ArgentinienBolivienChileEcuadorPeruSüdamerika Rundreise

Oma, Antonio und ich in den Anden

23.10.2007 |

?Heiliger Antonius von Padua , hülf, hülf hülf!? Diesen vielgeäußerten Worten meiner aus einem schwäbischen Wallfahrtsort stammenden Großmutter Emmel, Gott hab sie selig, folgte stets ein kleiner Reim, dessen Worte mir über die Jahre entfallen sind, der aber, so empfand ich zumindest als Kind, eher einem Karnevalsspruch glich als einem ernstgemeinten Gebet. Antonius wurde regelmäßig um Hilfe gerufen, immer dann, wenn Schlüssel, Hörgerät oder Portemonnaie verlegt und absolut nicht auffindbar waren. Ab einem gewissen Alter hatte meine Oma ein Dauerabo bei diesem Heiligen. Ob nun im Endeffekt der Heilige Antonius ihr Retter in der Not war, oder doch die findige Enkelin, sei dahingestellt. Sagen wir es so, Antonius hat vermutlich erfolgreich meine Schritte gelenkt.

Dieser Heilige ist mir also von klein auf gut vertraut und quasi ein alter Bekannter, umso erstaunter bin ich, ihm hier in den argentinischen Anden im Nordwesten des Landes wieder und in einem ganz anderen Zusammenhang zu begegnen. Aus Holz geschnitzt und bunt bemalt wird er von vier Männern auf einer Sänfte feierlich durch das Dorf getragen. Antonio dicht auf den Fersen ist der Dorfpfarrer in weißem Gewand, ihm schließen sich eine Reihe wild tanzender Kinder an. Sie sind farbenfroh kostümiert und zum Teil maskiert. Ein Bursche mit einer Stiernachbildung auf dem Kopf ist der Leithammel, ihn umspringen mit hengstartigen Bewegungen kleine Gauchos, deren indianische Gesichtszüge im Schatten riesiger Hutkrempen liegen. Ihre schmalen Schultern sind mit blauen Dreieckstüchern mit Sonnensymbolen behängt, und in Gürtelhöhe stehen kleine, spielzeugartige Pferdeköpfe von ihren Bäuchen ab. Die weitaus größte Zahl der Kinder steckt hinter glatten Masken mit hoher, vorgewölbter Stirn, die an die Gesichtszüge einer asiatischen Geisha erinnern. Aber Asien ist fern, dafür ist die bolivianische Grenze umso näher, weniger als 100 Kilometer entfernt. Das Bergdorf Iruya liegt bereits nördlich des südlichen Wendekreises, circa 50 Kilometer abseits der weiter nach Norden führenden Hauptstraße. In Stunden gemessen: Satte zweieinhalb Stunden Autofahrt über eine sich in Haarnadelkurven in die Berge windende Schotterpiste von jeglicher Verkehrsader entfernt, in der Einsamkeit buntgemusterter Berge.

Iruyas Gassen sind steil, die weißen Häuser drängen sich dicht an den Berg und nah aneinander. Die Plaza scheint der einzige ebene Fleck dieses Örtchens zu sein. Hier tummelt sich heute die gesamte Dorfgemeinschaft. Die Sonne steht im Zenith, und die zahlreiche Kinderschar, die nicht zur tanzenden Truppe gehört, steckt noch in ihren weißen Schulkitteln, ihre Lehrer auch. Das zeugt davon, dass sie quasi direkt vom Unterricht zur Kirche geeilt sind. Einige Eltern säumen, mit Kameras ausgestattet, die Prozession und fotografieren stolz ihre tanzenden Sprösslinge. Das ganze Dorf ist in heller Aufregung. Die Luft bebt, und fast meint man, die positiven Vibrationen wären die Basis des Trommelrhythmus, der die Prozession begleitet. Hin und wieder unterbricht ein heiseres Hupen, das ein kleiner Mann mit einem senkrecht in die Luft gehaltenen und an ein Heizungsrohr erinnerndes Blasinstrument von sich gibt, die Trommelschläge.

