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Im versteinerten Wald

09.12.2007 |

Als ich den ersten Berg umrundet habe, packt mich eine Böe und versetzt mich fünf Meter zurück. Ich bin so erstaunt über die Wucht des Windes, dass der nächste Windstoß leichtes Spiel hat. Er ohrfeigt mich und beutelt mich zur Seite. Ich fange mich auf, versuche breitbeiniger zu gehen und erst einmal zu stehen. Rodolfo dreht sich besorgt nach mir um und fragt: "Ist das deine erste Begegnung mit patagonischem Wind?" Ich nicke entschuldigend. Sprechen kann ich mir sparen, die Worte würden mir im Nullkommanix entrissen und erst 5 Kilometer hinter mir wieder abgesetzt werden. Rodolfo grinst, nickt mir dann aber aufmunternd zu. Tapfer stemme ich mich gegen die Naturgewalt und stapfe im Seemannsgang vorwärts.

Hinter der nächsten Kurve lässt der Wind etwas nach, und es öffnet sich eine karge hellgraue Ebene, die von ausgewaschenen bunten Bergen wie von Sitzrängen eines riesigen Amphitheaters halb umrundet ist. Wir stehen auf der Bühne und inmitten des versteinerten Waldes. Um uns herum verteilt liegen Baumstämme und Stümpfe. Der Boden ist zum Teil mit losen Spänen bedeckt, als hätte jemand erst vor kurzem Holz gehackt. Rodolfo drückt mir einen Span in die Hand, greift nach einem zweiten und klopft damit auf dem nächstgelegenen Stamm herum. Der Klang ist hell, hart, fast metallisch. Was aussieht wie Holz ist hundertprozentiger Stein!

Ich bin mit dem Wissen hierher gefahren, dass ich auf versteinertes Holz stoßen würde. Aber was ich nicht erwartet hatte, ist, dass es auch in der Farbe eine so täuschend echte "Kopie" des Holzoriginals sein würde. Ich bin wirklich baff, klopfe und lausche, erkunde die Gucklöcher der hohlen Stämme mit der Kamera, messe meine Fingernägel mit der steinharten Oberfläche, staune über die mit der Holzstruktur kontrastierende Kühle des Materials und streiche fasziniert mit den Händen über seine feinen Jahresringe, konserviert bis in alle Ewigkeit.

Anstatt zu verrotten kann Holz versteinern, wenn eine Menge glücklicher Zufälle zusammen kommen. Der versteinerte Wald von Sarmiento ist nicht vor Ort gewachsen und umgefallen. Er ist vor rund 65 Millionen Jahren durch Flüsse in dieses Tal geschwemmt worden. Im Wasser mit Sediment bedeckt, wurden Sauerstoff und Mikroorganismen ausgeschlossen, die Zersetzung gestoppt. Das Glück wollte es, dass Kieselsäure vorhanden war, die in das Holz eindrang und unter entsprechenden Druck- und Temperaturbedingungen zu Quarz kristallisierte. Die holzähnliche Farbpalette kam während des Versteinerungsprozesses mehr oder weniger zufällig unter dem Einfluss von Eisenoxiden zustande.

Klingt unglaublich? Ist es auch. Dieser Wald ist "Wow"! Ich streiche ein letztes Mal über die versteinerte feine Holzstruktur und mache mich dann wieder zum Spielball des Windes. Er bläst mich wie von Zauberhand zum Auto zurück.

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Südamerika Rundreise

Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.