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Die Knochenjäger am Ende der Welt

20.12.2007 |

Ich habe nie darüber nachgedacht, aber beim Blick auf den Globus ist es ganz offensichtlich: Feuerland liegt südlicher als Neuseeland und Australien. Der Südzipfel der Insel und seine vorgelagerten Inselgrüppchen ragen völlig konkurrenzlos in den Ozean. Folge dieser solitären Stellung ist, dass alles, was in einem der Weltmeere sein Ende findet, das Potential hat, hier an Land gespült zu werden. Die Küste Feuerlands ist ein aufregender Ort für Sammler, wenn auch manches Fundstück sicherlich besser unentdeckt bliebe.

Wir stehen im Beinhaus des Museums Acatushún auf dem Gelände der Estancia Harberton. Die zwielichtige Beleuchtung bedarf eines kurzen Moments der Orientierung. Rechts neben dem Eingang reihen sich Reagenzgläser neben Wannen und Flaschen mit warnenden Etiketten. In der dunklen Ecke in Verlängerung dieses Laboratoriums geht es ein paar grobgehobelte hölzerne Stufen hoch, auf eine Art Podest im hinteren Bereich des Häuschens. Eine junge Dame in Blaumann, Gummistiefeln und Handschuhen geht voran und öffnet bedächtig den schweren Deckel einer zimmergroßen Kiste. Sie mustert der Reihe nach mich, meinen Bruder und meine Mutter mit einer Mischung aus Stolz und gespannter Erwartung. Wir beugen uns über den Abgrund. Ein ungeheuerlicher Gestank kriecht aus den Tiefen die Wände hinauf und schlägt uns entgegen. Hier lagern unzählige bisher noch nicht gesäuberte Fundstücke von Meeressäugern: seltene Delfinarten, Seelöwen und Walteile, Köpfe, Flossen, Körper. Für die Mitarbeiter des Museums Acatushún sind es wertvolle Schätze, die das Meer am Ende der Welt großzügig an Land gespuckt hat. Erst gestern, erzählt die junge Dame, waren sie wieder erfolgreich unterwegs auf einem Streifzug als "Bone-Hunter".

Draußen auf dem Kies am Wasser ruht von der vorletzten Jagd noch ein weiteres Prachtstück: Der Kopf eines riesigen Delfins mit ausgeprägtem Schnabel. Er liegt da wie eine veralgte gestrandete Boje, stinkt vor sich hin und wartet darauf, dass eifrige Hände ihm das gammelnde Fleisch vom Schädel kratzen und ihn besucherfreundlich für die Sammlung präparieren.

Der Sommer auf Harberton gehört den Knochenjägern. Studenten und Volontäre sammeln wissenschaftliche Praxiserfahrung und führen durch die Sammlung. Die 25jährige Arbeit der Knochenjäger misst sich heute in 4000 Fundstücken, hauptsächlich Vögel und Meeressäuger. Das Museum zeigt in einer blaugetünchten Unterwasserwelt eine übersichtliche Auswahl der Funde. Die Skelette werden durch lebensgroße Illustrationen komplettiert und hängen an durchsichtigen Fäden von der Decke. Sie schweben, schwimmen, und wirken mit ihren gewölbten Rückenwirbeln fast lebendig.

Der Kopf der Knochenjäger ist Natalie Goodall, Hausherrin auf Harberton. Reiselustig zog sie einst aus Ohio hinaus in die Welt. Das Buch "The uttermost part of the earth" von Lucas Bridges lotste sie bis nach Feuerland. Der Zufall wollte es, dass sie sich in den Großneffen des Autors und Besitzer von Harberton verliebte: Seit 1963 ist sie mit Thomas Goodall verheiratet und lebt samt ihrer Familie auf Feuerland. Es ist ein einsames Fleckchen Erde, aber die Abgeschiedenheit ließ die Früchte ihrer vielseitigen Interessen aufs Glänzendste reifen: Zu ihren Tätigkeitsfeldern gehören geschichtliche Forschungen zur indigenen Bevölkerung und den ersten Siedlern auf Feuerland, ein Herbarium und Illustrationen zur feuerländischen Pflanzenwelt und die bereits erwähnten Forschungen zu den Meeressäugern einschließlich der Gründung des Museums Acatushún. Außerdem war sie es, die die erste Karte dieses Endzipfels Erde anfertigte und herausgab. Und schrieb sie einen zweisprachigen Reiseführer, der zur Pflichtlektüre in Feuerlands Schulen avancierte. Kurzum, eine erstaunliche Frau!

Als wir nach einer leckeren Tasse Kaffees, begleitet von einem untertassengroßen Keks, aus dem der Estancia angegliederten Teehaus, das übrigens auch unter der Leitung der Hausherrin steht, wieder ins Freie treten, kommt sie uns strahlend und freundlich grüßend mit einem frisch gepflückten Sträußchen bunter Blumen entgegen. Eben noch saß sie warm in einen Anorak verpackt vor dem Beinhaus und überwachte die Freilegung eines neuen Knochenfundes durch eine Studentin. Schon da hatte mich ihre Ausstrahlung in ihren Bann gezogen. Sie ruht in sich, ist Teil dieses Ortes, wirkt zufrieden und ausgeglichen, und ihr silbergraues Haar, Indiz für ihr wahres Alter, kontrastiert mit ihren jugendlich leuchtenden Augen. Ihre Aura bebt vor Begeisterungsfähigkeit, die so ansteckend ist, dass man Lust bekommt, in einen Blaumann zu springen, um mitzujagen und an Knochen zu kratzen. Ich bin sicher, es fände sich eine Wäscheklammer für mein mimosenhaft rebellierendes Näschen. In meinem nächsten Leben werde ich Meeresbiologin am Ende der Welt!

Es gibt 2 Kommentare.
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  1. Hallo Friedi and all others who are in awe of her wonderful and descriptive writing.I am learning to appreciate her eye for images and her mind for wordly writing.
    It is an enormous pleasuer to learn from her Blog that she is keeping.
    Very proud of her multiple achievements.
    My congratulations on a superb job of reporting all aspects of travel.
    Looking forward to future "Berichte"
    Warm regards
    Robert

    sagte Robert Cuerden am 23.02.2008 um 17:01 Uhr #

  2. Hallo Friedi and all others who are in awe of her wonderful and descriptive writing.I am learning to appreciate her eye for images and her mind for wordly writing.
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    My congratulations on a superb job of reporting all aspects of travel.
    Looking forward to future "Berichte"
    Warm regards
    Robert

    sagte Robert Cuerden am 23.02.2008 um 17:43 Uhr #

Estancia Harberton. Landebahn der UplandgansEstancia Harberton. UplandgansfamilieEstancia Harberton. Am Beagle KanalEstancia Harberton. SturmfrisurEstancia Harberton. Pinguinkolonie auf der Isla MartilloEstancia Harberton. Pinguinkolonie. 1 und 2 und 3...Estancia Harberton. Pinguinkolonie. Vergebliches FlatternEstancia Harberton. Pinguinkolonie. Am Wasser wartendEstancia Harberton. Pinguinkolonie. Wer kommt denn da...Estancia Harberton. Pinguinkolonie. Fernweh auf FeuerlandEstancia Harberton. Pinguinkolonie. Synchronwatscheln
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Friederike von Bistram
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Hamburg
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Südamerika Rundreise

Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.