weshalb-, Warum-Fragen“ auch ungewöhnlich fordern. Virginia ist ein kleines und zartes Persönchen von gerade mal 24 Jahren. Morgens unterrichtet sie an der Sprachschule Spanisch für Ausländer, und abends ist sie Linguistikstudentin an der Universität Buenos Aires. Sie erzählt uns, dass in Buenos Aires alle Studenten arbeiten. Deshalb finden viele Vorlesungen abends von 19-23 Uhr statt. Tahir bestätigt das, keiner seiner Studenten sei Fulltime-Student, und auch er halte Vorlesungen nur in den Abendstunden, was allerdings auch mit daran liege, dass er kein Morgenmensch sei. Ein herzhaftes Gähnen unterstreicht diese Aussage. Unsere erste Kaffeepause bekämpft den vorübergehenden Schwächeanfall. Und der zweite Teil dieses ersten Schultages verläuft, wie der erste begonnen hat, ganz nach dem Motto „Wer nicht fragt bleibt dumm!“

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Sprachschule. Im KlassenzimmerSprachschule. Virginia, unsere LehrerinSprachschule. Der steile Aufstieg zu sprachlichen HöhenSprachschule. Treppenhaus, auf dem Weg zum Mittagessen
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Südamerika Rundreise

Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.