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Frühlings- und Ferienanfang

21.09.2007 |

Nicht weit von der Schule in einem Straßencafé auf der Avenida de Mayo kitzelt die Sonne meine noch blassen Sommersprossen. Der Kaffee schmeckt samtig stark und gut. Mir gegenüber sitzen Karen und Tahir, dahinter begrenzt der Palacio del Congreso die Kulisse. Der pompöse Bau ist dem Capitol in Washington nachempfunden. Er hat Unsummen verschlungen und wurde 1906 fertiggestellt. Diese drei Informationen sind das exklusive Extrakt, und ich bitte das zu würdigen, einer Führung auf Spanisch, der ich mich aus Neugierde und Übungszwecken am Dienstag angeschlossen hatte. Die Dauer war auf 50 Minuten angesetzt, nach 20 Minuten war der Zauber vorbei und alles gesagt. Diese Platte war eindeutig auf doppelte Geschwindigkeit eingestellt und hatte einen Lispelfehler. Ich habe wirklich fast nichts verstanden.

Heute gibt es viele Gründe in der Sonne zu sitzen und zu feiern: Es ist Frühlingsanfang, „Día del Estudiante“ und Karens und mein letzter Schultag vor den selbstverordneten Ferien. Wir haben unsere Abschlussprüfung heute mit Bravour bestanden, und Tahir beglückwünscht uns, ganz Professor, zu unserem „Einserschülerinnenfinale“. Tahir hat sich bereits letzte Woche Urlaub gegönnt und ist sichtlich entspannt. Er hat seine wilde Sonnenbrille gezückt, die ihn in ein harmloses, behäbiges Insekt verwandelt und schlürft genüsslich an einer Tasse Kaffee. Schade, dass wir durch sein Ausscheiden die anfängliche Dynamik unseres Klassentrios auf die eines Duos eindampfen mussten, aber die durch den Schülerschwund gesteigerte Pro-Kopf-Aufmerksamkeit unserer Lehrerin Virginia hat Karen und mir während der letzten Woche sicherlich nicht geschadet. Wir hatten nach unserem anfänglichen Schnellstart der ersten Woche in der dritten eine Menge aufzuholen.

Grund dafür war ein überraschender Schülerzuwachs in Woche zwei, der uns um Welten zurückgeworfen hat. Diese kritische Epoche trägt in meiner Chronik den politisch nicht ganz korrekten Titel „Irisches Intermezzo“. Am Dienstag vergangener Woche war er plötzlich da, der neue und vierte Schüler unserer Klasse: Rotblond, Ende zwanzig, Partylöwe, kurz „Olin“. Man muss zu seiner Verteidigung sagen, es war nicht sein Fehler, dass man ihn in unsere Klasse gesteckt hat. Vielmehr lässt es an der Qualität der Sprachschule zweifeln, wenn die Schulleitung meint, einen absoluten Anfänger in eine Klasse stecken zu können, die ihm immerhin schon eine ganze Woche plus einen Tag voraus ist. Korrekt wäre gewesen, ihm entweder Einzelstunden zum Gruppentarif anzubieten, um ihn schnellstmöglich auf den Stand einer der Klassen zu bringen, oder ihm eine andere Sprachschule zu empfehlen. Aber beides hieße für die Schule, auf eine Summe X zu verzichten.

So betätigten wir etwas unfreiwillig die „Repeat-Taste“. Eine Wiederholung ab Kapitel drei wäre sicherlich sinnvoll gewesen, stattdessen aber starteten wir bei Seite eins. Virginia litt sichtlich unter diesem ihr aufs Auge gedrückten Auftrag und raste im Schweinsgalopp durch die Seiten. Sie eilte, Olin versuchte zu folgen, Karen und ich rollten mit den Augen um die Wette und Tahir schlief. Letzteres war im Grunde sehr vernünftig! Er outete sich in der ersten Kaffeepause, indem er Karen und mich fragte, was für eine sonderbare Frage wir gestellt hätten, dass wir ausgerechnet zu Kapitel eins zurückgesprungen waren. Tahir ist kein Morgenmensch!

Und Olin sehr von sich überzeugt! Er startete in unserer Klasse mit den Worten, dass er jetzt für eine Woche Unterricht nähme, den Rest bringe er sich selbst bei. Er spräche fließend Französisch, das sei kein Problem. Okay, ein Mann, ein Wort! Statt der angekündigten Woche sahen wir ihn exakt drei Tage, am vierten soll er nach Brasilien abgereist sein. Ob ihm bewusst war, dass man dort Portugiesisch spricht? Mir ist von dem Burschen vor allem eines in Erinnerung geblieben: Sein T-Shirt! Bedruckt mit einem wirren Wolleknäuel, auf dessen rechter Seite sich ein Ende des Wollfadens zu folgenden Worten formte: „My life!“ Ich bin geneigt, mir ein T-Shirt dieser Art nachzubauen, bin mir aber jetzt schon im Klaren, dass ich niemals in der Lage sein werde es so perfekt auszufüllen wie Olin seines.

