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Mit linken Händen

12.12.2007 |

Ich stehe staunend vor einer Wandmalerei vielfarbiger sich überlagernder Hände und habe den Eindruck, als fixierten mich Aberhunderte Augenpaare. Mir ist die Wesensverwandtschaft von Händen und Augen rational insofern klar, als dass sie uns beide die Möglichkeit geben, ohne Worte zu kommuniziere, aber dass Hände gucken können, hätte ich noch vor ein paar Minuten nicht für möglich gehalten.

Die Myriaden von Händen gehörten den Tehuelche, einem Volk von Jägern und Sammlern. Stilistisch von den Händen abweichende Darstellungen an der mehrere hundert Meter langen Felsfront zeigen detailreiche Jagdszenen, Zeichnungen von Guanakos und Menschen in Bewegung. Ihre Entstehung geht bis auf 7000 vor Christus zurück. Eine stilistisch dritte Gruppe von Felsmalereien stellt statischere Figuren und Tiere dar, ergänzt durch Ornamente wie Rechtecke, Punktreihen, Zickzacklinien, Spiralen und Kreise. Letztere sind vermutlich die jüngsten Zeichnungen, entstanden bis ungefähr 1000 vor Christus. Das Alter der Hände ist uneinheitlich. An den überlagerten Flächen wurde über die Zeit immer wieder weiter gearbeitet.

Würde es die Forscher nicht zu Recht unnötig verwirren, hätte ich schwer Lust, meine fünffingrige linke Pfote auch hier zu verewigen. Mich erinnert die Schablonier- und Sprühtechnik an erste künstlerische Erfolge im Kindergarten. Statt der ausgedienten Zahnbürsten haben die Tehuelche vermutlich allerdings ihren Mund als Sprühkopf benutzt. Meine Phantasie geht mit mir durch und malt sich ein gutgelauntes Völkchen aus, das an einem sonnigen Nachmittag eine teambildende Performance startet: Händespucken! Der Grundstein für die Tradition weiterer Händespuck-Nachmittage war damit gelegt. Als ich die Reihe von Ñandufüßen zwischen den Händen entdecke, bin ich mir sicher, ich liege gar nicht so falsch: Die Tehuelche müssen Humor gehabt haben!

Glück ist auch im Nirgendwo

"Kompressor" ist das Zauberwort. Es schleicht wie ein Gespenst von vorne nach hinten durch die Sitzreihen. Unser Bus hat hundert Kilometer vom letzten Dorf entfernt einmal laut gejapst, dann ist er verstummt und liegen geblieben. Hier ruht er seit Stunden. Er bebt ein wenig. Der Wind zerrt an seiner toten Hülle und schaukelt uns in Geduld. Vor uns liegt die Ruta 40, die sich von Norden nach Süden durch das westliche Hinterland Patagoniens zieht. Auf diesem Streckenabschnitt ist sie eine Schotterpiste, und über ihr weht ein Hauch von Abenteuerromantik. Das Abenteuer hat uns bereits eingeholt, und die Romantik? Darüber lässt sich streiten. Auf dem Gefühl blanker Einsamkeit könnte vielleicht so etwas wie ein Anflug von Romantik erwachsen. Wenn es einen Ort gibt, der meiner Vorstellung vom Nirgendwo entspricht, dann ist es diese argentinische graugrüne Steppe, in die man hineinfährt und das Gefühl hat, sie nimmt kein Ende. Die Landschaft gleicht sich über Stunden wie ein Ei dem anderen: Unendliche Weite, in der sich das Auge verliert. Kein Baum, kein Berg, kein Mensch. Nichts! Und hier sind wir gestrandet.

Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten, uns aus dieser misslichen Lage zu befreien. Die erste lautet "Ersatzbus", die zweite "Reparatur". Für beide fehlt es an Grundlegendem. Für erstere bräuchten wir ein Telefon. Mobiltelefone sind hier nutzlos. An der Straßenkreuzung, von der wir vor einigen Stunden losgefahren sind, und die übermütig von sich behauptet ein Dorf zu sein, gibt es eines. Dort beherbergt ein Hotel das einzige Telefon im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Vor den Toren des Hotels gibt es übrigens eine Tankstelle, die kein Benzin mehr führt. Auf überproportionale Weise bestätigt dieses kleine Detail meine Definition vom Nirgendwo. Außergewöhnlich erscheint mir dagegen die Idee vom Nirgendwo mit dem Irgendwo in Verbindung treten zu können. Das Telefon soll funktionstüchtig sein. Wir warten auf Gegenverkehr. Allein 8-13 Stunden Fahrtzeit würde ein Ersatzbus benötigen, bis er hier sein könnte, sollten wir irgendwann in die glückliche Lage kommen, unseren Hilferuf an den Mann zu bringen. Und die Reparatur? Wir haben ein zylindrisches Hülsenstück verloren, soviel wissen wir inzwischen. Aber es fehlt am passenden Ersatzteil. Unsere Zukunft steht also im Augenblick in den Sternen. Erfreulicherweise herrscht unter den Reisenden eine angespannte aber durchweg gefasste Ruhe. Nur die Schultern unserer beiden Busfahrer sacken unter der Last der Verantwortung jede Minute sichtlich tiefer.

