



Südamerika Rundreise
Die Kreuzchen sind gemacht
28.10.2007 |
Es hat gerade 12 Uhr geschlagen, 12 Uhr Mitternacht. In den Nachhall der Glocken mischen sich vom Wind zugetragene Fetzen eines kinderliedartigen Refrains: ?Todos van a votar, vamos a ganar!? Ich brauche einige Wiederholungen, um die Worte aus der Luft aufzuschnappen. Es handelt sich um alles andere als ein Kinderlied, es ist ein Schlachtlied der heute nun endlich vonstatten gegangenen Wahlen in Argentinien: ?Alle werden wählen, wir werden gewinnen!? Welche Partei sich mit diesen schlichten Worten profiliert, weiß ich nicht. Es schließt sich eine wortgewaltige Rede an, deren Übertragung so sehr hallt, dass ich kein Wort verstehe.
Seit Wochen und Monaten ist dieses Land mit Gesichtern aller Parteien tapeziert, und während der vergangenen zwei Wochen, reisend, bin ich mehrfach in den Dörfern in Autocorsi geraten oder habe von der musikalischen Beschallung durch Wahlveranstaltungen profitiert. Neben der Nachfolge des Präsidentenamts wurden heute das halbe Abgeordnetenhaus, das heißt 130 Mandate, und ein Drittel des Senats mit 24 Sitzen neu gewählt. Einige Kandidaten sind in die Schlagzeilen geraten, da sie mit ?unlauteren Methoden? um die Wählergunst buhlten, seien es in Aussicht gestellte Autoverlosungen, frisch geköpfte Hühner fürs Volk oder Werbung in Form einer Kontaktanzeige: ?Kandidat bietet sich an. Nur in Godoy Cruz. Jung. Männlich. Zuvorkommend. Einzigartige Momente. Sonntag 28. Oktober im Wahllokal. Lust bekommen??
Mit Lust hat die ganze Veranstaltung wenig zu tun, in Argentinien herrscht Wahlpflicht. Seit Donnerstag darf kein Wahlkampf mehr betrieben werden. Gestern Nacht mussten alle Lokale und Diskotheken geschlossen bleiben, damit heute mit kühlem Kopf gewählt werden kann.
Ich wüsste wirklich zu gerne, ob es schon erste Ergebnisse gibt, bin aber gerade von jeglicher Informationsquelle vollkommen abgeschnitten. Ich sitze auf dem Dach meines Hotels im Bergdorf Cachi nicht allzu weit von der Provinzhauptstadt Salta entfernt, wo ich mich heute von vier Mitreisenden, die mit mir zusammen ein kleines Auto gemietet hatten, habe aussetzen lassen. Die Fahrt hier hinauf über das Serpentinensträßchen, das mehrfach Flüsse kreuzte, war wunderbar. Aber jetzt fühle ich mich ein wenig wie ein Ufonaut, der fälschlicherweise auf einem anderen Planeten gelandet ist und dessen Funkverbindung zu seinem Heimatplaneten abgebrochen ist. Ein Fremdkörper in einem absoluten Informationsloch! Da hilft nichts anderes, als sich der Situation zu stellen: Angelockt durch die Musikfetzen und Lautsprecherstimmen, mache ich mich neugierig und wissensdurstig trotz der späten Stunde noch einmal auf, um mich unter die offensichtlich noch aktive Dorfgemeinschaft zu mischen.
Auf der Plaza herrscht Totenstille, die Lautsprecher sind inzwischen verstummt. Mir begegnet nur ein Dreiertrüppchen Halbwüchsiger, das in einem kurzen Intermezzo polternd leere Plastikflaschen mit Stöcken über das Kopfsteinpflaster jagt. Vom anderen Ende des Dorfes höre ich Stimmen und hupende Autos und spaziere dem Lärm nach. Je weiter ich in die Gasse eintauche, desto mehr Menschen kommen mir entgegen, die Veranstaltung hat sich bereits aufgelöst. Die Zielstrebigkeit der Menschen in Kombination mit meiner Müdigkeit, meinem ?Ufonautenstatus? und der geringen Aussicht auf ein Gegenüber, das eventuell ?Spanglish? spricht, verhindern, dass ich einen Schnack auf der Bordsteinkante über den Ausgang der Wahlen anzettele.
