ArgentinienBolivienChileEcuadorPeruSüdamerika Rundreise

In den Straßen von Buenos Aires

31.08.2007 |

Bus Nummer 28 fährt mit einem lauten Knall an und lässt mich in einer schwarzen Wolke am Straßenrand stehen. Er schleppt ein pfeifendes Geräusch hinter sich her, Bus Nummer 33 folgt ihm prompt und klingt dabei auch nicht gesünder. Ein empörtes kleines Hupen verweist mich noch zwei Schritte weiter rückwärts auf den Gehsteig. Dabei halte ich schon einen gehörigen Sicherheitsabstand. Es braucht nicht lange, bis man in Buenos Aires begriffen hat, dass die Busfahrer zu allem bereit sind! Und dass man ihnen besser mit größter Vorsicht begegnet.

Ich bin zu Fuß gen Norden unterwegs, und momentan steht der Verkehr einschließlich der Fußgänger an der Kreuzung in Nordsüdrichtung still. Die Autos in Richtung Osten genießen eine ausgedehnte Grünphase. Buenos Aires ist in einem Schachbrettmuster angelegt, und fast alle Straßen sind Einbahnstraßen.

Momentan stehe ich stramm vor einer roten Fußgängerampel, und vor mir auf dem Asphalt breitet sich zusätzlich ein überdimensionaler, weißer Zebrastreifen aus. Dank der Luxusausstattung dieser Kreuzung ist das Überqueren der Straße an dieser Stelle einfach, und es steht allenfalls bei ausbleibendem Verkehr die Frage im Raum, die rote Ampel zu ignorieren und weiterzugehen. Es wäre unüblich stehen zu bleiben. Und noch oute ich mich immer wieder durch meine „Rotlähmung“ eindeutig als Ausländer.

Allerdings sind längst nicht alle Kreuzungen mit Fußgängerampeln ausgestattet. Die weitaus verbreitetere Variante ist: Der Kern einer Kreuzung ist von vier breiten Zebrastreifen umzingelt. Diese besagen allerdings nicht mehr, als dass man an diesen Stellen zu Fuß die Straße kreuzen könnte. Das heißt noch lange nicht, dass man sie kreuzen kann, wenn ein Auto kommt. Das hat zu hundert Prozent Vorfahrt! Oder nimmt sie sich. An diesen besagten Kreuzungen tut man gut daran, die Ampeln der motorisierten Verkehrsteilnehmer im Auge zu behalten und sie als Fußgänger für sich mitzubenutzen. Im Grunde funktioniert das nach Schema F, immer dann zu gehen, wenn der parallel orientierte Verkehr fließt, oder wenn der nicht vorhanden ist, zu prüfen ob die kreuzenden Autos eine Rotphase haben. Theoretisch sehr einfach und praktisch alles andere als das.

Ich bin bei absolut klarem Verstand, und ich schwöre, es ist verdammt ungewohnt, anstatt nach vorne zu schauen, den Kopf um neunzig Grad in Richtung Kreuzungsmittelpunkt zu drehen, um dann mit Alderaugen die benötigten Informationen auf der in vielen Fällen unendlich weit entfernten gegenüberliegenden Seite der Kreuzung zu suchen. Die Ampeln stehen hier generell nicht auf der gleichen Seite der Kreuzung wie die wartenden Autos. Bei den Autofahrern mindert das wahrscheinlich das Problem der akuten Nackenstarre, das ich manchmal verfluche, wenn ich in Deutschland in der Pole-Position auf Grün warte, aber für mich als Fußgänger und Brillenträger sind diese Entfernungen hier unübersichtlich.

