



Südamerika Rundreise
Familienleben in Palermo
02.09.2007 |
Heute ziehe ich um und verlasse mein erstes Domizil in einem Hostel in San Telmo, mein Zimmer mit Balkon und Hängematte, und tausche es gegen einen Platz in einer Familie ein. Ich kenne sie noch nicht, habe nur zwei Namen, eine Adresse und eine Handynummer. Ob sie Kinder haben, wie alt sie sind, und wie sie ihre Brötchen verdienen, ist mir bisher unbekannt.
Es ist Sonntag, 12 Uhr mittags, ich stehe vor der Hausnummer 1852 in einer der vielen Wohnstraßen im gutsituierten Palermo und drücke den messingfarbenen Klingelknopf. An der Tür stehen keine Namen, nur brav aufgereihte Nummern. Ich hoffe, in der Kombination aus Stockwerk und Apartmentnummer den richtigen Knopf gedrückt zu haben. Es dauert verdächtig lange, bis sich an der Sprechanlage etwas regt und mir eine knisternde, unverständliche Nachricht entgegenschlägt. Der Summer bleibt stumm, die Tür verschlossen, und ich stehe weiterhin wartend mit meinem dicken Rucksack vor der überbreiten, messinggefassten Glastür. Ich spekuliere über die Innenausstattung, die sich zweifach spiegelt, einmal im Glas der Tür, zum anderen im mehrere Quadratmeter großen Spiegel auf der rechten Flurseite. Gegenüber ziert ein Blumengemälde in gelb fototapetenartig die linke Flurflanke. Ich habe den Eindruck, bereits Hunderte solcher mit Glastüren verschlossener Flure in Buenos Aires gesehen zu haben. Bürogebäude sind zusätzlich mit Sicherheitsposten bemannt, die mehr oder weniger gelangweilt vor der Glasfront patrouillieren.
Hier herrscht gähnende Leere. Aber das Knistern an der Sprechanlage lässt mich ausharren, und siehe da, die Tür zum Aufzug öffnet sich, und eine runde, blonde Dame steuert auf mich zu. Sie ist von der goldenen Aura einer das Leben genießenden Rentnerin umgeben. Neben mir angekommen, reicht sie mir gerade mal bis knapp über die Schulter. Beherzt zwingt sie mich ein kleines Stück in die Knie, um mir einen klangstarken Begrüßungsschmatz auf die Wange zu drücken: Sie heiße Mirta. Dieser Name deckt sich mit den Informationen, die ich habe, hier bin ich wohl richtig. Dankenswerterweise packt Mirta für die erste Kontaktaufnahme freiwillig ihr Repertoire an englischem Vokabular aus.
Die Wohnung hat zwei Eingänge, wir nehmen den rechten, den mit der Fußmatte, und landen prompt in der Küche. Eigenartig, aber andere Länder, andere Sitten. Wenn es üblich ist, eine Wohnung über die Küche zu betreten, werde ich mich bestimmt daran gewöhnen. Das ist der Dienstboten- und Familieneingang! Ich bugsiere mich samt des dicken Rucksacks auf dem Buckel und dem kleineren auf der Front ohne Porzellan zu zerschlagen durch die Küche. Der Weg mit der dezenten Rechtskurve um die linke Ecke des Gasherdes ist extrem schmal, aber ich gerate erst ins Stocken, als ich das kurze, gekachelte und in seiner Enge widersinnig großzügig durch Türen abgetrennte Stück Flur, in dem die Waschmaschine und der Trockner ihr Zuhause gefunden haben, durchquert habe. Ein noch viel schmalerer und sehr dunkler Gang erwartet mich. In der Neunzig-Grad-Linkskurve von einem Gangabschnitt in den nächsten drohe ich endgültig stecken zu bleiben. Mein Eindruck, ich leiste Zentimeterarbeit, ist mit Sicherheit maßlos übertrieben, aber diese Wohnung ist in der Tat ziemlich schmal gebaut und wahnsinnig dunkel. Mirta weist mir den Weg zum Ende des Ganges. Hier ist das kleine Zimmer, das ich bewohnen werde, es hat ein Fenster. Tageslicht!
„Ale, mi amor!“, das sind die Zauberworte, die Mirtas Mann Alejandro aus dem Wohnzimmer im linken Wurmfortsatz des dunklen Ganges locken. Er tritt mir in einem blauen Frotteebademantel gegenüber und gibt mir einen dicken Kuss auf die rechte Wange. Alejandro hat selbst in diesem, nennen wir es mal legeren, Outfit noch den Glanz eines Gentleman. Er ist relativ groß, schlank und trägt, sofern es so etwas gibt, elegante Zeitfurchen in seinem silbergrau gerahmten Gesicht. Er spricht kein Englisch. In Ermangelung dieser gemeinsamen Kommunikationsbasis und wahrscheinlich auch aufgrund der Dringlichkeit eines zu lösenden Problems verschwindet er prompt nach diesem kurzen Begrüßungsauftritt wieder im Wohnzimmer und senkt sein Haupt grübelnd über einen Werkzeugkasten. Ich bin erstaunt, wie gähnend leer ein Werkzeugkasten sein kann. Meiner zu Hause ist vollgestopft mit mindestens der dreifachen Menge an hilfreichen Geräten und Einzelteilen. Dieser Gedanke und der Blick auf meinen prallgefüllten Rucksack gehen eine unmissverständliche Verbindung ein.
