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Die junge Frau und das Meer

10.10.2007 |

Einige wenige ausgleichende Zuckungen im Gefieder verraten, dass die Szenerie dieses Balanceaktes im Küstenwind mehr ist als ein Gemälde. Ein Bild, ganz in Watte gepackt. Ich höre nichts, der Wind ist stumm. Es bewegt sich nichts, bis auf die Wellen viele Etagen tiefer. Eine eigenartig gefilterte Szenerie, die meine Sinne täuscht. Ich sitze im Windschatten, obwohl mir eine Düne als Sofa dient, die hoch oben auf einer Klippe thront. Vor mir fällt der Hang steil ab ins Meer. Die schwebenden Möwen tummeln sich über meinen Köpfen. Mit ausgebreiteten Flügeln und gestreckten Hälsen bieten sie dem Wind die Stirn und nutzen seinen Widerstand, um fast reglos auf einem Fleck hoch über dem tiefblauen Meer zu verharren.

Mein Spaziergang gen Osten wird durch einen großen Priel gestoppt und führt mich zurück über die heimatliche Bucht entlang eines mehrere Kilometer langen Streifen hellen Sandes bis zu den Felsen, die den Durchgang zur im Westen gelegenen Nachbarbucht erschweren. Hinter dem Aufstieg zu einem kleinen Leuchtturm werde ich auf meine Qualitäten als Gemse geprüft. Breite Felsen bieten mir ihre Rücken, um von einem zum anderen zu klettern. In den Spalten zwischen den Steinkolossen gurgelt und schmatzt das Meer. Es leckt sich die Lippen nach mir. Ich aber habe Gemsentalent!

Im Angesicht der unendlichen Weite des Atlantiks, des Temperaments der Wellen und der imposanten Größe der steinernen grauen Riesen zu meinen Füßen schrumpfe ich. Ich schrumpfe und fühle mich dabei erhaben und leicht. Der Wind pustet mich durch, trifft mich auf voller Breitseite, und ich tue es den Möwen gleich, stemme mich gegen seine Kraft und schwebe! Vor mir werfen sich die Wellen selbstvergessen an die Felsen und zerbersten in viele kleine Perlen, die in der Sonne funkeln. In unregelmäßigen Abständen trifft mich eine salzige Brise, und ich weide meine Augen an den Horizontalen unterschiedlichen Blaus, die klare Grenzen zwischen Vorder- und Hintergrund nicht erkennen lassen. Meinem Zeitgefühl widerfährt Ähnliches, Vergangenheit und Zukunft diffundieren zur alleinig vorhandenen Gegenwart. Ich bin endlich vollkommen im Jetzt angekommen!

Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen, aber nicht weit von mir aalt sich ein Seehund auf den braunen Felsen. Ich entdecke ihn erst, als die weiße Gischt seine Silhouette hintermalt. Die Farbe seines Fells gleicht dem des braunen Felsens bis aufs Haar. Alle paar Minuten wendet er sich, als ob er, wie die enthusiastischsten Sonnenanbeter der menschlichen Gattung, jede Fuge seines an Land so behäbigen Körpers bräunen wollte. Wir genießen in trauter Zweisamkeit die Einsamkeit des felsigen Küstenstreifens. Hin und wieder prüft er, ob ich noch da bin, ich tue das gleiche. Wir beobachten uns neugierig aber gelassen und wohlwollend. Ich taufe ihn auf den Namen Fred!

Es gibt 4 Kommentare.
Deine Meinung?

  1. Liebe Friedie, "wie die Möwen dem Wind die Stirn bieten", das ist ein Lebensmotto, mit dem Gesine und ich Dir herzlich zum neuen Lebensjahr gratulieren. Wir wünschen Dir in der ersten Hälfte dieses neuen Jahres noch viele neue schöne Bilder und Entdeckungen und Erfahrungen und in der zweiten Hälfte wünschen wir uns einen gemeinsamen Abend mit Deiner Mutter, wo wir dann mit Deinen Bildern und Deinen Erzählungen Deine Reisewege nachzuvollziehen versuchen. Was Fred wohl an Deinem Geburtstg macht? Konntest Du die Beziehung erhalten? Ob er ahnt, dass Du Geburtstag hast und dass Übermorgen der erste Advent ist?
    Alles Gute wünschen Gesine und Kaj

    sagte Kaj Wechterstein am 30.11.2007 um 18:34 Uhr #

  2. Sodele, ich hab's geschafft!
    Nachdem ich meinen Kopf jetzt wieder aus den Lehrbüchern herausziehen durfte, konnte ich mich wieder an deinen Erlebnissen ergötzen und habe tatsächlich wieder den neuesten Stand erreicht. Deine Beobachtungsgabe und dein Schreibstil kombinieren sich wirklich zu einem unfassbar prachtvollen Gebilde! Dankeschön!
    Nochmal alles Gute zum Geburtstag!
    Dein Bruderherz

    sagte Max am 01.12.2007 um 15:49 Uhr #

  3. Liebe Friedi, heute hast du Geburtstag und hierzu gratulieren wir dir von ganzem Herzen.
    Wie schön du deine Reise beschreibst bewegt uns wirklich sehr und wir haben viel Freude an deinen Berichten und Bildern.
    Feiere deinen Geburtstag recht schön und lasse es dir im kommenden Jahr sehr gut ergehen.
    Alles Liebe von Nati und Manfred

    sagte Feinstein, Minden am 01.12.2007 um 19:02 Uhr #

  4. Liebe Friedi,
    unseren herzlichen Glückwunsch zu Deinem Geburtstag und ganz liebe Grüße von den Bodenseelern, Dina, Michael, Monja und Dominik. Wo immer Du gerade bist, lass es Dir gut gehen. Deine Berichte sind super, wir freuen uns jedes Mal.
    Wir wünschen Dir weiterhin eine gute Reise mit vielen tollen Eindrücken.

    sagte Michael Austrup am 01.12.2007 um 20:58 Uhr #

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* muss sein, leider...
² sagen wir auch nich' weiter. Versprochen!

Punta del Diablo. DahingegossenPunta del Diablo. Versteinerter PoPunta del Diablo. Steinerne ErbsePunta del Diablo. Gleich kullert er ins Wasser...Punta del Diablo. SpritzwasserPunta del Diablo. Das ist FredPunta del Diablo. Fußabdruck eines MotorradsPunta del Diablo. Und da teilte sich das Meer...Punta del Diablo. Kneipp lässt grüßen...Punta del Diablo. Harte Schale, weicher KernPunta del Diablo. Genügsames GrünPunta del Diablo. Gestrandete Fischerboote bei Nacht
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Friederike von Bistram
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Alle Reisen von Friederike von Bistram

Südamerika Rundreise

Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.