ArgentinienBolivienChileEcuadorPeruSüdamerika Rundreise

Kurz nach 12

01.12.2007 |

Der Saal bebt, die Chacarera lebt! Mit seitlich weit erhobenen Armen wirbeln die Tänzer umeinander herum, die raumgreifenden Platzwechsel alternieren mit kleinen Drehungen quasi auf der Stelle und werden durch ein Aufeinanderzugehen und einem sich anschließenden Auseinanderdriften ergänzt. Nähe und Distanz wechseln sich ab. Die Chacarera ist ein Paartanz, aber Mann und Frau berühren sich nicht. Jeder tanzt für sich und doch mit dem anderen, im steten Augenkontakt, sich gegenseitig zugewandt, und wie sagt meine Tanzlehrerin Eugenia immer, stets mit einem offenen Lachen im Gesicht! Letzteres fällt mir nicht schwer. Ich tanze gerade in die ersten Stunden meines neuen Lebensjahrs und könnte fliegen.

Meine Tanzklasse hat mich anlässlich meines Geburtstags auf eine Peña begleitet, einen Tanzabend mit Livemusik, und wir erproben unsere neu erlernten Kenntnisse argentinischer Folklore. Ganz anders als im Tango sind Chacarera, Gato und Carnevalito ausgelassene Tänze, mit Hüpfen, Klatschen und Stampfen. Die Elemente wiederholen sich ständig, und gibt es Teile, die frei improvisiert werden können. Mich beeindruckt der ?Zapateo? der Männer in der Chacarera, eine Art Stepptanzpassage, die darauf ausgelegt ist, der Tanzpartnerin zu imponieren. Zum Teil schlagen die Tänzer wie Hengste mit ihren Hufen, geben ihre Bestes, aber ihre Partnerin lassen sie dabei nie aus den Augen. Diese kommentiert die Bemühungen ihres Gegenübers mit weichen Bewegungen, imitiert die fließenden Bewegungen eines weiten Rocks. Trägt sie keinen, kommen Arme und Hände raumgreifend ins Spiel. In einer freien Folge von Drehungen präsentiert sie sich ihrem immer noch wild ausschlagenden Tänzer von ihrer besten Seite. Nach jeder Drehung fängt sich das Paar mit den Augen auf. Im Anschluss an dieses improvisierte Intermezzo folgt erneut der klar strukturierte Teil mit festgelegten Tanzschritten der Folge von Platzwechseln, Drehungen und Aufeinanderzugehen. Die Arme sinken nie unter 90 Grad, sie streben dem Himmel entgegen. In Augenhöhe klatschend geht es in eine neue Runde: Nach vorne, nach hinten, nach vorne, nach hinten, einmal rundherum, wo sind die Augen, einmal quer durch den Raum. Kastaniettenartig schnipsen die Finger dazu im Takt. Die Chacarera ist rhythmisch betrachtet ein irres Gebilde. Es schlagen quasi zwei Herzen in ihrer Brust. Der Basis-Rhythmus gibt einen ¾-Takt vor, die Melodie legt sich in 6/8eln darüber, und das einleitende Klatschen erinnert an trappelnde Hufe.

Bei der sich anschließenden argentinischen Samba muss ich passen. Diese Samba hat nichts mit der brasilianischen Samba zu tun, vielmehr ähnelt sie einem menuettartigen Schreittanz, bei dem beide Partner mit Taschentüchlein Achten in die Luft malen oder sich gegenseitig liebkosend einfangen. Es ist ein komplizierter Tanz, allein durch die Koordination der taschentücherzwirbelnden Hände und der schreitschrittstolpernden Füße. Es macht Spaß zuzusehen.