Nach einer Weile reglosen Wartens erfüllt geschäftiges Kramen den Bus mit neuem Leben. Wir stellen unsere Tagesrucksäcke minutiös auf den Kopf, in der Hoffnung irgendetwas zu finden, was als Ersatz für das auf der Strecke gebliebene Hülsenteil dienen könnte. Die Idee eine Zeltstange zu zerlegen, wird zwar zunächst begeistert bejubelt, aber genauso schnell wieder ad acta gelegt, denn alle mitreisenden Zelte sind in den Gepäckfächern im Busbauch verstaut. Und da sind sie sicher, denn auch die Türen sind kompressorabhängig und bei gesunkenen Druckverhältnissen fest verschlossen. Wir sind wohl oder übel auf den Inhalt unserer Tagesrucksäcke zurückgeworfen. Halb so wild, denn diese verhalten sich wie man es gemeinhin von Damenhandtäschchen erwartet: Ihr Inhalt ist bei genauerer Betrachtung erstaunlich und selbst für ihre Besitzer zum Teil verblüffend. Es finden sich Schätze wie Hülsen, Drahtseile, Haken und so weiter. Wir legen das Häufchen potentieller Ersatzteile erwartungsvoll vor unserem Busfahrerduo ab. Auf diese Weise sanft unter Druck gesetzt und unter aufmunternder Zusprache machen sich die beiden ans Werk. Und siehe da, es sieht so aus, als hätten wir den Zipfel einer Glückssträhne zu fassen bekommen:

Erstens springt der Bus an und erwärmt unsere Herzen mit seinem tiefen Brummen. Es hält nicht lange an, das Aluteil war zu weich, aber theoretisch funktioniert es. Wir sind ermutigt und suchen nach Alternativen.

Zweitens kommt uns wenig später ein geländegängiges Fahrzeug entgegen und bietet an ein paar Leute mitzunehmen. Nur schleppend findet sich ein Grüppchen, denn der diffuse Gedanke liegt in der Luft letztendlich im Nirgendwo hundert Kilometer von hier vergessen zu werden. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Ich wäge ab und fahre mit, schnurstracks in Richtung Telefon.

Drittens lässt sich der knöcherne Besitzer des Hotels und Telefons erweichen, seine Pforten nicht wie zunächst angekündigt um 20 Uhr zu schließen und uns vor die Tür zu setzen, sondern uns stattdessen ein Abendbrot mit mehreren Gängen zu servieren.

Zu Letzterem kommt es nicht mehr, denn als vierte Perle auf unserer Glückssträhne taucht unser Bus unerwartet am Horizont auf. Die Busfahrer haben es tatsächlich geschafft ihn notdürftig zu reparieren und im Stop-and-Go-Verfahren hierher zu manövrieren.

Fünftens findet sich ein Mechaniker, der hält, was er verspricht. Er überarbeitet unseren Bus erfolgreich. Um 22 Uhr wird erneut zum Aufbruch geblasen. Wir verlassen die Straßenkreuzung, die übermütig von sich behauptet ein Dorf zu sein, mit einem Hotel, das das einzige Telefon im Umkreis von mehreren hundert Kilometern beherbergt, und vor dessen Toren eine Tankstelle steht, die kein Benzin mehr führt, zum zweiten Mal, ganze 8 Stunden nach unserem ersten Exodus.

Es läuft wie am Schnürchen, denn um 4 Uhr morgens treffen wir als sechste Perle unserer Glückskette mitten im nachtschwarzen Nichts auf unseren Ersatzbus. Letztendlich steigen wir nicht in diesen flotteren Bus um, denn man darf sein Glück nicht mit Füßen treten. Dieser Bus hat nicht mehr genug Benzin, um nach einem U-Turn in die Richtung zurückzufahren, aus der er gerade gekommen ist. Er muss jetzt erst einmal nach… Wohin wohl? Ja, genau, an die Straßenkreuzung, die übermütig von sich behauptet ein Dorf zu sein, mit einem Hotel, das das einzige Telefon im Umkreis von mehreren hundert Kilometern beherbergt, und vor dessen Toren eine Tankstelle steht, die kein Benzin mehr führt…

? Ups! Aber das soll nicht mehr unser Problem sein. Unsere magische Zahl heute ist die sieben: Die Glückssträhne gipfelt unter siebtens um sieben Uhr morgens in unserer Ankunft in El Chaltén.

Als ich aus dem Bus klettere, verabschieden sich von mir zwei kreidebleiche Busfahrer und bedanken sich für Gelassenheit und Geduld. Ich danke ihnen und dem Himmel, denn die beiden sind nicht mehr sie selbst und offensichtlich völlig übermüdet. Am Abend vor unserer Abreise hatte ich sie in Los Antiguos bei bester Feierabendlaune kennen gelernt. Sie übernachteten im gleichen Hostel wie ich. Über dem Abendessen waren wir fröhlich ins Plaudern geraten. Dazu sind sie im Augenblick nicht mehr fähig. Ich auch nicht.

Wo war doch gleich mein Bett? Alberto öffnet die Tür und sagt: "Erster Stock, grünes Zimmer, such dir eines aus." Es ist bunt, warm, weich und riecht nach Waschmittel. Ich sinke in den siebten Himmel. Das ist ganz großes Glück!

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² sagen wir auch nich' weiter. Versprochen!

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Friederike von Bistram
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Alle Reisen von Friederike von Bistram

Südamerika Rundreise

Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.