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Mann mit Hut

25.11.2007 |

Ich kauere seit einigen Minuten vor einem Blümchen mit Blick auf die Cordobesischen Sierren und dem Ziel, die Abendstimmung rund um dieses hübsche Detail zu fotografieren. Ich bastele gerade konzentriert am Blickwinkel und dem Einsatz meines Blitzlichts, als mir jemand von hinten auf die Schulter tippt: ?Hallo, wie geht`s?? Erstaunt schraube ich mich in dieser gebückten Haltung um die eigene Achse und schaue nach oben: Über mir steht ein Kerl mit Hemd und Hut, unter dem mir zwei lebendige schwarze Augen entgegenfunkeln. Ich bin überrascht, brauche einen Moment, um die Sprache und vor allem spanische Worte wiederzufinden. Meine unspektakulär knappe Antwort löst bei meinem Gegenüber nichtsdestotrotz einen unvermuteten Redeschwall aus. Anstatt mich auf den Inhalt seiner Worte zu konzentrieren, analysiere ich vergeblich den Akzent, den sein fließendes Spanisch auszeichnet. Als hätte er meine Gedanken erraten, fragt er mich: ?Wo kommst du her?? Ich antworte wahrheitsgemäß: ?Aus Deutschland.? Eigentlich erwarte ich jetzt die Frage nach meinem Namen, aber die kommt nicht. Stattdessen streckt er mir offensiv die Hand entgegen, die ich ergreife, zum einen zum Gruß, zum anderen, um das Angebot zu nutzen, mich aus dieser verzwirbelten Haltung zu befreien. Er packt zu und stellt sich mir mit folgenden Worten vor: ?Ich heiße David, Iakoob David Rosenberg. Ich bin Jude.? Er schweigt, das ist neu, und blitzt mich erwartungsvoll unter dem Rand seines Hutes an. Was zum Kuckuck bezweckt dieser Vogel mit diesem Auftritt und seiner fast aggressiven Klarstellung unserer eigentlich noch gar nicht existierenden Beziehung zueinander? Oder leide ich spontan unter einer unsinnigerweise durch Erbschuld verursachten deutschen Vorsicht?

Ich bin auf dieser und auch anderen Reisen schon so vielen Israelis begegnet, das war bisher nie ein Problem. Erst vorgestern hatte ich ein äußerst spannendes Gespräch mit einem jungen Mann aus Israel. Während sein Freund ausschlief, verquatschten wir uns beim Frühstück, plauderten wortwörtlich über Gott und die Welt. Nachdem wir uns warmgelaufen hatten, stellte er mir die ungewöhnliche Frage ?Glaubst du an Gott??. Er selbst bezeichnete sich als einen den Traditionen treuen Atheisten, will heißen, er wisse um die Notwendigkeit des Verständnisses seiner Religion als Basis zum Verständnis seiner Kultur und seines Landes. Aber Gott lehne er ab. Dieses Gespräch war ein echtes Highlight nach den vielen reisetypischen Smalltalks und Minutenbekanntschaften. Tiefgreifender kann ein Gespräch kaum werden.

Aber hier steht Iakoob David Rosenberg vor mir und mustert mich erwartungsvoll. Ich bin wirklich überfragt, was er von mir will und forsche in seinen Augen nach der Antwort. Mein Erstaunen spiegelt sich darin, eine Antwort ist in diesen grundlosen schwarzen Seen nicht in Sicht: ?Ich bin Federica oder Friederike, wie du magst.? Der herausfordernde Blick weicht einem Schmunzeln, und seine Sprechpause findet schlagartig ein Ende.

David hat Sprechdurchfall. Er quasselt und quasselt und flicht dabei Wortfetzen aller Herren Länder ein. Dieses Sprachpotpourri setzt mein Hörverständnis komplett außer Kraft. Außerdem spricht er wahnsinnig schnell. Ich bitte ihn, auch wenn ich es nett fände, dass er mir mit der Handvoll eingeflochtener deutscher Worte eine Heimat bieten wolle, doch lieber einfach nur Spanisch zu sprechen. Das verstünde ich, auch wenn mein Sprachniveau das nicht unbedingt vermuten lassen, pur deutlich besser. Er stutzt, wirft mir einen amüsierten Blick von der Seite zu und fährt fort. Inzwischen wissen wir voneinander, dass wir beide zum Busbahnhof wollen, darum bewegen wir uns im Gehen redend die Straße hinunter. Er möchte vorher noch ein Eis essen und kurz nach Hause, ob ich mitkäme. Da er keine Pause für ein ?Nein? vorgesehen hat, komme ich mit.

David lebt seit vielen Jahren in Argentinien. Er hat ein Haus, das er mit einer Handvoll Mitbewohnern teilt. Die Zimmer gehen alle von einem Hinterhof ab, in dem sich der Putz in großen Platten von den Wänden schält. Er wohnt ganz hinten oben. Seine zwei Zimmer teilt er mit seinem Hund, einigen Fotografien seiner verstorbenen Familie, ein paar selbstgegerbten Fellen und einem Bolivienreiseführer. Aus einem der Kartons in einer Ecke des Zimmers zieht er einen Stapel Fotos seiner letzten Bolivienreise hervor. Er weiß, dass ich nach einem Abstecher nach Patagonien über Bolivien weiter nach Norden reisen möchte.