Apropos, Entfernungen, die Dimensionen der Straßen in Buenos Aires sind nicht mit dem zu vergleichen, was ein deutscher Durchschnittsgroßstädter gewohnt ist. Die Avenida 9 de Julio führt den Reigen der gigantischen Verkehrsadern eindeutig an. Sie ist in ihrer Dimension schwer zu beschreiben, geschweige denn zu fotografieren. Gerne will ich Letzteres zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal versuchen, aber bisher ist es mir nicht wirklich überzeugend gelungen. Die Avenida 9 de Julio passt mit ihren achtzehn Spuren und um die 130 Meter Breite schlicht und ergreifend nicht in meine Kamera. Ich bin mit Superlativen lieber vorsichtig, aber zumindest die Portenos, die Einwohner der argentinischen Hauptstadt, behaupten, sie sei die breiteste Straße der Welt. Und ich bin glatt gewillt ihnen das zu glauben. Eine der breitesten ist sie ganz bestimmt.

Pause in der Totenstadt

Ich sehne mich nach ein paar Augenblicken Ruhe, und freue mich, dass ich mehr oder weniger zufällig nach meinem hakenschlagenden Fußmarsch von San Telmo bis zur Plaza Francia vor den Toren des Friedhofs in Recoleta lande. Friedhöfe versprechen Ruhe! Außerdem gehören Friedhöfe schon seit jeher in mein „Ich-lerne-ein-fremdes-Land-kennen-Repertoire“. Sie sagen eine Menge über ein Land und seine Kultur aus. Egal wo man ist, erzählen sie Geschichten über Menschen. Auf dem Cementerio de la Recoleta findet man mit Sicherheit nicht nur Geschichten über Menschen, sondern auch Geschichten über Macht und mörderische Intrigen. Hier liegt die Elite der Stadt begraben: Berühmte, Reiche, Politiker, Menschen mit Einfluss. Auch Evitas Grab muss irgendwo hinter diesen Mauern sein.

Ich spaziere aufs Geratewohl drauflos und staune nicht schlecht, als ich mich mit einer reichverzierten Steinwüste konfrontiert sehe. Hier bewohnen die Toten ganze Häuser. Zum Teil sind sie mehrstöckig. Durch die Fenster sieht man Särge, Fotos, Kerzen, unzählbare Kruzifixe und manchmal Treppchen, die ins Untergeschoss führen, wo vermutlich der Rest der verblichenen Familie zur Ruhe gebettet ist. Die Bebauung ist dicht, die Gassen sind schmal. Das Sonnenlicht wirft harte Schatten über den Dächern, um nur einen Meter tiefer in den schmalen Schluchten zwischen den Gräbern komplett vom Dunkel verschlungen zu werden. Tiefschwarzer Marmor kontrastiert mit hellem Stein. Auf den Dächern tummeln sich die Engelsscharen, musizierende, betende und fallende. Dieser Friedhof ist ein merkwürdig labyrinthischer Ort.

Evitas Grab begegnet mir nicht. Und auch sonst widme ich den wichtigen Persönlichkeiten wenig Aufmerksamkeit. Ich kam unvorbereitet, nur auf der Suche nach Ruhe. Die habe ich hier gefunden. Kurz vor Toresschluss werde ich mit dem Läuten des Nachtwächters und unter großem Miau der schnurrbärtigen Totenwächter wieder aus den Friedhofsmauern gekehrt.

Es gibt keine Kommentare.
Deine Meinung?

Fragen? Kommentare? Irgendwas...?

*


*

* muss sein, leider...
² sagen wir auch nich' weiter. Versprochen!

Cementerio de la Recoleta. Palmenverziertes Grab der Familie   Palmero.Cementerio de la Recoleta. Skulpturenlabyrinth.Cementerio de la Recoleta. In den schmalen Gassen zwischen den Totenhäusern.Cementerio de la Recoleta. Mäusejagd im Mausoleo.Cementerio de la Recoleta. Gräberwand.Cementerio de la Recoleta. Abendstimmung.
Userbild
Name
Friederike von Bistram
Alter
32
Ort
Hamburg
Webseite
---

Alle Reisen von Friederike von Bistram

Südamerika Rundreise

Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.