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und ich spüre plötzlich, und zum ersten Mal so deutlich: Hier bin ich wirklich fremd und ganz offensichtlich außenstehende Beobachterin einer anderen Welt. Hier kann ich mich nicht mehr in der Menge verstecken, falle auf als Bleichgesicht. Und diese Szenerie entbehrt für mich jeglicher vorangegangener vergleichbarer Erfahrung: Eine kirchliche Prozession so bunt, laut und erdig, dass es mir an Vergleichen fehlt. Gott im Himmel und Pachamama gehen hier Hand in Hand, verflechten sich zugunsten der Sicherung der Grundbedürfnisse dieser Dorfgemeinschaft zu einem mächtigen Ganzen.

Und der heilige, schlüsselsuchende Antonius meiner Kindheit? Der muss sich verkleidet haben, wie die vielen begeistert tanzenden Kinder. Ich erkenne ihn nicht wieder, habe keine Ahnung, was die Menschen sich hier im Detail von seiner Hilfe erhoffen. Aber Antonio selbst wird es sicherlich wissen. Mir gefällt seine temperamentvoll umfeierte Präsenz und meine aus dem Nichts aufgetauchte Erinnerung an meine Oma in diesem Bergdorf im Nirgendwo. Ich schicke von meiner Seite ein aufrichtiges ?Heiliger Antonius, hülf, hülf, hülf!? gen den hier greifbar nahen Himmel.

Es gibt 2 Kommentare.
Deine Meinung?

  1. Erstmal alles gute zu 2008.

    Meine Mutter Julchen sagte beim Suchen immer:
    Heiliger Antonius von Padua, hilf mir suche was I verlore ha.

    Grüßle
    Markus

    sagte Markus am 09.01.2008 um 20:21 Uhr #

  2. Hallo liebe Fredi,
    ich habe es bisher noch nicht geschafft, mich bei Dir einzu lesen. Ich werde es aber nachholen. Was ich in der Kürze schon gelesen habe klingt gut. Ich wäre wirklich gern dabei.
    Du weißt ja, zu zweit macht es doppelt Spaß.
    Ich freue mich, dass es Dir gut geht und du bisher von irgendwelchen "Nicklichkeite" aller Art verschont geblieben bist.

    Laß Dich also nicht ärgern sondern genieße den Traum.

    Bis denn... Anton

    sagte Anton aus Hamburg am 10.01.2008 um 09:44 Uhr #

Fragen? Kommentare? Irgendwas...?

*


*

* muss sein, leider...
² sagen wir auch nich' weiter. Versprochen!

NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 1NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 2NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 3NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 4NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 5NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 6NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 7NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 8NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 9NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 10NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 11NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 12NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 13NW-Rundreise. Im Bergdorf Iruya. Prozession des Heiligen Antonio 14NW-Rundreise. Irgendwo im Nichts ein Billboard mit NichtsNW-Rundreise. Bunte Berge irgendwo am Rande der StraßeNW-Rundreise. Paleta del Pintor. ZackenlitzenbergeNW-Rundreise. Berge bei MaimaráNW-Rundreise. Vieles was hier wächst hat Stacheln. Kakteen,   Diesteln...NW-Rundreise. 10 m hohe Cardones am Rande der vorübergehend   stillgelegten vierthöchsten Bahnstrecke der WeltNW-Rundreise. Tastil. Undeutliche Ruinenreste einer präkolumbianischen   FestungNW-Rundreise. Tastil. Ein Ort um Legenden zu spinnenNW-Rundreise. El Pucará bei Tilcara, eine restaurierte und   rekonstruierte präkolumbianische FestungNW-Rundreise. El Monton in der Puna. Zum Mittagessen gab es angeblich   LamaNW-Rundreise. El Monton in der Puna. Das Einfamiliendorf hat eine   eigene kleine KircheNW-Rundreise. Einzelstück. Honni soit qui mal y pense...NW-Rundreise. Salinas Grandes. SalzgewinnungNW-Rundreise. Salinas Grandes. Natürliche Salzkristallordnung.   Unregelmäßig und doch sortiertNW-Rundreise. Salinas Grandes. SalzaltarNW-Rundreise. Salinas Grandes. Glatt und gleißendNW-Rundreise. Salinas Grandes. Salzeule vor windzerzauster FlaggeNW-Rundreise. Salta. StruwwelpeterwettermännchenNW-Rundreise. Salta. Ausgangs- und Endpunkt der Rundreise. Blick vom   Cerro San Bernardo
Userbild
Name
Friederike von Bistram
Alter
32
Ort
Hamburg
Webseite
---

Alle Reisen von Friederike von Bistram

Südamerika Rundreise

Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.