Die Zeit über seinen Reiseberichten und Fotos vergeht wie im Flug, doch plötzlich springt er auf und funkelt mich wieder herausfordernd an: ?Kannst du tanzen? Tango meine ich?? ?Ein ganz kleines bisschen, ja.? Und da steht er auch schon in Tanzhaltung vor mir. Er habe Unterricht genommen in Buenos Aires, sagt er, greift nach seinem Hut, den er zwischenzeitlich abgesetzt hatte und stimmt summend einen Tango an. Er tanzt gut. Allein die Begrenzung der Tanzfläche durch seine auf dem Boden liegende Matratze auf der einen Seite, die Kartonsammlung am Rande und ein klapperiges Sideboard an der Wand, schränken unsere Bewegungsfreiheit etwas ein. Als sein Summen versiegt, schließt sich auch schon die nächste Frage an: ?Kannst du mir einen deutschen Tanz beibringen?? Einen Tanz explizit deutschen Ursprungs kenne ich nicht. Aber wir einigen uns auf einen Walzer. Ich muss mir eingestehen, dass ich keine wirklich begnadete Tanzlehrerin bin.

Als mein Blick mehr zufällig auf meine Uhr fällt, bekomme ich einen üblen Schreck. Das dürfte langsam kritisch werden noch heute Nacht nach Córdoba Capital zurück zu fahren. David beruhigt mich, er ist entschieden anderer Meinung. Aber wir packen unsere Sachen, um endlich zum Busbahnhof aufzubrechen. Auf dem Weg dorthin grüßt er Hinz und Kunz, lüftet ab und an dezent seinen Hut. Er ist bekannt wie ein bunter Hund. Mich erstaunt das nicht.

Als ich mich endgültig von David verabschiede, präsentiert er mir folgende Idee: Sollte ich noch einmal auf dem Weg nach Norden an Córdoba vorbeikommen, treffen wir uns für eine Wanderung zu den nahe gelegenen Wasserfällen, werden Kaninchen fangen und grillen und auf dem Monte Uritorco bei Capilla del Monte gemeinsam nach Ufos Ausschau halten. Ich finde, das ist ein würdiger Plan für unsere skurrile Begegnung in den Sierren Córbobas an einem Sonntagabend und stimme zu. Wie aus dem Nichts feuert er eine letzte Frage auf mich ab: ?Glaubst du an Gott?? Meine Gegenfrage beantwortet er mit einem für ihn erstaunlich einsilbigen ?Ja? und drückt mir lachend seine E-Mail-Adresse in die Hand.

Ich steige in den Bus, winke und verbringe fast zwei Stunden stehend. Es war und ist der letzte.

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  1. Hallo Friederike,

    Jörg hat mir heute endlich Deine Web-Adresse gemailt und ich sitze jetzt schon länger und lese Deine Berichte ... Du schreibst echt gut ... man fühlt sich fast als wäre man dabei gewesen .. nur leider bricht es an dieser Stelle ab ... schade. Jörg hat gestern Fotos beim Tanzen geschossen und sie Dir wohl schon gemailt ... es ist alles beim Alten ... ich bin nach zwei Monaten Abwesenheit letzten Freitag wieder dazu gestoßen und habe alle wieder erkannt! ... es gibt nur eine Neuigkeit ... Michael lehrt jetzt auch den Tango Argentino ... aber den kannst Du dann bestimmt, wenn Du wieder nach Hause kommst ... also, viel Spaß weiterhin .. ich hoffe, auf weitere Berichte und genieß die Ferne .. hier in HH ist es kalt, ungemütlich, naß und stürmisch .. richtiges Schmuddelwetter. Liebe Grüße, Meike

    sagte Meike am 26.01.2008 um 17:11 Uhr #

Fragen? Kommentare? Irgendwas...?

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* muss sein, leider...
² sagen wir auch nich' weiter. Versprochen!

In den Sierren Cordobas. Parque Nacional Quebrada del Condorito.   Lehrmeister in der Kondorenflugschule in BewegungIn den Sierren Cordobas. Parque Nacional Quebrada del Condorito.   Grasbüschel wie SilberhaarIn den Sierren Cordobas. Villa General Belgrano. Deutscher Nippes in   einem Ort mit eigenem OktoberfestIn den Sierren Cordobas. La Cumbrecita. Ein autofreies Bergdorf im   Valle CalamuchitaIn den Sierren Cordobas. La Cumbrecita. Flusslauf vor dem   ForellenteichIn den Sierren Cordobas. La Cumbrecita. Steg kurz vor dem   ForellenteichIn den Sierren Cordobas. La Cumbrecita. FingerhutIn den Sierren Cordobas. La Cumbrecita. Ginstergesäumter PfadIn den Sierren Cordobas. La Cumbrecita. GelbesIn den Sierren Cordobas. La Cumbrecita. MulticolorIn den Sierren Cordobas. La Cumbrecita. ZahnlückenIn den Sierren Cordobas. La Cumbrecita. Blumen wie SpiegeleierIn den Sierren Cordobas. La Cumbrecita. Begrüntes Pfützchen kurz vor   der ForellenteichIn den Sierren Cordobas. La Cumbrecita. WalderdbeereIn den Sierren Cordobas. Alta Gracia. Rote rottige VillaIn den Sierren Cordobas. Alta Gracia. Hochherrschaftlicher Eingang zu   einer VillaIn den Sierren Cordobas. Alta Gracia. Che Guevara Museum in dessen   Elternhaus. Löwenfüßchen an FliesenblümchenIn den Sierren Cordobas. La Cumbre. Cristo Redentor über der StadtIn den Sierren Cordobas. La Cumbre. Cristo RedentorIn den Sierren Cordobas. La Cumbre. HimmelsrittIn den Sierren Cordobas. La Falda. Abendstimmung über der Sierra. Und   da tippte mir jemand auf die Schulter...
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Name
Friederike von Bistram
Alter
32
Ort
Hamburg
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Alle Reisen von Friederike von Bistram

Südamerika Rundreise

Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.