Die musikalische Ruhe der Samba versinkt schlagartig in schwarzer Nacht. Irgendjemand hat den Lichtschalter ausgeknipst. Ein Tusch hebt an, und, oh weh, nach drei Tönen ahne ich, was da kommt, das kleine Orchester setzt zu einem ?Happy Birthday? an. Durch die Finsternis schwebt eine Torte mit Tischfeuerwerk auf mich zu. Ich bin dankbar um die meine Röte kaschierende Dunkelheit und freue mich trotzdem sehr, denn hier singt mir ein ganzer Saal wildfremder Menschen mein diesjähriges Geburtstagsständchen. Ich vernehme ein laut und deutliches ?Fede? im Text und finde, es ist gar nicht schlecht einmal in der Fremde Geburtstag zu feiern. Feliz Cumpleaños!

Kurz vor zwölf

Meine Schritte sind noch sehr unsicher auf dem Tangoparkett. Ich versuche der Führung zu vertrauen und gebe meinen Füßen den Befehl nur tastend zu tanzen. Verbot eigenmächtiger Aktionen! Mein Tänzer, einer der Initiatoren der Open-Air Milonga, verlagert sein Gewicht deutlich von einem zum anderen Bein, bevor er den Basisschritt einleitet: Eins, zwei, drei, er zögert minimal, schleicht elegant in die vier, fünf gekreuzt, pausiert. Sechs, rechts zurück, und sieben, acht, von vorn. Die Musik wechselt das Tempo, versinkt in einem dramatischen Moment leidenschaftlichen Schmerzes. Wir verlangsamen unser Tempo bis zum Halten ? und halten die Spannung. Ich warte auf das musikalische Indiz und den Impuls, um die angefangene Folge zu vervollständigen. Auf fünf das Kreuz, aha, und schon führt er mich in die nächste Cruzada, löst sie auf, und schiebt mich in eine Reihe rückwärts getanzter Ochos. Ich male, so schön ich kann, tanzend saubere Achten auf die Plaza. Prompt stoppt er mich, ich halte inne, die Musik holt tief Luft, und erst nach dieser mir endlos erscheinenden Atempause darf ich über sein mir in den Weg gestelltes Bein steigen, um mit einem extravaganten Schlenker über seine rechte Seite wieder frontal vor ihm zu landen. Ich kippe nach vorne, lasse es geschehen ? Pause ? ich höre sein Schnaufen, von jetzt an geht es rückwärts weiter. Wieder vorwärts führt er mich in eine Drehung auf einem Bein, spaziert um mich herum, ist mir Antrieb zum Karussell. Eine Runde reicht, ich lande, sein Bein ist im Weg. Keine eigenmächtigen Entscheidungen! Das Tempo der Musik wechselt erneut. Er spürt mein Zucken, bremst mich, pausiert, und gibt dann großzügig den Weg frei. Mein rechter Fuß zieht sich an meinem linken Unterschenkel nach oben und steigt von oben erneut an meines Tänzers rechte Seite. Hilfe, ich schwitze Blut und Wasser!

Tango Argentino, so mutmaße ich, ist einer der schwierigsten Tänze, denen man sich stellen kann. Mich fasziniert er, aber ich bin mir noch nicht so sicher, ob ich für diesen Tanz wie gemacht bin. Ich hatte bisher nur ein ganz kleines bisschen Tanzunterricht in einer hinsichtlich des Niveaus sehr durchmischten Gruppe. Dieses kleine bisschen Tangounterricht jedenfalls lässt mich auf der Tanzfläche mit zwei linken Füßen und schweißgebadet zurück.

