ArgentinienBolivienChileEcuadorPeruSüdamerika Rundreise

Ins Paradies des Obelix mit Idefix

02.11.2007 |

Gestern stieg das Thermometer bis knapp an die 40-Grad-Grenze. Die Sonne brannte brütend. Aber heute überdachen weiße Wolken das Tal. An einigen Stellen blitzen die Bergstümpfe etwas weiter aus dem dichten Nebelkleid hervor: Es hat geschneit, man sieht es ganz deutlich! Bis Hüfthöhe ungefähr sind die Berge zart gepudert. Statt auf dem Rücken eines Pferdes das Gebirge rund um Tafí del Valle zu erkunden, muss ich nun selbst meine Füße in die Hand nehmen und auf die Berge klettern. Mein geplanter Reitausflug wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Die witterungsbedingte Planänderung lautet: Wanderung durch die Berge nach El Mollar zum Parque de los Menhires. Dort wurden über hundert im Tal gefundene Hinkelsteine zusammengetragen, leider ohne der Wichtigkeit ihrer Fundorte für die archäologische Aufklärung Rechnung zu tragen. So weiß man bis heute wenig über Sinn und Zweck dieser Menhire und wird das vermutlich auch in Zukunft nicht mehr aufklären können. Was man weiß, ist, dass einige dieser Steine über 2500 Jahre alt sind. Kein Alter im Vergleich zu den west- und nordeuropäischen Megalithbauten der Jungstein- oder frühen Bronzezeit. Aber neben den schmucklosen vertikalen Hinkelsteinen á la Obelix sollen einige mit indianischen Symbolen wie Schlangen, Spiralen und Gesichtern verziert sein.

?Mist, ich muss doch aufhören zu rauchen!?, höre ich Sandra, meine neuseeländische Zimmergenossin und heutige Wanderbegleitung, von hinten fluchen und münze im Stillen ihren Fluch für mich in ein ?Sport, Sport, Sport – auch auf Reisen!? um. Dieser stille Gedanke gewinnt noch mehr an Gewicht, als von links schräg unten ein Hund, der mit den coupierten Ohren und dem steifen rechten Hinterlauf, einer von vielen vierbeinigen Kollegen aus dem Hostel, wir kennen ihn bereits, in einem Affenzahn bergan an uns vorbei galoppiert. Eigentlich ist er ein Invalide, scheint aber deutlich weniger Probleme mit der Steigung zu haben als wir zweibeinige Jammerlappen.

Er begrüßt uns wedelnd, als wir beide schnaufend oben ankommen. Seine halbierten Ohren hat er unternehmungslustig aufgestellt und legt aufmerksam den Kopf schräg. Wir sprechen ihn auf seine unverhoffte Begleitung an und fragen ihn, nach was ihm der Sinn stehe. Er hat einem faulen Tag auf dem ranzigen Hostelsofa offensichtlich bereits eine Absage erteilt und ist wild entschlossen: Erhobenen Hauptes und mit hüpfenden Ohrzipfeln setzt er sich an die Spitze unserer kleinen Wandertruppe und trabt los. Nun haben wir neben einer mündlichen Wegbeschreibung von Marianna und einer wunderschönen, hangezeichneten Karte von Marco auch noch einen vierbeinigen Wanderleiter ohne Namen. In Anbetracht unseres Zieles, den Hinkelsteinen am Ende des Tales, hört er ab sofort auf ?Idefix?.

So ein vierbeiniger Begleiter ist wirklich eine prima Sache. Aber als wir nach dem Besuch bei den Hinkelsteinen Stärkung in der einzigen Pizzeria im Ort suchen, dominiert seine Anwesenheit das die Pizza begleitende Gespräch: Sandra ist der Meinung, wir können nicht, wie geplant, mit dem Bus zurückfahren. Das ginge nicht, wir könnten Idefix nicht alleine hier zurücklassen. Ihre laut geäußerte Abneigung gegen Kinder macht die 37jährige Nanny und Housekeeperin mit ihrer Hundeliebe glatt wieder wett. Ich selbst halte Idefix für einen ausgesprochen cleveren kleinen Kerl. Wenn er nicht heute zurücktrabt, dann eben morgen. Viele argentinische Hunde sind Streuner, auch wenn sie irgendwo ein Herrchen haben. Er braucht unseren Beistand nicht und kennt dieses Tal hundertprozentig wie seine Westentasche. Dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen. Aber es ist, zugegeben, für meine Gegenargumentation nicht gerade förderlich, dass Idefix in mitleiderregender Haltung mit eingezogenem Schwanz vor der großen Glasfront sitzt, uns mit traurigen Augen fixiert und ganz offensichtlich trotz der Anfeindungen durch die ansässigen Dorfhunde tapfer auf uns wartet. Hundeblicke entkräften meine Argumentation, und Sandra beschimpft mich mampfend als kaltherziges Miststück. Sie legt prompt ihr Stück Pizza beiseite, um es später besonders warmherzig an Idefix verfüttern zu können.

Ich versuche ganz sportlich an den doppelten Trainingseffekt und meine marode Kondition zu denken. Letztendlich gebe ich mich geschlagen und komplettiere die Gruppe zu einem Trio, das am Ende des Abends über 30 Kilometer Fußmarsch mit einer Menge Auf-Und-Abs hinter sich gebracht haben dürfte.

Idefix begleitet uns fröhlich wedelnd nach Hause. Er ist uns immer eine Nasenlänge voraus, wartet aber geduldig, wenn er merkt, dass der Abstand zu groß wird. Auf diese Weise kommen wir zeitgleich vor den Toren unseres gemeinsamen Domizils an. Die Tür geht auf: ?Hallo ihr beiden! Hallo Fidel!? Fidel? Sandra und ich sind uns nach der mittäglichen Diskussion mit divergenten Ansichten in folgendem Punkt wieder einig: Fidels Name soll ab heute ein Suffix tragen. Von nun an heißt er ?Fidelix?!

Es gibt keine Kommentare.
Deine Meinung?

Fragen? Kommentare? Irgendwas...?

*


*

* muss sein, leider...
² sagen wir auch nich' weiter. Versprochen!

Tafí del Valle. Das Tal mit Blick Richtung El MollarTafí del Valle. Das ist IdefixTafí del Valle. Idefix hat ein paar Etagen tiefer eine Schafherde   erspähtTafí del Valle. GatterTafí del Valle. VogelscheucheTafí del Valle. Plastikblumenverzierter FriedhofTafí del Valle. Parque de los Menhires in El Mollar. GesichtigerTafí del Valle. Parque de los Menhires in El Mollar. DoppelkopfTafí del Valle. Parque de los Menhires in El Mollar. Idefix im Paradies   des Obelix
Userbild
Name
Friederike von Bistram
Alter
32
Ort
Hamburg
Webseite
---

Alle Reisen von Friederike von Bistram

Südamerika Rundreise

Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.