Zwischen Kavalieren und Machos

Sonne und Kellner lachen heute um die Wette, und ehe wir es uns versehen, haben Karen und ich eine weitere Nelke in der Hand. Zum Frühlingsanfang schenkt man den Damen hier Blumen. Ich habe schon einen ganzen Strauß gesammelt, rote, rosa und weiße. Wenn die von mir mit Skepsis erwartete Machokultur sich darin äußert, bin ich gewillt, auf der Stelle alle Vorurteile abzulegen. Auch an die vermeintlich antiquierten und hier noch viel üblicheren Umgangsformen eines Gentleman, den Damen die Türen aufzuhalten, ihnen den Vortritt zu lassen oder einen Sitzplatz anzubieten, kann ich mich problemlos gewöhnen. Inwieweit diese Art des Umgangs allerdings auch eine traditionellere Rollenverteilung widerspiegelt, mit der ich bei engerer Tuchfühlung sicherlich meine Probleme hätte, wage ich nicht zu beurteilen. In Buenos Aires selbst beobachte ich viele sehr emanzipierte, junge Frauen und habe nicht den Eindruck, dass sie ihren männlichen Altersgenossen in etwas nachstehen. Wie es sich aber in ländlicheren Gebieten verhält, oder wie hoch die Zahl der weiblich besetzten Führungspositionen im Vergleich zu den männlichen tatsächlich ist, ist mir nicht bekannt. Für den Moment genieße ich es, im guten wenn auch mit Sicherheit naiven Glauben zu sein, dass dies ein Ort ist, an dem es sich nicht widerspricht, bei Bedarf die Hosen anzuhaben und trotzdem als Frau umworben zu werden. Klingt perfekt, oder?

Die Kehrseite der Medaille allerdings zeigt sich, wenn ich neben Karen durch die Stadt spaziere. Karen ist blond. In ihrer Gegenwart muss ich mit Erstaunen feststellen, wie vulgär das an sich harmlose Wort „Rubia“ ausgesprochen werden kann. Es heißt nichts anderes als „Blondine“. Ob dieses Wort nun im Deutschen wirklich wertneutral ist, sei dahingestellt, aber in den Straßen von Buenos Aires dient es dem unverhohlenen Ausdruck lechzender Geilheit. Das Ganze passiert ganz nebenbei im Vorübergehen. Während sich der „Verehrer“ nähert, rollt das „R“ drohend in Richtung „U“. Das „B“ schließt auf unspektakuläre Weise an, aber spätestens beim Übergang vom „B“ zum „I“ hat sich Mister Macho respektlos nah an Karens Ohr herangearbeitet, um diese spuckefeuchte Buchstabenkombination in ihrem Ohr zu entladen. Das lieblos langgezogene finale „A“ ersäuft im vorangegangen Höhepunkt und verblasst dank der sich wieder einstellenden größeren Distanz auch akustisch. Das war’s. Einer von vielen Auftritten dieser Art, die in unregelmäßiger aber relativ hoher Frequenz auftreten. Diese Situationen sind nicht gefährlich, die Typen gehen weiter, sie sind einfach nur unangenehm. Ich verpasse irgendwie den Punkt, an dem man das noch als Kompliment verstehen könnte, bei allem Bemühen um das Verständnis einer fremden Kultur. Und ich weiß jetzt, dass es ein Privileg ist, kurz gewachsen und dunkelhaarig zu sein. Ich selbst gehe in Buenos Aires in der Menge komplett unter und profitiere dabei wirklich von den positiven Seiten des eher höflichen und respektvollen Umgangs zwischen Mann und Frau.

Abends, zurück zu Hause in der Casa Esmeralda, finde ich eine weitere Nelke auf meinem Bett. Ich weiß diese Geste zu schätzen und sortiere sie hocherfreut zu den anderen in das zur Vase erklärte Trinkglas auf dem Küchentisch. Der kleine Blütenzauber macht sich gut vor der roten Wand. Feliz Primavera!

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Feliz Primavera. Plakatierte Fassade am Kindergarten neben der   SprachschuleFrühlingsanfang. Heute trifft man sich im Park zum Picknicken und   PlaudernFrühlingsanfang. Blauer Himmel, Sonne und sattgrünes GrasFrühlingsanfang. Es riecht grünFrühlingsanfang. Blick von der Plaza San Martin in Richtung des   Bahnhofs RetiroFrühlingsanfang. Enormer Baumbestand auf der Plaza San MartinFrühlingsanfang. Sonnenbäume auf der Plaza San MartinFrühlingsanfang. Sonnenbäume auf der Plaza San Martin Richtung Avenida   FloridaFrühlingsanfang. Picknick unter Palmen an der Plaza San MartinFrühlingsanfang. Wollbaumfrüchte platzen und drohen picknickende   Pärchen zu erschlagenFrühlingsanfang. WollbaumbehangFrühlingsgrün. Im Spiegel der FassadenFrühlingsgrün. In monochromem Grau, gefilterte FarbenFrühlingsanfang. Begrünter Spielplatz auf der Plaza San MartinFrühlingsanfang. Nickerchen an der Plaza San Martin
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Friederike von Bistram
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Alle Reisen von Friederike von Bistram

Südamerika Rundreise

Hallo! Ich bin Friederike, 31, und im „wahren Leben“ Grafikerin in Hamburg. In Kürze verlasse ich dieses „wahre Leben“ vorübergehend und tausche es gegen einen Traum: Ich werde für 10 Monate durch Südamerika reisen. Die Route ist offen, und wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel.
Ich möchte Spanisch lernen, Menschen begegnen, Tango tanzen, fotografieren und schreiben, Berge erklimmen, das Blau der Ozeane mit dem Himmel vergleichen und frische Luft atmen…
Letzteres wird wohl hintangestellt werden müssen, denn meine Reise beginnt in einer 12-Millionen-Metropole mit trügerischem Namen: Buenos Aires. Am 29. August geht es los, und schon am 3. September werde ich „eingeschult“, um meinen sehr überschaubaren Wortschatz, der sich bislang auf „Hola“ und „Un café con leche, por favor“ beschränkt, reisetauglich auszubauen.