



Südamerika Rundreise
Alle Jahre wieder. Und dieses Jahr ist anders
24.12.2007 |
Anstatt Schnee zu schippen, Salz zu streuen und in aller Hektik die letzten Weihnachtseinkäufe zu erledigen, Geschenke zu verpacken und bei besinnlichen Klängen aus der Konserve den Weihnachtsbaum zu schmücken, kreuzen wir bei sonnigem Wetter mit einem Mietwagen quer durch Feuerlands Wildnis, fünf Reisende, mit einem Ziel: Ein Berg, umringt von Seen, der regelmäßig von Kondoren heimgesucht werden soll. Wir hoffen auf eine weihnachtliche Audienz beim König der Anden und legen dafür ziemlich viele Kilometer zurück. Als das Auto auf der eher einem Feldweg gleichenden Straße in ein tiefes Schlagloch kracht, hängen sich abrupt meine Gedanken auf. Bis eben noch analysierte ich klammheimlich Weihnachtslieder auf ihre Südhalbkugeltauglichkeit. Angefangen bei "Schneeheeflöckchen, Weißröckchen, wahann kommst du geschneit, duhu kommst aus den Wolken, deihein Weg ist so weit" über "Jingle bells, jingle bells, jingle all the way, oh what fun it is to ride in a one-horse open sleigh, hey…" bis hin zu "Es ist ein Ros entsprungen", das die Zeile enthält "Mitten im kalten Winter" gipfelt meine Prüfung kurz vor dem Schlagloch im puren Winteridyll: "Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See". Sie fallen alle gnadenlos durch. Hier herrscht Sommer! Beim Blick aus dem Fenster zweifelsfrei zu erkennen.
Die Landschaftsgestalter am Ende der Welt
Feuerland ist durchzogen von Zäunen. Weitläufige Ländereien, die zu einzelnen Estancias gehören, dienen der Schafzucht. Feuerland und seine Wollbarone werden gerne in einem Atemzug genannt. Aber dass man in den vierziger Jahren versucht hat, neben dem erfolgreichen Produkt der Schafswolle auch den Handel mit Pelzen groß aufzuziehen, das ist weitaus weniger bekannt, obwohl die Spuren dieses gescheiterten Experiments Feuerlands Landschaft bis heute zeichnen: Neben den steil aus der Ebene wachsenden Andenausläufern, vielfarbigen Torfmooren und intakten Wäldern stößt man immer wieder auf ganze Landstriche mit kahlen Bäumen, deren totes Holz silbern in der Sonne glänzt, abgenagte Baumstummel, die wie faule Zähne aus dem moorigen Grund hervorragen und geflutete Wälder.
Biber haben sich Feuerland untertan gemacht. Die Pelzzüchter entließen ihre zweimal fünfundzwanzig aus Kanada importierten Hoffnungsträger enttäuscht noch im ersten Zuchtsommer in die Freiheit und haben damit zwei Dummheiten auf einmal begangen: Erstens hätten sie mehr Geduld haben sollen mit ihren Zöglingen, denn auch die Dichte eines Biberfells nimmt im Winter zu, und zweitens wäre es klüger gewesen, sie hätten sich ein paar Gedanken zu den möglichen Folgen ihrer Auswilderung gemacht. In Ermangelung natürlicher Feinde ist die zunächst überschaubare Pelztiergemeinde in kürzester Zeit explodiert und bis heute auf circa 200000 Paare angewachsen. So putzig die kleinen Nager auch sind, und so imposant ihre Burgen, im Grunde ist die Invasion der Biber auf Feuerland eine ökologische Katastrophe.
Ihr Bau-, Fress- und Nageeifer ist nicht zu stoppen. Weder der Import von Füchsen noch eine zwischenzeitlich von der Regierung ausgesetzte Summe X für jeden erlegten Biber führten zum gewünschten Erfolg. Die Füchse fraßen statt der Biber andere, einheimische, Waldbewohner, und die Erfolge des Jagdaufrufs blieben aufgrund der Nachtaktivität der Biber, begünstigt durch die langen, finsteren Winter, ein Tropfen auf den heißen Stein. Feuerlands Biber leben, obgleich vogelfrei, im Paradies.
Vom Himmel hoch da komm ich her
Im Gegensatz zu den Bibern stehen die Andenkondore in Argentinien unter Schutz. Nachdem wir weitere Schlaglöcher und Unsicherheiten in der Wegfindung mangels fehlender Wegweiser erfolgreich gemeistert und schnaufend unseren Aussichtspunkt auf dem Gipfel erklommen haben, ist uns das Glück weiterhin hold: Die Audienz beim König der Anden wird uns gewährt. Wir hatten unsere Augen bereits eine Weile krampfhaft erfolglos an den Himmel geheftet, und als die Hoffnung schon wieder sinkt, taucht er plötzlich doch noch hoch über unseren Köpfen auf. Er zieht in Schwindel erregenden Höhen seine Kreise.
Kondore können bis zu 7000 Meter Flughöhe erreichen. Man munkelt übrigens, dass sie diese Fähigkeit nutzen, um ihrem Leben bei einsetzender Altersschwäche mit Kamikaze-Flügen ein Ende zu setzen. Sie lassen sich von den Aufwinden hoch und höher treiben, um sich dann vom höchstmöglichen Punkt senkrecht fallen zu lassen. Inwieweit diese Geschichte eher in das Reich der Sagen gehört und in der indianischen Verehrung der größten aller Vögel wurzelt, oder tatsächlich einen realen Hintergrund hat, weiß ich nicht.
Dieser Kondor jedenfalls fällt nicht vom Himmel, und ich bin ganz dankbar, dass es so ist. Der Himmel stülpt schützend sein Blau über ihn und verschluckt ihn auf Nimmerwiedersehen. "Oh Heiland reiß die Himmel auf, herab, herab." Oh nein, nein, bleib oben, großer Vogel. Mein heute extrem schräg gepoltes Hirn fängt wieder an Weihnachtsliedtexte zu durchforsten und in mögliche und unmögliche Zusammenhänge zu stellen. Was reimt sich auf "Süßer die Glocken nie klingen."? Genau, "Tut sich vom Himmel her schwingen, eilet hernieder zur Erd". Ich bin nicht in der Lage, diesen Blödsinn abzustellen. Ich fürchte, dass beim Reizwort "Himmel" und alles, was damit in Zusammenhang steht, die Liste extrem lang werden wird. Aber wir haben ja auch noch ein argentinisches Asado und viele Stunden Autofahrt vor uns. "Fröhöliche Weihnacht überall, tönt es durch die Lüfte froher Schall!"
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- Friederike von Bistram
- Alter
- 32
- Ort
- Hamburg
- Webseite
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Alle Reisen von Friederike von Bistram
Südamerika Rundreise
Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.




