Aber eines ist auch ohne aktuelle Informationen fast sicher, dieses Land wird in Zukunft von einer Frau Präsidentin regiert werden. Und mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wird sie ?Cristina? heißen. Ob die momentane First Lady des Landes allerdings den Wahlsieg auf Anhieb errungen hat oder sich einer Stichwahl stellen muss, das bleibt offen. Der jetzigen Präsidentengattin werden um die 40 Prozent der Wählerstimmen vorhergesagt. Nach dem argentinischen Wahlgesetz ist die Wahl bereits im ersten Durchgang entschieden, wenn ein Kandidat mehr als 45 Prozent der Stimmen auf sich vereinen kann. Erreicht der Sieger nur 40 Prozent und der Abstand zum nächstplatzierten Kandidaten beträgt mindestens zehn Prozent, so ist ebenfalls kein zweiter Wahlgang notwendig. Cristinas Widersacher ist ebenfalls eine Frau, Elisa Carrió, eine Mitte-Links-Kandidatin, die sich als eines ihrer Hauptziele den Kampf gegen Korruption auf die Fahnen geschrieben hat. Laut den letzten Prognosen wird sie allerdings lediglich um die 20 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Alle anderen Präsidentschaftsanwärter fallen noch weiter ab. Ein bisschen Spannung bleibt trotzdem, da es im Vorfeld noch eine circa 20 Prozent starke Gruppe Unentschlossener gab und Wahlprognosen in der Regel mindestens so trügerisch sind wie die Vorhersage einer Schönwetterperiode.
Was das Beste für dieses Land ist? Die Meinungen derer, mit denen ich mich im Vorfeld darüber unterhalten habe, gehen achselzuckend auseinander. Die meisten sprechen sich für eine Fortsetzung der Politik Kirchners durch seine Frau Cristina und ihrer Partei ?Frente para la Victoria?, einer Splitterpartei der Peronisten, aus und spiegeln damit die Umfrageergebnisse wider. Die Stimmen der Opposition sprechen von Politikdynastie, im schlimmsten Fall sogar von Familiendiktatur, in der das Zepter wechselweise von Amtszeit zu Amtszeit weitergereicht werden wird. Es ist die Rede von undurchsichtiger, autoritärer Politik. Die einen loben den wirtschaftlichen Aufschwung und hoffen auf Fortsetzung, die anderen kritisieren geschönte Inflationszahlen und Intransparenz. Die Beschimpfungen und Kritik von der einen zur anderen Seite sind wie überall auf der Welt in der Hitze des Gefechts heftig und unlauter und hoffentlich in ihrer Dimension unberechtigt. Egal wie diese Wahlen entschieden werden oder wurden, es ist zu wünschen, dass sie diesem Land wohl bekommen werden.
Diese Gedanken resümierend lande ich nach meinem kleinen Spaziergang wieder vor meiner Zimmertür auf der Dachterrasse meines Hotels. In der Finsternis knirscht der Schlüssel ungehörig laut im Schloss, das Schaben der etwas schief in den Angeln hängenden Tür auf dem Fliesenfußboden schließt sich an. Mit einem letzten Blick auf den schweigenden Glockenturm über den Dächern und den Bergen rund um Cachi, bette ich mich zur Ruhe: Alles Gute, Argentina!
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- Name
- Friederike von Bistram
- Alter
- 32
- Ort
- Hamburg
- Webseite
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Alle Reisen von Friederike von Bistram
Südamerika Rundreise
Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.