Ein schmaler Einbauschrank mit ein paar Kleiderbügeln und mehreren Schubladen wartet darauf, den Inhalt meines Rucksacks in seinem Bauch aufzunehmen. Ich finde in den Schubladen die gleiche dunkelblaue Tapete mit weißgestrichelten Karos wieder, die auch die Wände ziert. Und ich komme dem eigenartigen Geruch, der mich seit Betreten meines neuen Zuhauses irritiert, auf die Schliche. Die Quelle sind seltsame weiße Kügelchen in unterschiedlichen Größen, die in jedem Winkel des Schrankes herumkullern. Sie stinken erbärmlich, haben eine grobporige, wachsartige Struktur, und ich bin sicher, sie sind alles andere als gesund. Naphthalin gegen Motten und anderes Getier. Ich halte etwas skeptisch Ausschau nach weiteren bisher unentdeckten Kügelchen und etwaigen Bewohnern. Das Gift hält, was es verspricht, kein Zoo in meinem Schrank.
Ich teile mein Gastfamilienleben mit zwei weiteren Sprachschülern: Anna aus Brasilien und Timo aus Deutschland. Anna wird schon in drei Tagen ausziehen, aber Timo bleibt mir während der nächsten zwei Wochen erhalten. Ich lerne die beiden beim gemeinsamen Abendessen kennen. Anna ist klein und dunkelhaarig, Timo groß und blond, zumindest optisch sind die beiden prototypische Vertreter ihres Landes. Und beide sind in der Lage, ein Gespräch auf Spanisch am Laufen zu halten. Beneidenswert! Ich lausche konzentriert, um wenigstens Bruchstücke der Unterhaltung aufzuschnappen. Es geht um die „Reisen im eigenen Wohnzimmer", die Mirta und Alejandro unternehmen, indem sie sich Sprachschüler aus aller Herren Länder ins Haus holen. Später kreist das Gespräch um Musik, um Musik aus Brasilien und Argentinien. Alejandro ist Tangosänger! Nach dem Essen kramt er einen alten Kassettenrekorder hervor und präsentiert uns seine Stimme aus der Konserve. Seine Tangostimme liegt eine Etage über seiner Sprechstimme und hat einen kehligen und manierierten Touch. Das Knacken der Kassette verleiht der Musik den Charme einer Aufnahme aus den Zwanzigern. Es passt alles wunderbar zusammen. Ich lausche ergriffen. Für einen kurzen Moment vergesse ich, dass ich im Grunde kein Wort verstehe. Musik funktioniert anders, ich weiß, was er sagt.
Um Mitternacht, ich habe schon eine erste Runde geschlummert, wache ich von seiner Liveperformance im benachbarten Wohnzimmer auf. Alejandro übt mitten in der Nacht. Ob das seine normale Probenzeit ist, oder ob er sich gerade in den Schlaf zu singen versucht, weiß ich nicht. Ich schlafe über seinen Tangoetüden ein.
Es gibt 3 Kommentare.
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- Name
- Friederike von Bistram
- Alter
- 32
- Ort
- Hamburg
- Webseite
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Alle Reisen von Friederike von Bistram
Südamerika Rundreise
Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.






Liebe Friedi, Du bist eine wunderbare Südamerikareiseschriftstellerin im Abenteuer! Als solche grüßen wir Dich zum Frühlingsanfang.
Siehst Du die Sonne? Sie wandert über den Norden von rechts nach links. Bei uns quält sich der zunehmende Herbstmond über den südlichen Horizont. Bei Euch ist er hoch am Himmel bald der Frühlingsvollmond.
Schreib munter und beharrlich weiter!
Alles Gute Kaj und Gesine
sagte Kaj Wechterstein am 23.09.2007 um 10:12 Uhr #
I have always enjoyed Friedi's letters and photographs, ever since we have met her here in Minnesota.She is very expressive and descriptive in both her wrting and photography/Am very envoius of her skills at her age.When you have an opportunity to meet her,you are immediately struck by her enthusiasm and trust that all will go well.We enjoyed her stories from her Asia Trip and we look forward to the rest of her South America story.
Viel spass und glueck
Robert und Karin Cuerden
sagte Robert Cuerden am 23.09.2007 um 20:00 Uhr #
Mensch Friedi,
es scheint als ob du ganz gut zurecht kommst wie? ich habe ja leider wenig Zeit deine wie immer ausführlichsten Berichte zu lesen, weil immer einer reinplatz haha, aber es klingt nach fremder Welt und Eindrücke. Ich hoffe das du den Lebensabschnitt/Jobtausch noch nicht bereut hast, ich für mein Teil finde es gerade extrem spannend ;-) wenn auch mit einem tränenden Auge wenn draussen der Wind bläst und am Wochenende mal wieder Flaute ist - egal.
hab Spaß und bleib schön locker
Holger
sagte Holger am 26.09.2007 um 14:39 Uhr #