Tango Argentino ist ein Improvisationstanz, genau genommen gibt es noch nicht einmal einen Grundschritt. Der Basisschritt, ?Base? genannt, ist ein Hilfsprodukt, um die Grundzüge des Tanzes besser vermitteln zu können. Aber je nachdem mit wem man tanzt, findet man diese Schrittfolge so gut wie nicht wieder. Sie neigt zur Auflösung. Klar gibt es einzelne Elemente, die man lernen kann, man eignet sich eine Art elementaren Bausatz an, aber die Zusammensetzung der Elemente ist völlig frei dem führenden Tänzer überlassen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Musik in Tempi und Charakter extrem wechseln kann. Ein guter Tänzer illustriert die Musik und geht in der Wahl der Elemente und des Tempos auf sie ein. Normalerweise folgt auf jeden Taktschlag ein Schritt, aber Pausen können jederzeit eingelegt werden, und auch die Verdopplung des Schritttempos ist möglich. Meine bisherige Erfahrung zeigt, dass es schon in der Base, angenommen sie wird getanzt, unglaubliche Betonungsverschiebungen gibt. Der eine tanzt sie fließend, der nächste hält mittendrin für einen Bruchteil eines Moments inne, es entsteht ein kleiner Haken in der Bewegung, der dritte hält konsequent einfach an. Und manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich selbst gerne über die Frage ob Fluss oder Haken, den ich vielleicht gerne an anderer Stelle gesetzt hätte, oder im Extremfall sogar eine Pause, bestimmen würde.

Die Glocken der Kathedrale an der diagonal gegenüberliegenden Seite der Plaza schlagen halb zwei. Ich bin auf der Pena in meinen Geburtstag hineingetanzt und auf der Milonga mit Tango wieder herausgetanzt. Was für ein guter, beschwingter Start! Ich halte Tanzen generell für eine der schönsten und besten Fortbewegungsarten durch das Leben. Ich sollte einfach unbeirrt weitertanzen. Gleich auf dem Heimweg durch die leere Fußgängerzone fange ich damit an: Die fünf ins Kreuz, dann sechs, sieben, acht, caminar, caminar, caminar…

Aber mir folgt trotz der beschwingten Leichtigkeit des Tages auf Schritt und Tritt eine Tristesse, die ich nicht abzuschütteln weiß. Es sind die paar Tropfen Abschiedsschmerzes, die meinem süßen Glückscocktail einen dezent bitteren Beigeschmack verleihen. Morgen werde ich in eine neue Reisephase starten und Córdoba nach fast vier Wochen wieder verlassen. Bei aller Vorfreude weiter zu ziehen, verspüre ich auch ein bisschen Trauer beim Gedanken daran. Ich habe viele Leute kennen gelernt, mein Spanisch verbessert, habe das studentische Nachtleben genossen und in der Tat ein paar Wurzeln geschlagen. Hier war ich nicht Tourist, hier habe ich gelebt. Über mein Hostel, den Spanischkurs, das Tanzen und das ?Der kennt den und die kennt jenen Prinzip? war ich plötzlich sehr unvermutet Teil eines sozialen Netzwerks mit all seinen Höhen und Tiefen. Mir bot sich großes, dramatisches, menschliches Theater, gesalzen mit ein paar Tränen, gewürzt mit argentinischem Tratsch und bestimmt durch den Verlust mancher Freiheit, aber vergoldet durch menschliche Wärme und das Gefühl aufgehoben zu sein und gemocht und vermisst zu werden. Als Vagabundin lernt man das zu schätzen.

Ich bin froh, dass ich die offiziell notwendigen Verabschiedungszeremonien bereits heute hinter mich gebracht habe. So werde ich mir früh morgens meinen Rucksack auf den Rücken schnallen, mich davonschleichen und ganz leise ein ?Ciao Córdoba? flüstern. Ich rede mir ein, ich komme wieder.

Es gibt keine Kommentare.
Deine Meinung?

Fragen? Kommentare? Irgendwas...?

*


*

* muss sein, leider...
² sagen wir auch nich' weiter. Versprochen!

Zweiunddreißig. Punkt zwölf, kurz vor Beginn der Pena, Kuchen Nummer   1Chacarera. Tanzunterricht mit TemperamentChacarera. Tanz mit den GeisternChacarera. Folklore mit FridaTango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 1Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 2Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 3Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 4Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 5Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 6Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 7Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 8Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 9Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 10Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 11Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 12Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 13Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 14Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 15Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 16Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 17Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 18Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 19Tango. Milonga auf der Plaza San Martin in Córdoba 20
Userbild
Name
Friederike von Bistram
Alter
32
Ort
Hamburg
Webseite
---

Alle Reisen von Friederike von Bistram

Südamerika Rundreise

Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.